Sind jemals aus so vielen Verbündeten gegen eine so große Gefahr innerhalb so kurzer Zeit so zornige Gegner geworden? Fünf Minuten soll es gedauert haben. So lange, sagen türkische Piloten, hätten sie die Besatzung einer russischen Su-24 angeblich gewarnt, den türkischen Luftraum zu verlassen. Dann flog eine Rakete, und der Kampfjet stürzte brennend zu Boden. Wladimir Putin tobte. Mit "Helfershelfern von Terroristen" habe man es in der Türkei zu tun, mit Leuten, die Russland bei seinem Kampf gegen den IS in Syrien "in den Rücken stechen". Der Vorfall werde "ernste Konsequenzen haben".

Das war am Dienstag. Am Freitag davor hatte der UN-Sicherheitsrat die Mitglieder der Weltgemeinschaft einstimmig aufgefordert, den IS als das zu behandeln, was er sei: eine nie zuvor gesehene Bedrohung des internationalen Friedens, eine Menschheitsgeißel, die ebenso im tunesischen Sousse morde wie in Paris, ebenso wie in Ankara, in Beirut oder über dem Sinai, wo der IS ein russisches Passagierflugzeug abstürzen ließ. Endlich, so ging die Hoffnung, war die Welt vereint, sogar noch mehr als einst in der Anti-Hitler-Koalition.

Doch genauso schnell wie diese Koalition entsteht, füllt sie sich mit Spannungen, die hochgefährlich werden können. Im Irak entstand nach der Invasion der Amerikaner ein Kampf der Dschihadisten gegen die Invasoren. Dieses Mal droht noch ein zusätzlicher Konflikt: einer zwischen der Nato und Russland. Russlands Präsident weiß schließlich, dass er nicht nur dem Nato-Mitglied Türkei droht, sondern dem gesamten westlichen Bündnis. Der russische Präsident hätte auch sagen können: Bedauerlicher Zwischenfall, wahrscheinlich haben beide Seiten Fehler gemacht, heizen wir die Dinge nicht unnötig auf, schließlich kämpfen wir alle gegen denselben Feind.

Dass er das nicht sagt, liegt wohl auch

daran, dass Putin Härte zu seinem Herrschaftsmerkmal gemacht hat. Aber sein Furor lässt erahnen, in welche Kollisionsgefahren sich gerade all jene begeben, die sich in den neuen Feldzug gegen den "Islamischen Staat" (IS) einreihen. Umso wichtiger für alle Beteiligten, jeden Schritt doppelt und dreifach zu bedenken.

Sie stehen gleich mehrfach miteinander im Konflikt. Da wäre zunächst die Konkurrenz um Macht und Einfluss im Mittleren Osten. Der syrische Diktator Baschar al-Assad ist aus der Sicht Wladimir Putins ein Verbündeter, der auch nach der Zerstörung des IS möglichst in Syrien regieren sollte. Zum einen als Garant von Stabilität, zum anderen, um Russlands Marinestützpunkt in Tartus zu sichern. Aus der Sicht der USA, Frankreichs und Deutschlands ist Assad ein Feind; als gewissenloser Schlächter der syrischen Bevölkerung ist er der Hauptverantwortliche für Krieg, Extremismus und Flucht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 26.11.2015.

Eine Stufe darüber, auf der weltanschaulichen Etage, spielt sich ein weiterer Streit ab, auch wenn er zurzeit durch das gemeinsame Interesse am Sieg über den IS verdeckt wird. Im Westen gehen nämlich die Meinungen darüber auseinander, ob Diktatoren unterstützt werden sollen, wenn sie Stabilität versprechen. Immerhin. Man könnte auch sagen: leider. In Moskau hingegen sind die Meinungen darüber einhellig: Diktatoren können sehr nützlich sein.

Zusätzliche, brisante Unsicherheit entsteht aufgrund des wechselseitigen Misstrauens. Wer soll dem russischen Präsidenten, der schon über die Invasion auf der Krim und in der Ostukraine Lügen verbreitete, denn noch glauben, wenn er nun behauptet, seine Flugzeuge bewegten sich lediglich über syrischem Gebiet? Die russische Regierung wiederum scheint so ziemlich der ganzen Welt zu misstrauen.

Und der Westen?

In derartigen Situationen können gefährliche Fehlwahrnehmungen entstehen. Man denke an friendly fire zwischen parallel kämpfenden Koalitionären, das schnell bösen Verdacht wecken kann; wie leicht lassen sich Irrtümer, beispielsweise, zu einem Angriff der Nato auf Russland umdeuten. Auch könnten radikalisierte Muslime in irregeleiteten Raketen oder in den exzessiven Flächenbombardements der Russen Zeichen dafür sehen, dass alle Welt den Islam ausrotten wolle. Und der Westen? Auch er kann in eine Wahrnehmungsfalle tappen, indem er hinter allem, was Russland unternimmt, eine versteckte Agenda vermutet, wo es womöglich nur kurzsichtige Vorteilsnahme oder auch Unfähigkeit ist.

Instabil ist die Lage nicht zuletzt deshalb, weil es viele Taktiken, aber keine Strategie gibt. Das zeigt sich deutlich an den widrigen Details, die sich François Hollande präsentieren, der sich seit den Massakern von Paris voll und ganz dem Krieg gegen den IS verschrieben hat. Frankreichs Präsident verhandelt dieser Tage mit Washington, Berlin, Moskau und Peking, um Bündnispartner zu gewinnen. "Da geht es auch um Konkretes", sagt ein Pariser Diplomat, "wir wollen zum Beispiel in Echtzeit Aufklärungsinformationen aus erster Hand austauschen." Nur – worüber?

Mit den Amerikanern ist man sich über die zu bekämpfenden Ziele einig, nicht hingegen mit den Russen, die auch solche Milizen angreifen, die vom Westen unterstützt werden. "Die Russen weigern sich, an einer gemeinsamen Zielansprache teilzunehmen, anders als es die westlichen Nationen in den Fällen Irak und Syrien praktizieren", stellt François Heisbourg fest, Frankreichs führender Sicherheitsexperte. Auch mit den Türken gibt es keine Einigkeit darüber, wer unterstützt und wer bekämpft werden soll, ebenso wenig wie mit den Katarern; die unterstützen zum Beispiel Ahrar al-Cham – eine aufständische Gruppe, die Presseberichten zufolge den Attentaten von Paris Beifall geklatscht haben soll.

Die Koalition der Willigen, wie sie Hollande zusammenzimmern will, wäre also allenfalls eine Koalition der einander Widerstrebenden.

Selbstverständlich, dass Hollande sich an Obama wendet. Selbstverständlich zugleich, dass er nicht glaubt, der Schlüssel läge in Washington. Die Amerikaner sind nach Afghanistan, Irak und Libyen nicht gewillt, sich deutlich mehr als aus der Ferne mit Bombern und Drohnen zu engagieren. Doch wer sonst?

Frankreichs wichtigster Verbündeter, also Deutschland, tritt nicht primär als Militärmacht auf. Das hat viele Gründe, und in Paris kennt man sie. Was aber keineswegs bedeutet, dass die Franzosen von den Deutschen nichts erwarten. Beide Außenministerien arbeiten derzeit an einer Liste von Maßnahmen, zu denen insbesondere eine stärkere Präsenz der Bundeswehr in Mali gehört.

Bis zum 13. November war der Sahel die erste sicherheitspolitische Priorität Frankreichs, und zwar aus gutem Grund, denn er bildet einen gigantischen Operationsraum dschihadistischer Gruppierungen, deren erklärtes Ziel darin besteht, bis zum Mittelmeer vorzustoßen. Sie beabsichtigen, die Staatenkette von Marokko über Algerien und Tunesien bis Libyen in eine Basis zu verwandeln, von der aus sie schließlich Europa zu Fall bringen wollen. In Libyen haben sie schon fest Fuß gefasst. Gut möglich, dass das Attentat in Tunis vom Dienstagabend just dieses Ziel propagieren sollte.

Keineswegs unwichtiger sei dieser Raum jetzt geworden, so ist aus dem Quai d’Orsay zu hören, aber Frankreich allein könne die Last nicht mehr schultern. Zwar seien die dortigen Operationen anderer Natur als diejenigen im syrischen Luftraum, aber nun müsse – und zwar schnell – die Armee insbesondere auf französischem Boden stärker präsent sein als bisher.

Was käme nach dem IS?

In Mali ist die Bundeswehr an zwei Einsätzen beteiligt, einem EU-geführten im Süden und an einer UN-Mission im Norden. In der European Training Mission (EUTM Mali) bilden bis zu 350 deutsche Soldaten malische Soldaten aus. Eine bis zu zehntausend Mann starke UN-Truppe (Minusma) soll den von dschihadistischen Rebellen bedrohten Norden befrieden. Anders gesagt: Hier wird getötet und gestorben. Mit einer Obergrenze von 150 Soldaten beteiligt sich die Bundeswehr an dieser Mission. Aktiv im Einsatz sind zurzeit freilich nur zwölf. Nun ist die Rede davon, die Bundeswehr könnte ihr Minusma-Kontingent auf 650 Mann erhöhen, die dann nicht bloß bei den UN auf dem Papier, sondern auch tatsächlich in Mali stünden.

Nicht minder wichtig ist die politische Unterstützung Frankreichs. Daran, dass seine Regierung von "Krieg" spricht, wird von der Bundesregierung wohlweislich keine Kritik geübt, mag man es auch anders sehen. Deutschlands Diplomaten sind oft genug in Paris, um zu begreifen, dass dieses Wort den gegenwärtigen Erfahrungen der Franzosen entspricht. Aber nicht nur politische Zurückhaltung wird von Berlin erwartet, sondern auch ein diplomatischer Beitrag: Auf niemanden höre die Türkei so sehr wie auf die Deutschen, glaubt man in Paris. Wenn die Lage in der Region dadurch explosiv werde, dass mit Erdoğan und Putin zwei besonders große Egos aufeinanderprallen, sollten deutsche Diplomaten zumindest für Besänftigung in Ankara sorgen.

Doch hinter der Schwierigkeit, die Koalition zu formieren, türmt sich eine noch größere auf: Wie sähe denn langfristiges, gemeinsames Vorgehen gegen den IS aus, das Aussicht auf Erfolg hätte? Und wie kann dieser Kampf so geführt werden, dass er nicht unversehens einen weitaus größeren Brand zündet, einen, gegen den die Folgen des Irakkriegs geradezu beherrschbar erschienen.

Gezielte Luftschläge gegen Trainingslager, Nachschublinien und Kommandozentralen des IS sind eine schnell gefundene Antwort. Sie ist ja auch nicht falsch, aber unzureichend. Im Grunde verfolgen die nunmehr verdreifachten Attacken der französischen Luftwaffe ein vorwiegend innenpolitisches Ziel: "Sie sind psychologisch wichtig", sagt jemand, der in Paris politische Entscheidungen vorbereitet. "Aber jeder kennt die Realität." Und die sieht so aus, dass sie den IS im Prinzip nur dazu zwingen, seine Kräfte umzugruppieren. Zumal sich eine Militärstrategie der Flächenbombardements verbietet, vor allem aus humanitären Gründen, aber auch deshalb, weil jeder getötete Zivilist dem Dschihadismus als Argument für die Rekrutierung neuer Kämpfer dient.

Letztlich kann der IS in Syrien und im Irak nur mit Bodentruppen geschlagen werden, wie Frankreichs Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian in der Presse einräumt. Der "Islamische Staat", das sind um die 30.000 Kämpfer, die sich unter zehn Millionen Zivilisten verschanzen. Nur, wer soll in Mossul oder Rakka einen Häuserkampf gegen die Dschihadisten führen? Invasoren wie im Irak 2003 sicher nicht. Schiitische, sunnitische Milizen also? Aufgebaut und unterstützt von wem? Und von welchen Zeiträumen ist da die Rede?

Als die effektivste Bodentruppe unter den einheimischen Kämpfern gelten die Kurden. Bisher hat die Bundeswehr in Kurdistan 4700 Peschmerga ausgebildet, das Mandat endet im Januar. Man wolle es, erklärte die Bundesregierung nach den Anschlägen von Paris, "verstetigen". Merkel sagte zu, dass künftig 150 statt wie bisher 100 deutsche Soldaten Kämpfer in Erbil ausbildeten. Aber das wird nicht reichen. Die Peschmerga brauchten nicht nur Ausbilder, sondern auch Panzerwagen, Luftaufklärung, Munition und Nachschub – doch selbst wenn man ihnen alles das liefern würde, ihr Ziel wäre die Etablierung eines kurdischen Staates, bliebe also räumlich begrenzt, und wäre folglich nicht das Ende des IS in der Region. Mossul würden die Kurden nicht erobern wollen.

Was aber, wenn der IS doch eines Tages geschlagen sein sollte? Fortsetzung des Massenmords der syrischen Diktatur am eigenen Volk? Oder Sturz des Assad-Regimes mit der Folge, dass es zu einem Völkermord an den Assad-treuen Alawiten kommt? Zudem ist die Frage, wer in den heutigen IS-Gebieten des Iraks regieren soll, völlig unklar.

Was Syrien angeht, hält Frankreich daran fest, dass Baschar gehen muss, aber man sei flexibel, "was den Kalender betrifft", so sickert es durch. Doch wie auch immer die Formel für eine "Übergangsregierung" aussehen mag, weiterer Streit um das Schicksal Assads ist programmiert. Denn die Russen können es sich nicht leisten, Assad vor einem internationalen Gericht angeklagt zu sehen – sie wären dann kein verlässlicher Bündnispartner anderer Diktatoren und Autokraten mehr. Umgekehrt machte sich der Westen moralisch angreifbar, erlaubte er dem blutrünstigen Diktator einen ehrenvollen Abgang.

Bisher fehlt ein Gegenangebot

Natürlich kennen die Franzosen, die sich derzeit um eine Koalition bemühen, diese Probleme und die Eskalationsgefahren. Aber sie fühlen sich unter Handlungszwang. Nur darf Aktivismus, so verständlich er ist, das Bemühen um eine umfassende Strategie nicht beiseiteschieben. Deren Elemente sind auch Paris geläufig: den Protostaat IS militärisch schwächen, die ihn umgebende dschihadistische Internationale mit polizeilichen Mitteln bekämpfen, ihre Finanzquellen trockenlegen und vor allem die Bedingungen ändern, unter denen immer neue Kämpfer nachwachsen.

Das allerdings ist die schwierigste und wohl auch wichtigste Aufgabe. Die Schauplätze einer umfassenden Strategie wären eben nicht nur Rakka, Mossul oder Aleppo, sondern auch europäische Wohnviertel. Wenn viele Muslime in Europa 14 Jahre Antiterrorkampf als Kreuzzug gegen den Islam wahrgenommen haben, muss die Konsequenz lauten, ihnen künftig nahezubringen, dass dieser Kampf auch der ihre ist. Wie das gehen soll? Eine Antwort gibt der IS. Dessen erklärte Absicht ist es, Muslime in Berlin-Neukölln oder Brüssel-Moolenbek aus der "Grauzone" zu holen, sprich: aus den schwach ausgeprägten Loyalitäten sowohl zum Staat und der Gesellschaft, in der sie leben, als auch zu ihrer Religion. Das Gegenangebot ist der Kult des Dschihad. Ein Kult der Stärke für Frustrierte, die nur ihre Schwäche erleben.

Bisher hat es der Westen – wenn auch von Land zu Land unterschiedlich – versäumt, ein attraktives Gegenangebot zu machen. Eines, das Sinn, Gemeinschaft und Stärke verspricht. Sein Programm muss sein, die muslimischen Bürger Teilhabe statt Ausgrenzung erleben zu lassen, vom Arbeitsmarkt über das Wohnen und die Alltagskultur bis zur Politik. Das allerdings ist Gesellschaftspolitik, und die rechnet, leider, in langen Zeiträumen.

Eines aber ließe sich sofort umsetzen: Wenn die vielen Flüchtlinge, die jetzt nach Europa kommen, nicht die gleichen Entfremdungserfahrungen machen sollen wie viele Einwanderer und ihre Nachkommen in Frankreich, dann müssen wir ihnen die Gewissheit geben, dass sie nicht ein Problem sind, das irgendwohin verfrachtet wird, sondern dass sie vielmehr als Akteure ernst genommen werden. Praktisch gewendet hieße dies beispielsweise, geflohene Syrer am geistigen Kampf gegen den Dschihadismus zu beteiligen. Als willkommene Mitkämpfer.

Das erste Opfer der neuen Antiterrorkoalition hatte am Dienstagabend noch keinen Namen. Es ist einer der beiden Piloten der abgeschossenen Su-24. Auf Videos, das Rebellen in Nordwest-Syrien aufgenommen haben, ist das blutige, leblose Gesicht eines jungen Mannes zu sehen. In russischer Fliegermontur liegt er auf steinigem, sonnengewärmtem Boden. Um ihn herum hüpfend Männer, die freudig "Allah ist groß!" rufen. So also sehen Gegner aus, die gegen dieselben Feinde kämpfen.

MITARBEIT: GEORG BLUME, PETER DAUSEND