Koran-Verteilung in Berlin (Archivbild) © dpa

Onurs* Rettung beginnt, als seine Tante Gülsen auf ein Video klickt. Es ist Juli 2014. Deutschland ist gerade Weltmeister geworden, im Irak sprengt sich in diesen Tagen ein deutscher IS-Kämpfer in die Luft, und Kalil ist weg, Onurs bester Freund. Ist er nur kurz abgehauen? Im Urlaub? Mit Freunden? Oder ist er wirklich nach Syrien gereist, in den heiligen Krieg, wie die Leute sagen? Das fragt sich Onurs Tante Gülsen.

Am Computer klickt sie auf Kalils Facebook-Profil, will wissen, was das für ein Freund ist, den ihr Neffe da hat. Sie öffnet ein Video. Sieht Männer mit Bärten, hört aggressive arabische Gesänge. Die Männer tragen weiße T-Shirts, stehen in der Hamburger Fußgängerzone, verteilen den Koran. Sie will das Video schließen, da sieht sie ihn: Onur, ihren Neffen, im weißen T-Shirt. Sie fühlt sich wie gelähmt. Kann nächtelang nicht schlafen, schaut sich das Video an, wieder und wieder. Wenige Tage später klingelt sie bei ihrem Neffen. Seine Mutter öffnet. Onur ist nicht zu Hause. Gülsen läuft in sein Zimmer. Reißt den Schrank auf. Sie findet: einen gepackten Koffer mit T-Shirts, Hosen, islamischen Büchern. Und: Onurs Reisepass.

Onur ist damals 20 Jahre alt. Ein höflicher, etwas schüchterner junger Mann, der Frauen die Tür aufhält und dem Blick ausweicht, wenn man ihm in die Augen sieht. Er wurde in Hamburg geboren und hat einen türkischen Pass, wie die meisten in seiner Familie. Aufgewachsen ist er im Süden Hamburgs.

Onur sagt: "Ich hatte nie vor auszureisen. Ich hatte Klamotten von meinem besten Freund Kalil geholt und meinen Pass vom Geldabheben dabei. Die Sachen wollte ich später in den Schrank sortieren."

Gülsen sagt: "Ich wusste, ich muss den Jungen aufhalten, ich muss sein Leben retten, auch wenn ich ihn dafür an den Verfassungsschutz verraten muss."

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 48 vom 26.11.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Onur ist einer der jungen Männer, vor denen Europa gerade Angst hat. Onur hat kein Attentat verübt. Er war nie in Syrien. Er hat sich nicht den Terroristen des IS angeschlossen. Aber er ist einer von denen, die in radikale Moscheen gingen, die Videos anschauten, in denen zum Dschihad aufgerufen wird. Einer, der längst hätte gehen können. Der vielleicht längst weg wäre, wenn ihn seine Tante nicht aufgehalten hätte. Er ist einer der Gefährdeten, bei denen nichts eindeutig ist, nur die Uneindeutigkeit.

Wollte er in den Krieg? Will er immer noch? Das fragt sich seine Tante. Und auch der Verfassungsschutz, dem Gülsen im Sommer 2014 Onurs Pass übergibt.

Gülsen: "Als ich Onur wiedergesehen habe, war er nervös. Ich habe ihm erzählt, dass ich den Pass habe. Ich sagte: Vertrau mir, du weißt, dass ich nichts tun würde, was dir schadet. Er war erst wütend, hat geflucht. Er hat verstanden, dass er gegen Normen verstößt, aber er dachte, er kriegt seinen Pass bald wieder."

Onur: "Ich war ziemlich locker, ich habe ja nichts getan. Wenige Tage später kam der Brief des Verfassungsschutzes. Ermittlungsverfahren: Verdacht auf Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Dabei war der Koffer Zufall, echt. Die Beamten haben mir aber nicht geglaubt und den Pass behalten."

Es dauert lange, bis Onur sich im Gespräch mit der ZEIT öffnet. Anfangs antwortet er nur auf Fragen. In Schischa-Bars, in Cafés, nach vier Monaten und vielen Treffen sogar in seiner Wohnung. Erst beim dritten Treffen hat er so viel Vertrauen gefasst, dass er selbst erzählt. "Normal", sagt er oft. Aber normal ist wenig an der Geschichte des jungen Mannes aus Hamburg.

Onur: "Mein Viertel ist für mich die ›Klein-Türkei‹. Die Leute wohnen in Saga-Wohnungen, aber fahren einen dicken Benz. Wenn du keinen Benz hattest, hast du dich gefühlt, als hättest du etwas falsch gemacht. Als Kind war ich regelmäßig in der türkischen Moschee. Dann gab es wichtigere Dinge: Fußball, danach Mädchen, Party, Alkohol. Meine Mutter war sehr krank, psychisch, mein Vater viel arbeiten. Mit 13 musste ich zu Hause den Erwachsenen spielen, auf meine jüngere Schwester aufpassen, Essen kochen. Viele meiner Freunde hatten Angst vor den Schlägen ihrer Brüder oder Väter. Bei mir zu Hause hat keiner geschimpft, wenn ich schlechte Noten hatte. Mit 18 hab ich mich zum ersten Mal gefragt: Was mache ich hier eigentlich? Und wozu?"