Anfang 2011 zogen wir für ein knappes Jahr um und wohnten in der Villa Massimo in Rom. Alles, was ich wollte, war schreiben. Endlich schreiben, und endlich würde Zeit genug dafür sein, eine lange, ungestörte Zeit, ohne Pflichten, ohne Reisen. Schon am Abend unserer Ankunft setzte ich mich in mein zehn oder zwölf Meter hohes Atelier, diesen riesigen Hallraum mit Fensterfront und Licht ohne Ende, um ihn endlich zu beginnen: den Roman. Einen Roman in römischem Licht mit Ausblick auf traurige Pinien und Zypressen, dabei wäre mir die Leselampe auf dem Tisch genug gewesen, "meine Lampe und mein weißes Papier", wie es Gaston Bachelard so treffend beschreibt: "Der wahre Raum für eine einsame Arbeit ist in einem kleinen Zimmer der von der Lampe erhellte Kreis." Meinen römischen Arbeitsraum hatte man einstmals für Bildhauer erdacht, Bildhauer vor hundert Jahren wohlgemerkt, die allesamt noch Reiterstandbilder machten, gigantische Statuen und Gruppen. Nach einer Woche schob ich mir in einer Ecke dieser Halle die wenigen Möbel, die vorhanden waren, zu einer Art Kabuff zusammen, am Ende saß ich hinter einem Schrank. Es war ein guter, halbhoher, zweiflügliger Schrank, den ich auch für mein Arbeitsmaterial benutzen konnte. Und ja, die ersten Monate saß ich im Grunde nur da, hinter dem Schrank, und versuchte von dort aus, Rom zu ignorieren. Hätte ich schon damals, zum Beispiel, die Deutschrömerin Marie Luise Kaschnitz gelesen, wäre ich gewarnt gewesen: "Man versucht, sich auf sich selbst zu besinnen, kramt das Mitgebrachte aus, mehr als ein halbes Leben der Erfahrungen und Erinnerungen, und sieht mit Entsetzen, wie dieser Schatz unter den Händen zerrinnt."

Mein eigenes Mitgebrachtes belief sich auf 14 Umzugskisten voller Bücher, Ordner, Kopien, Recherche- und Arbeitsmaterial, das ich im Vorjahr zusammengetragen hatte, auch Handlungsskizzen, Kapitelentwürfe, Figurendossiers und Dramaturgien, darunter drei ausformulierte Romananfänge, die dem Experimentieren mit verschiedenen Erzählperspektiven entsprungen waren. Wobei das Wort "experimentieren" eine Art Souveränität suggeriert, über die ich nicht wirklich verfügte. 14 Bücherkisten und einige Reisetaschen im Fußraum – so viel fasst ein Volvo V50 mit umgeklapptem Rücksitz, mit dieser Last hatte ich das Auto über die Alpen in Richtung Süden gelenkt, der Brenner, die Übernachtung in Bozen, dann weiter und irgendwann plötzlich eine Veränderung des Lichts, als hätte jemand eine zusätzliche Leuchte eingeschaltet. Es begann am Abzweig der A 13 hinter Padua, aber ich hatte keine Augen dafür, ich wollte den Roman, und ich wollte nicht scheitern.

Im Zuge der sogenannten Shop-Talks stellte ich meine drei Romananfänge vor. Shop-Talks nennt man in der ansonsten eher deutschsprachigen Villa Massimo eine erste Präsentation, eine Art Kennenlernrunde. Shop-Talks heißt, die Crew der Stipendiaten und die Crew der Villa Massimo, einschließlich ihres Direktors, seiner Frau, der Mitarbeiter, Hausmeister und Katzen, ziehen einen Vormittag lang von Atelier zu Atelier, und jeder Stipendiat spricht über sich und seine Arbeit, das Ganze etwa einen Monat nach Ankunft in Rom. Dass mir in diesem ersten Monat hinter dem Schrank eigentlich nichts gelungen war, musste jetzt beiseitegeschoben werden. Drei Romananfänge und 14 Kisten voller Material, dekorativ verstreut über mehrere Tische und den Boden meines Studios, verbreiteten ohne Weiteres den Eindruck von Fülle, Werkstatt, Kreativität, und nicht zuletzt schien der Shop-Talk geeignet, den ganz ohne Zweifel fleißigen und produktiven Mitstipendiaten zu zeigen, dass man selbst gut dabei war, ja, dass es lief wie nur irgendwas.

Ein Schriftsteller, der nicht schreibt, ist nichts wert, vor allem vor sich selber nicht

Schon wenig später lag alles in Trümmern. Der Roman verweigerte sich, und zwar grundsätzlich. Gleichzeitig die Termine der Villa, fürsorgliche Angebote, dazu die Ideen der Künstlerbetreuerin, Besichtigung von Caravaggio, Konzert im Villino, Exkursion nach Olevano, Kino im Haupthaus und so weiter – alles ganz wunderbar, nur nicht für den, der nicht schreibt. Der, der nicht schreibt, möchte keine Termine, keine Exkursionen und vor allem: keine Künstler sehen. Er möchte jetzt kein Künstlerheim ... Schon am Morgen starrte ich mit müden Augen auf mein weißes Papier, Unruhe machte sich breit. Mal zog ich diesen, mal jenen Ordner aus dem Schrank und blätterte wild in meinen Notizen – gerade die Morgenstunden galt es zu nutzen, denn schon ab 10 Uhr begannen die beiden Gärtner der Villa ihre ohrenbetäubende Arbeit am Park. Besonders verhasst: die elektrischen Heckenscheren und ein traktorähnlicher Rasenmäher, den der kleinere, dickere Gärtner in einem endlosen Kreisverkehr über die Wiesen lenkte.

Was war geschehen? Ich hatte mir vorgenommen, einen Roman zu schreiben, meinen ersten Roman. Und ich hielt die Nachwendejahre in Berlin für einen überaus lohnenswerten Stoff, genauer gesagt, meine Erlebnisse in dieser Zeit. Bis 1993 hatte ich in Berlin gelebt und gearbeitet, als Maurer, Briefträger und Doktorand der Germanistik, vor allem aber als Kellner und Küchenhilfe in einer Kneipe namens Assel in Berlin-Mitte, Oranienburger Straße. In meiner römischen Schreibarbeit wollte ich nun einigermaßen systematisch vorgehen, strukturiert, der Größe des Vorhabens angemessen, nicht zuletzt, so dachte ich, würde es darum gehen, dem besonderen Anspruch der Gattung gerecht zu werden. Dafür hatte ich mir eine Sammlung von Materialien angelegt, die nicht nur Briefe, Fotos, Notizen und Schreibversuche aus dieser Zeit umfasste, sondern auch Dokumente jeder Art wie Miet- und Untermietverträge, Betriebskostenabrechnungen, Anträge auf Wohngeld, Elektro- und Gasrechnungen, meinen ersten Vertrag mit der Telekom von 1990, Telefonnummer, Tarif und Farbe meines ersten Telefonapparats und so weiter. Außerdem hatte ich Gespräche geführt mit Freunden aus dieser Zeit, Zeitzeugen gewissermaßen, ich stellte Fragen und schrieb mit, was kam. Zudem verteilte ich Arbeits- und Erinnerungsaufträge, zum Beispiel an meine Eltern. Meine Mutter musste sich an die Arbeit auf dem Bauernhof meines Großvaters und an ihre erste Schreibmaschine erinnern – Material für Rückblicke, so plante ich. Mein Vater erinnerte sich auftragsgemäß an seinen ersten Wagen, ein russisches Auto namens Shiguli, einen Vorläufer des Lada. Das machte ihm Spaß, und es entstand ein dreißigseitiges Dossier, das zu großen Teilen aus der dezidierten Beschreibung technischer Probleme und ihrer erfolgreichen Bewältigung bestand. Weitere Schwerpunkte meiner Recherche waren die Russenmafia und das "Diensthundewesen". Für Recherchen zur Geschichte des Diensthundewesens, insbesondere zur Aufzucht und Ausbildung von Grenzhunden in der ehemaligen Grenzhundekaserne von Wilhelmshorst (deren verfallene Baracken nur ein paar Hundert Meter von meiner heutigen Wohnung liegen), hatte ich einen Freiburger Studenten der Germanistik engagiert, der mir im dortigen Militärarchiv, einer Zweigstelle des Bundesarchivs, mehrere Hundert Blätter kopierte. Man ahnt es bereits: Die Mafia und die Geschichte des Grenzhunds vor und nach der Wende sollten eine wichtige Rolle spielen im Roman, so hatte ich es geplant. Und ja, es gab Pläne! Zeichnungen zum Aufbau des Textes, Handlungsabläufe, Inhaltsangaben zu einzelnen Kapiteln und vor allem: Es gab einen Zeitplan. Für diesen Arbeitsplan verwendete ich die Grafik eines Zeitstrahls, an dem ich jederzeit ablesen konnte, bis wann welches Kapitel geschrieben, überarbeitet und abgeschlossen werden würde. Diese kleine verhängnisvolle Bleistiftskizze klebte an der Innentür jenes Schranks, hinter dem ich saß und schrieb – hatte schreiben wollen, genauer gesagt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 26.11.2015.

Heute würde ich meine damalige Methode mit einer großen russischen Trägerrakete vergleichen, die drei Stufen benötigt zur Überwindung der Schwerkraft. Phase 1: Rekonstruktions- und Vergegenwärtigungsarbeit, Aufbereitung des Erlebnismaterials, eine Art Erinnerungsmaschinerie. Gerade die Dokumente versprachen die Möglichkeit einer Rekonstruktion, authentische Ausgangspunkte ohne Ende, dazu die Verheißungen des sogenannten Selbsterlebten. Phase 2: Literarische Umformung, Verfertigung und Verfeinerung. Phase 3: Zünden des literarischen Highlights mittels Fantasterei, spezieller Techniken, Stil und Spracharbeit. Und dann, völlig losgelöst ... So dachte ich. Doch meine Mission blieb stecken im Kosmodrom Massimo. Es funktionierte nicht. Schon das Material (Phase 1) ließ sich nicht ernten. Dabei gab es zwei Tendenzen: Entweder es erschien mir vollkommen uninteressant und stark ermüdend (dabei Müdigkeitsanfälle bis zur Bewusstlosigkeit – eine plötzliche Lähmung, wie ich sie schon früher in der Schule und später in den Lesesälen bestimmter Archive erfahren hatte; alles, was ich las, war genauso grau und stumpf wie das Papier der Akten) – oder es hypnotisierte mich: 400 Blatt zum "Diensthundewesen". Darunter, zum Beispiel, die Ahnentafel eines Deutschen Schäferhundrüden namens Berry von der Schweizerhütte, der von Oberstleutnant Muschwitz, einem Veterinär der Nationalen Volksarmee, für die Ausbildung zum Grenzhund eingekauft worden war, für 350 Mark per Postbarscheck, gezahlt an einen Züchter in Neubrandenburg. Berrys Karriere konnte mich bodenlos tief hinabziehen in die fremde Welt des Vergangenen. Tagelang kreiselte ich im Sog der Geschichte eines Grenzhunds, ohne dass ich irgendetwas für mein Schreiben zu fassen bekam. Am Ende summten allein die adligen Namen aus dem Stammbaum Berrys in meinem Schädel: Tell von Vogelhaus, Frei von Peenestrom, Fred von Falkenbruch, Ondra von Hildakloster, Cilla von Teufelskreis und so weiter, die Ahnen Berrys, verewigt im Zuchtbuch. Berrys Frühzeit in Neubrandenburg und sein harter Weg durch die Grenzhundekaserne von Wilhelmshorst und von dort an die Berliner Mauer und nach dem Fall der Mauer weiter über trübe Kanäle in den Westen nach Mannheim (ehemalige Grenzhunde waren begehrt, diese seien noch unverdorben, scharf, besonders die Rottweiler, so hieß es in Züchterkreisen), das alles verfolgte ich wie gebannt. Der Stoff war interessant, die Faszination des Faktischen wirkte, ergab aber keinen Sinn für mein Schreiben. Und so war es überhaupt mit dem herbeizitierten Material, den Dossiers, den Interviews, den Archivalien. Das Vergangenheitsmaterial absorbierte mich, und bald war ich restlos erschöpft, erschöpft von nichts. Trotzdem zwang ich mich, ich plagte mich. Ich schrieb drei, vier Kapitel, aber alles blieb blass und klang gewollt. Stufe 2 zündete nicht und keine Rede von Stufe 3.

Rom, Roma – "mit der Nennung des Namens beginnt jede Beschwörung", hätte ich bei Kaschnitz gelesen. Und Rom, Roma, Roman – klang das etwa nicht nach einer beinah natürlichen Steigerung der Dinge? Stattdessen Krise. Herzrasen, Hitze, Schweißausbrüche und Schlaflosigkeit, Magenkrämpfe und zu hoher Blutdruck – was folgte, war die rasche Entfaltung des kompletten Spektrums meiner hypochondrischen Möglichkeiten, ähnlich übertrieben, wie das Scheitern des Romans mit dem Einsturz des Kolosseums zu vergleichen, der im Aberglauben der Römer den Untergang Roms und dieser wiederum das Ende der Zeiten bedeutet, den Untergang der Welt: lächerlich – und nein, kein Vergleich, natürlich nicht. Aber ein Schriftsteller, der nicht schreibt, ist nichts wert, vor allem vor sich selber nicht. "Scheiß Rom, scheiß Villa Massimo" – hätte ich schon damals Kaschnitz gelesen, hätte ich auch diese Worte gelesen, mit denen sie den Zustand der Stipendiaten ihrer Zeit beschreibt. Ich hätte erfahren, dass sie selbst einmal Stipendiatin gewesen war, römische Gedichte verfasst und Boccia gespielt hatte, "in Modergeruch und Schattenkühle". Aber ich hatte weder geschrieben noch Boccia gespielt. Ich hatte nur lange hinter dem Schrank gesessen und nachts nicht geschlafen und die Stadt und ihre Geräusche gehasst, das Dröhnen des Verkehrs, die Sirenen der Krankenwagen des nahe gelegenen Policlinico, die Alarmanlagen der Vespas, die offensichtlich jeder Windzug zum Aufheulen brachte, die dafür aber den Rest der Nacht nicht mehr verstummten, die Müllabfuhr um vier Uhr morgens, wenn sie dröhnend die Villa umkreiste, und unübertroffen der stürzende Donner des Glascontainers, der einem in die Nieren fuhr. Aber auch bei uns im Studio herrschte niemals Stille. Von unten aus dem Atelier durchzog das feine, enervierende Pfeifen eines Heizkörpers die Nacht und von oben, über uns, ein Klopfen – Klopfgeräusche um 0 Uhr, die Geister unserer Vorgänger, die ebenfalls nicht zur Ruhe hatten kommen können, so fantasierte ich mit rasendem Herzen, all diese Geister-Stipendiaten, gehetzt von der Liste ihrer nicht geschaffenen Werke, nicht geschriebenen Romane ...

Ich lief durch Rom, und es wurde mir leichter ums Herz

Solche Nächte also. Was folgte, waren Arztbesuche. In einer Liste der Kooperationsärzte der Deutschen Botschaft in Rom fand ich Dr. W. Unterwegs zu W., sah ich Rom das erste Mal seit unserer Ankunft, mit müden Augen und flatternden Nerven. Ich fuhr mit dem Bus Nr. 62 von der Piazza Bologna zum Vatikan und eilte von dort weiter bergauf bis zur Via Domenico Silveri. Das heißt, ich kam am Petersplatz vorbei, auf dem die Seligsprechung von Johannes Paul II. vorbereitet wurde, die Sonne schien, azurblauer Himmel, ein halber Blick auf den Petersdom, die Kuppel schwebte. Wenn ich heute an diesen Tag denke, an meinen Weg zu W., kann ich sie noch spüren, jene als Todesangst verkleidete Lebensangst, mit der ich an den fantastischsten Ausblicken Roms vorüberhastete.

W.s Praxis bestand aus vielen kleinen Zimmern voller Ölgemälde. Im Wartezimmer hing ein Stillleben mit aufgeschlagenen Büchern. Bücher mit gewellten Seiten, auf denen Vasen standen oder Uhren lagen, Bücher, die offenbar niemand mehr las. Daneben eine Approbationsurkunde, ausgestellt in München. Auch Dr. W. sah erschöpft aus. Zuerst die Anamnese: die Geschichte meiner Krankenhausaufenthalte, meiner Unfälle, Knochenbrüche, Kinder, verheiratet, "was schreiben Sie?". Ein schwieriger Moment, was W. nicht wissen konnte. W. notierte: Lyrik und Essay. Vom Roman keine Rede. Auch fragte ich mich, wozu diese Auskunft nützlich sein sollte auf einer Patientenkartei. W. sagte: "Ich bewundere das immer, wenn ein Schriftsteller von seiner Arbeit leben kann." – "Ich auch", entgegnete ich, nicht aus Vorwitz, nur spontan aus meinem Müdesein heraus, ohne jede Überlegung. W. schaute auf, er war irritiert. "Ich bin vergleichsweise teuer", erklärte er jetzt, "ich meine, im Vergleich zu meinen italienischen Kollegen, aber ich gebe Ihnen Skonto."