Es war früher Morgen am 11. Dezember 2014, als ein Binnenschiff die Süderelbbrücke rammte. An Bord waren ein Kapitän und ein Lotse, schon über 70 Jahre alt. Vor Gericht kam heraus: Der Kapitän soll den Lotsen noch vor der Kollision gewarnt haben, auch deshalb wurde das Verfahren gegen ihn eingestellt. Der Lotse aber hatte offenbar die Höhe der Brücke falsch eingeschätzt. Und darauf zugehalten. Der Schaden beläuft sich auf mehr als drei Millionen Euro, die Reparaturen an der Brücke dauerten fast ein Jahr. Am kommenden Montag soll die Sanierung des Baus endgültig abgeschlossen und die Geschwindigkeitsbegrenzung auf der A 1 aufgehoben werden. Nur eines bleibt ramponiert: der Ruf der Lotsen.

DIE ZEIT: Herr Lodemann, die Schäden an der Süderelbbrücke sind endlich behoben. Warum haben Sie immer noch mit dem Fall zu kämpfen?

Ben Lodemann: Die Geschichte klebt an uns, zu Unrecht. Der Mann, der den Unfall verursacht hat, war offenbar ein Binnenschiffer, der als Hilfsschiffer Kapitäne auf der Süderelbe unterstützt, aber kein Lotse im Sinne der Lotsenbrüderschaft Elbe oder der Hafenlotsenbrüderschaft ist. In der Berichterstattung zu dem Fall wird trotzdem immer wieder von einem Elblotsen gesprochen und geschrieben. Das ist falsch.

Ben Lodemann ist seit 2003 Lotse und fährt seit 1986 zur See. © DZ

ZEIT: In Süderelbbrücke steckt ja schon das Wort Elbe. Da ist es naheliegend, dort Elblotsen zu vermuten.

Lodemann: Ja, aber die Elbe reicht bis Tschechien. Deshalb sind wir noch lange nicht für Tschechien zuständig.

ZEIT: Für welchen Bereich dann?

Lodemann: Die Lotsenbrüderschaft Elbe ist verantwortlich für den Verkehr von Helgoland bis Teufelsbrück. Dann übernehmen die Hafenlotsen. Deren Gebiet reicht bis zur Süderelb- und Norderelbbrücke. Aber unter den Brücken hindurch fahren auch die nicht. Dort braucht es wieder ein anderes Patent.

ZEIT: Was kann eigentlich ein Kapitän alleine? Darf der nur da steuern, wo er nichts rammen kann?

Lodemann: Der Kapitän kann sein einzelnes Schiff führen. Aber er kann nicht das ganze System überblicken wie ein Lotse. Wenn ein Kapitän aus seinem Hafenbecken rausfährt, weiß er nicht, welche anderen Schiffe jetzt von oben kommen, von unten, wo einer dreht, wo Strömungen sind. Der Lotse kann das antizipieren und risikoärmer vorgehen.

ZEIT: Also muss der Kapitän dem Lotsen während der Zusammenarbeit viel Vertrauen entgegenbringen.

Lodemann: Sehr viel. Deshalb ist es auch eine Katastrophe, wenn das Gerücht aufkommt, ein Mitglied unserer Lotsenbrüderschaft hätte eine Brücke gerammt. Der Mann konnte sich offenbar vor Gericht nicht einmal erinnern, wie er morgens zur Verhandlung gekommen war. Für unsere Kundschaft entsteht da der Eindruck: Was, so einen Mann setzt ihr als verantwortlichen Lotsen auf mein Schiff?

ZEIT: Er war schon 75.

Lodemann: Eben. Da dürfen Elblotsen gar nicht mehr arbeiten. Wir müssen uns alle drei Jahre strengen Gesundheitsschecks stellen. Und laut Seelotsgesetz ist für uns mit 65 Schluss.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 48 vom 26.11.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Warum zwingen Sie gerade die Erfahrensten zum Aufhören?

Lodemann: Weil man die Belastung nicht unterschätzen darf. Wir machen fast 80 Prozent unserer Arbeit nachts. Es kommt vor, dass wir drei Nächte in Folge arbeiten, dann haben wir einen Tag frei und sind die nächste Nacht wieder unterwegs. Und am Wochenende auch.

ZEIT: Kein Wunder, dass Ihnen der Nachwuchs ausgeht. Auf der Elbe sind 277 Lotsen im Einsatz, gut 100 zu wenig.

Lodemann: Wir können nicht so viele neue Leute einstellen, wie wir pensionieren müssen. Aber die Arbeitsbelastung ist nicht der Grund für unsere Unterbesetzung. Der Lotsenberuf ist weiterhin hochattraktiv.

ZEIT: Aber?

Lodemann: Um als Lotse zu arbeiten, müssen Bewerber wenigstens zwei Jahre mit dem ausgefahrenen Kapitänspatent zur See gefahren sein. Vorher müssen Sie zwei Jahre Bordanwesenheit als nautischer Offizier nachweisen. Und davor vier Jahre Nautik studieren.

ZEIT: Also mindestens acht Jahre Arbeitserfahrung.

Lodemann: Das Problem ist nur, dass die meisten diese Jahre gar nicht mehr zusammenbringen. Ein Großteil der Absolventen geht von den Hochschulen direkt in die Arbeitslosigkeit. Die jungen Leute finden keine Anstellung mehr. Und Kollegen ohne praktische Erfahrung können keine Lotsen werden.