Ein Flüchtling an der türkisch-griechischen Grenze © Bulent Kilic/AFP/Getty Images

Es ist noch vor zehn Uhr am Montagmorgen, als dem Dozenten dämmert, dass vermutlich keiner der Studenten seine Texte gelesen hat. Peter Olsthoorn, ein hagerer Mann mit dramatischem Seitenscheitel und blauem Anzug, wandert im Hörsaal auf und ab. "Handle stets so, dass für die größtmögliche Zahl an Menschen das größtmögliche Maß an Glück entsteht", sagt er. "Weiß jemand, von wem das ist?" Stille im Hörsaal. "Utilitarismus", sagt Olsthoorn, "eine ziemlich wichtige Denkschule." Nächster Versuch: "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde – damit sollten jetzt aber einige von Ihnen vertraut sein?" Wieder Stille. Dann fragt einer der Studenten: "Die Bibel?" Auf Kant kommt niemand.

Die Vorlesung "Grundlagen der Ethik" findet statt in einem schicken Hörsaal mit unverputzten Betonwänden, im Trainingszentrum der niederländischen Gendarmerie nahe dem Amsterdamer Flughafen. 24 Männer sitzen hier auf googlebunten Klappstühlen, auf vielen ihrer Köpfe schimmern die ersten weißen Haare. Die Jacken der Studenten, die sie erst nach Aufforderung ausgezogen und sie dann, vorsichtig gefaltet, über die Stuhllehnen gelegt haben, zieren die Hoheitszeichen europäischer Staaten. Es sind die Logos der rumänischen Politia de Frontiera zu sehen, der spanischen Guardia Civil oder der estnischen Politsei. Die Studenten sind der erste Jahrgang des berufsbegleitenden Masterstudiengangs in Strategic Border Management, der von der EU-Grenzschutzagentur Frontex entwickelt wurde, jener umstrittenen Behörde, die die EU-Außengrenzen sichert. In Kroatien etwa, zwischen der Türkei und Bulgarien und vor allem auf dem Mittelmeer, wo fast wöchentlich Menschen sterben. Grenzschützer weiterzubilden: Davon erhofft sich Frontex auch, die Zusammenarbeit zwischen den Staaten in der Flüchtlingskrise zu verbessern.

"In einer Zeit, in der die EU mit beispiellosen Herausforderungen an ihren Grenzen konfrontiert ist, schafft unser Studiengang die einmalige Gelegenheit für aktuelle und zukünftige Anführer von Grenzschutzorganisationen, gemeinsam zu arbeiten und zu lernen", sagte Frontex-Direktor Fabrice Leggeri zur Eröffnung des Masters im September. Insgesamt 15 Staaten von Portugal bis Schweden haben ihr Personal zum Frontex-Studium entsendet. "Jedes Land bildet nur nach seinem eigenen Bedarf aus", sagt Anemona Peres, die als Projektleiterin bei Frontex den Studiengang mitentwickelt hat. "Diejenigen, die heute in diesem Hörsaal sitzen, werden vermutlich die Strategien und Richtlinien von morgen schreiben", sagt sie. "Wir versuchen, sie anzuregen, die europäische, die globale Perspektive einzunehmen." Um Grenzen zu sichern, müssen die Frontex-Studenten zuerst Grenzen überwinden.

Profitieren sollen davon beide Seiten: Die Mitgliedsstaaten, die ihre Grenzschützer weiterqualifizieren, und die Agentur Frontex, die bei ihren Einsätzen an den EU-Außengrenzen auf das Personal und das Equipment dieser Staaten zurückgreift – Frontex selbst hat nur etwas über 300 Mitarbeiter. Das Budget der Agentur wächst indessen kontinuierlich: von 15 Millionen im Jahr 2006 auf 150 Millionen 2015. Den Großteil des Geldes setzen sie für Grenzschutzmissionen ein, vor allem auf dem Mittelmeer. Andere Posten sind Gruppenabschiebungen aus der EU, Forschung zu Überwachungstechnologien oder eben die Aus- und Fortbildung von Grenzschützern.

Frontex wird von seinen Kritikern oft in einem Atemzug genannt mit der "Festung Europa". Reporter, die über Flüchtlinge berichten, schreiben manchmal sogar von einer europäischen "Streitmacht". Die Wirklichkeit ist facettenreicher, als es die militaristischen Metaphern erahnen lassen. Wie fast überall in Europa herrscht auch unter seinen Grenzschützern eine auf den ersten Blick verwirrende Vielfalt: Einige Frontex-Studenten unterstehen dem Verteidigungsministerium ihres Landes, wie etwa die beiden Grenzschützer der niederländischen Gendarmerie. Die meisten hier sind jedoch keine Militärs, sondern in zivilen Polizeieinheiten organisiert. Für manche von ihnen ist es Alltag, Küsten zu überwachen, für die beiden Finnen zum Beispiel oder für die Spanier. Andere wissen wenig von Seerecht und maritimen Rettungsmissionen, denn sie müssen erst in den Urlaub fahren, um das Meer zu sehen, wie der Österreicher im Hörsaal. Deutsche sind im neuen Studiengang übrigens nicht vertreten – aktuell bestehe "kein Bedarf für eine solche Qualifizierung", sagt ein Sprecher der Bundespolizei.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 26.11.2015.

Die "beispiellosen Herausforderungen", von denen Frontex-Direktor Fabrice Leggeri spricht, erleben die Studenten ganz unterschiedlich. Einige haben seit Jahren mit Flüchtlingen aus den arabischen Ländern zu tun wie der Italiener oder der Grieche. Für andere ist das Problem noch weit weg. Wenn der Lette von "schlecht integrierten Minderheiten" spricht, dann meint er keine gerade geflüchteten Syrer, sondern Russen, die seit Sowjetzeiten in seinem Land leben. Auch davon, dass es sich bei den Flüchtlingen aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan um eine "gesamteuropäische Aufgabe" handelt, wie es deutsche Politiker immer wieder betonen, ist offenbar nicht jeder hier überzeugt. "Wir können Flüchtlinge bei uns aufnehmen", sagt etwa der Portugiese. "Aber sollen wir sie zwingen, in unserem Land zu bleiben, wenn sie doch eigentlich nach Deutschland oder Schweden wollen?" Flüchtlinge, das sind die Probleme der anderen.

Kurz: Die "Streitmacht" vor den Toren Europas setzt sich zusammen aus Menschen, die alle aus nationalen Organisationen kommen, mit nationalen Ausbildungsprogrammen und nationalen Interessen. Das soll das Frontex-Studium ändern.

Für das erste Modul waren sie in Spanien, da ging es um Strategieplanung, nächstes Jahr folgen Module im Baltikum, unter anderem zu Personalführung und Risikoanalyse. Jetzt, in Amsterdam, geht es um Ethik und Grundrechte. Zur Einführung hat Frontex den Philosophen Peter Olsthoorn eingeladen, mit den Grenzschützern über Ethik zu sprechen, über den Utilitarismus und über den kategorischen Imperativ von Immanuel Kant.