Es ist noch einmal Sommer an diesem hellen Novembertag in Madrid, das Straßencafé liegt für ein paar Stunden in der Sonne. Der argentinische Schriftsteller Martín Caparrós trifft aus Mexiko ein, er wird in Europa sein Buch über den Hunger vorstellen, das in 16 Sprachen erscheint. Der 58-jährige Autor, Reporter und Historiker Caparrós, dessen Großvater ein jüdischer Pole war und der Buenos Aires nach dem Militärputsch 1976 verließ, hat offenbar die Wahl, wie er schreiben möchte: ob essayistisch für die New York Times oder El País oder die Neue Zürcher Zeitung, ob als Historiker wie in seiner Geschichte der argentinischen Linken oder literarisch wie als Autor seiner preisgekrönten Romane. In seinem Buch Der Hunger ist stilistisch all das zu finden, was Caparrós kann: In dichter Erzählung, aphoristischer Knappheit, historischer Tiefe und politischer Analyse entfaltet er ein Panorama des Hungers – jenes Elends, das ihn empört, weil es so ganz unnötig ist.

DIE ZEIT: Sie sind fünf Jahre lang durch alle Weltregionen gereist, nach Niger, nach Indien, Chicago, Bangladesch, Madagaskar, in den Sudan, um die Geschichten der Hungernden aufzuschreiben. In Ihrem Buch wimmelt es auf über 800 Seiten von tätigem menschlichem Leben. Und dennoch betonen Sie, in diesem Buch passiere eigentlich nichts. Was soll das heißen?

Martín Caparrós: Nichts heißt: nichts Besonderes. Der Hunger bedeutet heute für fast eine Milliarde Menschen eine gleichbleibend ereignislose Lebenslage. Er findet nicht mehr in einem bestimmten wahrnehmbaren Augenblick statt, wie es für frühere Hungersnöte galt, die kamen und wieder endeten. Denken Sie an Biafra: Die damaligen Bilder der aufgeblähten Kinderbäuche haben sich auch als momentanes Medienereignis eingeprägt. Aber der heutige Hunger von etwa einer Milliarde Menschen, über den ich schreibe, ist in aller Welt geräuschlos und stetig anwesend, er hat keine Tagesaktualität. Er ist so alltäglich, dass viele gar nicht wissen, dass sie hungern, weil es nichts anderes Denkbares gibt.

ZEIT: Menschen haben zu allen Zeiten und in allen Kulturen gehungert. Was ist neuartig an diesem gegenwärtigen Hunger, warum interessiert er Sie?

Caparrós: Hungersnöte brechen heute nicht mehr explosiv aus, das bedeutet in der Geschichte des Hungers einen großen Schritt nach vorn. Daher ist es heute aber für die Satten auch viel schwerer, sich vorzustellen, was Hunger ist, obwohl die meisten noch Großeltern haben, die erlebten, was es heißt, nichts zu essen zu haben. Aber es fehlen die spektakulären Bilder eines erschütternden Augenblicks. Ich möchte deshalb den Hunger sichtbar machen. Neu ist, dass die Satten heute zwischen 30 und 50 Prozent der Lebensmittel wegwerfen. Für die westliche Einbildungskraft liegt die entscheidende Neuerung in dem historischen Wandel, dass die Menschheit heute erstmals in der Geschichte mehr Nahrung herstellt, als sie braucht. In den letzten 50 Jahren hat sich die Weltbevölkerung mehr als verdoppelt, aber die Nahrungsmittelproduktion mehr als verdreifacht. Heute wäre erstmals genug Essen für alle da. Niemand kann mehr die ungleiche Verteilung der Nahrungsmittel dadurch rechtfertigen, dass es eben nicht für alle reiche. Das ist der Grund, warum ich nun von diesen hungernden Menschen erzählen wollte, um zu zeigen, wer heute zu essen braucht: Es sind vor allem Kleinbauern, Landarbeiter ohne Land, arme Städter.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 26.11.2015.

ZEIT: Wenn Sie schreiben, es passiere in Ihrem Buch nichts, könnte man auch meinen, Sie vermissten den Protest oder den Aufstand der Hungernden gegen den Hunger. Als erwarteten Sie etwas, das aber nicht eintritt.

Caparrós: Der Schriftsteller Jorge Luis Borges hat einmal gesagt, das unmittelbare Bevorstehen eines Ereignisses, das aber nicht eintritt, sei eine ästhetische Erfahrung: Etwas wird sich gleich zeigen, aber es zeigt sich nicht. Ich wäre glücklich, wenn mein Buch ein solches Bevorstehen zum Ausdruck brächte. Denn tatsächlich leben wir in einer Übergangszeit, und es formt sich gegenwärtig eine Zukunft, die sich noch nicht fassen lässt. Aber ich habe auf meiner Recherche natürlich nicht nach möglichen Hungerrevolten gesucht. Ich habe nach gar nichts gesucht. Ich wollte vielmehr sehen, wie die verschiedenen Arten oder Mechanismen des Hungers wirken.