Die Forderung nach Kontingenten für Flüchtlinge ist eigentlich der perfekte Kompromiss in der Flüchtlingskrise. Er ermöglicht es allen Parteien, ihr Gesicht zu wahren – das freundliche wie das harte. Die CSU und die wachsende Fraktion der "Harten" bekommen eine Art Obergrenze. Und für die "Freundlichen" – die Kanzlerin, die SPD und übrigens auch die Grünen – sind die Kontingente eine Möglichkeit, den Schleppern die Geschäftsgrundlage zu entziehen. Wenn der Staat aussucht, wer kommen darf, dann kann er sich auf die besonders Hilfsbedürftigen konzentrieren – auf Frauen und Kinder, auf Verletzte und Kranke. Der entscheidende Unterschied zwischen den beiden Vorstellungen ist, dass die Harten ein nationales Kontingent wollen und die Freundlichen ein europäisches.

Beide Fraktionen sind auf etwas angewiesen, das es derzeit nicht gibt: europäische Solidarität. Das europäische Asylrecht war für Schönwetterzeiten gemacht, in denen ein paar Tausend Flüchtlinge kamen – nicht Millionen. Das Schengener Abkommen mit seinem Verzicht auf nationale Grenzen wurde im Vertrauen auf den Schutz der Außengrenzen beschlossen. Bei der Sicherung dieser Außengrenzen verließ man sich stillschweigend auf Diktatoren wie den Ägypter Hosni Mubarak oder den Libyer Muammar al-Gaddafi. Wer keine Außengrenzen hatte – wie die Bundesrepublik –, überließ die Lösung des Problems gern Italienern, Spaniern oder Griechen.

Das alles geht nun nicht mehr. Der Plan der Kanzlerin – ja, sie hat einen Plan – setzt zwar in erster Linie auf ein Abkommen mit der Türkei: Wir nehmen den Türken eine halbe Million bereits registrierter Flüchtlinge ab – und sie nehmen im Gegenzug diejenigen zurück, die außerhalb des Kontingents kommen.

Aber dieses "Wir" ist eben nicht nur Deutschland. Es ist Europa. Und da wird es höchste Zeit, dass die Bundesregierung die Scheu fallen lässt, Finanzpolitik und Flüchtlingspolitik miteinander zu verknüpfen. Alles hängt mit allem zusammen. Es ist absurd, dass vor allem die osteuropäischen Länder dem "Moloch Brüssel" mit Spott und Hass begegnen und gleichzeitig im großen Stil Regionalförderung entgegennehmen.

Schon klar: Das Eingeständnis von finanzieller Abhängigkeit passt nicht so recht zu dem fremdenfeindlichen Machismo, den man sich in Ungarn und neuerdings auch in Polen leistet. Dann wird es vielleicht Zeit, mal von außen daran zu erinnern.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 26.11.2015.

Seit mehr als zehn Jahren sind Polen, Ungarn, Tschechien, das Baltikum und die Slowakei Mitglieder der Europäischen Union. In all diesen Jahren hat die EU ihnen Milliarden dafür bezahlt, dass ihr niedriger Lebensstandard höher, ihre marode Infrastruktur moderner und ihre Wirtschaft wettbewerbsfähiger wird. Und zu Recht erwarten sie europäische Solidarität, inklusive militärischen Beistands gegen Russland.

Dass Flüchtlingen Schutz gewährt wird, gehört allerdings auch zu den Grundfesten dieser Gemeinschaft – und es waren nicht zuletzt Osteuropas Dissidenten, die im Kalten Krieg zu denen zählten, die diesen Schutz genossen. Manche, wie der polnische Arbeiterführer Lech Wałęsa, erinnern heute noch daran. Die neue Regierung seines Landes unter Beata Szydło hat dagegen jetzt die europäische Flagge aus dem Raum entfernt, in dem sie ihre wöchentliche Pressekonferenz abhält. Dort steht nun nur noch die polnische Fahne. Die Hilfen aus Brüssel nimmt man aber weiterhin gern entgegen – bitte unauffällig überweisen, man möchte nicht zusammen gesehen werden.

Immer schriller werden die Bekenntnisse zum Christentum, die aber offenbar vor allem als Hass auf Schwule und auf das verkommene Europa verstanden werden. Derweilen verfolgen die Staaten des Balkans eine ganz eigene Kontingentlösung. Durchgelassen werden nur noch Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan. Die ersten Verzweifelten aus dem Iran haben sich aus Protest die Lippen zugenäht.

In der Finanzkrise pochten alle auf die Solidarität von Europas stärkster Volkswirtschaft – wogegen auch nichts zu sagen ist, wenn die Deutschen dann nicht ausgerechnet in dem Moment im Stich gelassen werden, wo es um Menschen geht und nicht um Drachmen.