Der Betrüger ist ein Mann Gottes. Aber das ist nur der eine Grund, warum ihm die Leute auf den Leim gehen. Der andere ist die fast schon messianische Hoffnung auf eine Technologie, die jene Revolution vollenden soll, die 1839 begonnen hat. In jenem Jahr wurde das erste fotografische Verfahren öffentlich; das Medium machte die Welt reproduzierbar, in Bildern, die eher Abbilder sind, exakte Kopien der Realität. Doch eines fehlt ihnen: die Farbe. Die Welt, die sie zeigen, ist schwarz-weiß. Fünf Dollar also, so verkündet der Pastor im Januar 1851 in einem New Yorker Fachblatt, und er werde das Geheimnis verraten, dank dessen er Fotografien "in den Farben der Natur" zustande bringe. Er verdient fünfzigtausend Dollar, bevor sein Betrug auffliegt.

Die Farbe ist der heilige Gral der Fotografie. Was die Firma Lumière dann präsentiert, am 10. Juni 1907 in Paris, ist ein Wunder: echte Farbfotos. Autochrome, so heißen die Dias aus Glas, die "die ganze lebendige Natur festhalten, in all der Magie und Harmonie ihrer Farben", wie es ein Beobachter der Vorführung beschreibt.

Es dauert nur zwei Wochen, bis auch das erste Stück Schweiz farbig wird: Ein Vertreter der Gebrüder Lumière macht ein halbes Dutzend Aufnahmen in einem Genfer Quartier.

Heute zeigt das Musée gruérien in Bulle zum ersten Mal überhaupt einen Überblick über die Anfänge der Farbfotografie in diesem Land. Bulle ist nicht Genf und schon gar nicht Zürich, und so entfaltet sich das Panorama einer Schweiz, die man so noch nie gesehen hat, hier fast ein bisschen im Geheimen. Im Zentrum des Forschungs- und Ausstellungsprojekts stehen jene 242 Autochrome aus einem Holzkoffer, den die Museumsleute im Nachlass des Ortsfotografen Simon Glasson (1882 bis 1960) entdeckt haben. Es sind lauter Heimatbilder, eine idyllenselige Beschwörung des Greyerzerlands mit den damals neuesten technologischen Mitteln. Überhaupt ist es erstaunlich, wie wenig die Jünger Lumières aus ihren Möglichkeiten machten – keine Experimente, kein Avantgardismus, keine neuartige Vision der Dinge. Stattdessen: Bilder einer Schweiz nach jenem visuellen Kanon, den die Maler und Zeichner schon im 18. Jahrhundert prägten.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 48 vom 26.11.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

"Man hat uns ein wunderbares Instrument in die Hände gegeben", schwärmt 1908 die Société française de photographie in ihrem Bulletin. "Wir werden ihm die strahlendsten Farben abgewinnen, und wir werden uns an die großen Landschaftsmaler halten: an Cazin, an Monet, an den göttlichen Corot. So werden wir Kunstwerke schaffen." Dieser Rat ist in jener Zeit verbreitet, und die Pioniere der Farbfotografie halten sich an ihn. Nach dem Ersten Weltkrieg fotografiert Simon Glasson ein emblematisches Stück Westschweizer Landschaft: den sanft gekurvten Weg, der von Pringy hügelaufwärts zum Schloßdörfchen Gruyère führt. Eine exemplarische Versöhnung der Natur mit der Kultur: Das mittelalterliche Dorf ruht eingefriedet zwischen den Wiesen und den Voralpengipfeln, die sich hinter dem Hügel in den Himmel strecken.

Circus Knie, 1923 © Charles Krebser / Musée gruérien

Die Aufnahme stammt von 1921, aber es gibt kaum einen Unterschied zu jenem Ölbild, das Joseph Reichlen 1903 malte, einer der prägendsten Künstler der Region. Dasselbe Arrangement, dasselbe Frühabendlicht, dasselbe ländliche Idyll, und dass der Fotograf darauf verzichtet hat, einen Statisten auf den Weg zu stellen, liegt nicht nur an der problematisch langen Belichtungszeit der Autochrome. Mehr noch liegt es daran, dass Glasson kein Indiz der Gegenwart in der hehren Szene wollte. Tatsächlich fehlen die Menschen bei ihm: Sein Greyerzerland ist praktisch unbewohnt. Hier gibt es auch keine Eisenbahn, kein Automobil, keine Spur jener modernen Welt, die die Farbfotografie erst zustande brachte. Die Farbe, die den revolutionären Realismus der Fotografie vollenden sollte, Glasson braucht sie für ein Phantasma: für eine Vision der Heimat, in der die Zeit aufgehoben scheint. Für ein Ideal der Schweiz als unberührtes Arkadien.

Und er war nicht der Einzige damit. Das demonstriert der schweizweite Querschnitt der frühesten Farbfotografie, der im Regionalmuseum den Kontext von Glassons Schaffen bildet. Zusammengetragen haben ihn die Fotohistoriker Nicolas Crispini, Christophe Dutoit und Christophe Mauron, und zwar nach einer Erhebung in einer ganzen Reihe weiterer Institutionen, von Martigny bis Winterthur. So lassen sich die erhaltenen Autochrome mit Schweizer Sujets heute zählen: Mehr als fünftausend sind es nicht.