Unter den musikalischen Werken höchsten Ranges, die mit der Zahl 24 verbunden sind, haben die Lieder der Winterreise ihren besonderen Platz. Sie beziehen sich nicht auf die Gesamtzahl der 24 Dur- und Molltonarten wie die Präludien und Fugen von Bachs Wohltemperiertem Klavier und die Préludes Chopins. Schuberts Winterreise umfasst zweimal zwölf Lieder, die aber nicht ein Kaleidoskop verschiedenster musikalischer Charaktere und Zustände darstellen, sondern einer durchgehenden Seelenlage angehören. Nicht ein Vorgang, eine Entwicklung wird hier wie in Schuberts Zyklus Die schöne Müllerin präsentiert, sondern eine Grundbefindlichkeit in einer Weise ausgebreitet, die Schuberts Freunde erschreckte. Dass Wilhelm Müllers zugrunde liegende Gedichte nicht romantisierend bezaubern und verklären wollen, hat ihm Heinrich Heines Bewunderung eingetragen.

Wer ist dieser wandernde Sänger, der in der Winterreise nur schemenhaft zum Vorschein kommt? Ein pathologischer Fall? (Ian Bostridge spricht von madness.) Ein Hysteriker? Ich sehe ihn eher als den "Fremdling überall", einen Melancholiker unter dem Einfluss von Byron und Goethes Werther, geprägt von postnapoleonischer Enttäuschung – kein Verrückter, sondern, zumindest stellenweise wie im Leiermann, ein Mensch "am Rande der Unvernunft".

Dass die Winterreise beckettsche Züge trägt, will ich Bostridge gerne nachfühlen. Allerdings spricht Bostridge auch vom Absurd-Komischen und findet im Greisen Kopf sogar eine lachende Triolenfigur. Gewiss steckt in manchen dieser Gedichte Müllers Ironie: Wenn man sie ohne die Musik laut liest, wird dies umso deutlicher. Aber gibt es Absurdität in Schuberts Musik, von Komik, wie wir sie bei Haydn und Beethoven finden, ganz zu schweigen? Schubert gehörte zwar eine Zeit lang zur Wiener "Unsinnsgesellschaft", doch zeigen seine Kompositionen davon keine Spur.

Die Verbindung von Wort und Ton, die ihm in seinen Liedern gelungen ist, war nicht allein die Frucht seiner unerschöpflichen melodischen Erfindungsgabe. Seine Reaktion auf Gedichte resultierte auch in einer neuen Behandlung des Klaviers, die jede Atmosphäre und Seelenlage greifbar machte und Schichten poetischer Bedeutung freilegte. Das Klavier konnte plötzlich gleichsam alles ausdrücken.

Bereits der Beginn eines Liedes vermittelt nun dessen Grundstimmung oder kristallisiert in den einleitenden Takten mehrere Tendenzen zugleich. Das Vorspiel von Im Dorfe versammelt Bellen, Rasseln und Schnarchen in einer Figur; im Lindenbaum sind es das Murmeln des Brunnens, das Rauschen des Lindenbaums und die Süße des Traums. Seit Schubert ist die Singstimme von der sogenannten Begleitung nicht mehr zu trennen. Und seit Dietrich Fischer-Dieskau, der mehr als jeder andere dazu beigetragen hat, Schuberts Lieder international bekannt zu machen, wurde der Begleiter zum Partner; in Fischer-Dieskaus kaum zählbaren Aufnahmen der Winterreise sind nicht wenige seiner Partner namhafte Klaviersolisten.

Mit seiner "Anatomie einer Besessenheit", so der Untertitel der englischen Originalausgabe, erweist sich Ian Bostridge als einer der begabtesten Literaten unter den interpretierenden Musikern. Was er zu sagen hat, ist kenntnisreich, lebendig und im schönsten Sinne unterhaltend. Nicht nur der kulturgeschichtliche Überblick, sondern auch die Bravour des Vortrags machen das Buch zu einem erregenden Abenteuer. Bei aller Dankbarkeit für die schöne deutsche Übersetzung sollte man sich, wenn man im Englischen zu Hause ist, die Eleganz und Frische von Bostridges Originalprosa nicht entgehen lassen. In ihrer Unmittelbarkeit steht sie an der Grenze des Sprechens.