Für weitere Artikel zur Serie "Stimmt's?" klicken Sie auf dieses Bild. © Jeff J. Mitchell/Getty Images

Um den vierten Geburtstag herum ändert sich das Verhalten von Kindern merklich. Insbesondere die Eltern von Jungen beklagen, dass ihre Sprösslinge plötzlich frech und aufsässig werden. Auf einmal wird jeder Alltagsgegenstand zur Waffe, und die ersten Rangeleien beginnen. Und schaut man auf Ratgeberseiten, dann liest man dort oft, dass sich im Alter von vier Jahren der Testosteronspiegel von Jungen verdoppele, um dann ein Jahr später wieder auf das alte Niveau abzusinken.

Ein "Ammenmärchen" nennt das Oliver Blankenstein, Leiter der endokrinologischen Diagnostik an der Berliner Charité. Ein Schaubild aus einer Referenzstudie zeigt deutlich: Bis zum zehnten Geburtstag haben Jungen und Mädchen gleich viel von dem männlichen Geschlechtshormon im Blut, nämlich praktisch nichts. Dann steigt der Spiegel bei den Jungen stark an, die Pubertät beginnt – mit den bekannten Begleiterscheinungen.

Eine Ausnahme gibt es: Im ersten Lebensjahr durchlaufen Jungen die sogenannte Minipubertät mit einem regelrechten Hormonsturm. Das ist eine Spätfolge der Ausprägung der Geschlechtsmerkmale im Mutterleib. "Danach ist aber hormonell Ruhe", sagt Blankenstein.

Zusätzlich zu den Messwerten hat er noch ein weiteres Argument: Ein höherer Testosteronspiegel müsste Auswirkungen auf das sogenannte testosteronempfindliche Gewebe haben. Aber bei Vierjährigen wachsen weder die Geschlechtsorgane, noch sprießen die Achselhaare.

Die Verhaltensänderungen in diesem Alter lassen sich also nicht durch die Hormone erklären. Das Kindergartenalter ist eine Phase, in der die Kinder sich selbst und ihre Rolle erstmals bewusst wahrnehmen, sie vergleichen sich mit anderen Kindern und mit Erwachsenen, sehen die Verhaltensmuster ihrer Eltern und orientieren sich daran. Den großen Hormonschub bekommen sie erst später.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 26.11.2015.

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