Das Jahr 2015 lief gut für Philipp Ruch. Lange wurde das Zentrum für politische Schönheit (ZPS), eine von ihm gegründete Aktionsgruppe, als Kollektiv wahrgenommen, nun aber dreht sich alles um ihn, den Künstler, Philosophen und Ideenhistoriker. Noch durchschlagender als bisher kann er seine Mission verfolgen, den "aggressiven Humanismus". Der zeigte sich bei einer Aktion wie 25.000 Euro Belohnung darin, dass 2012 mit Fahndungsplakaten zur Verfolgung von Anteilseignern eines Rüstungskonzerns aufgerufen wurde. In diesem Jahr machte Ruch mit Die Toten kommen von sich reden, unter anderem vor dem Bundeskanzleramt sollten gewaltsam gestorbene Opfer der Flucht rituell bestattet werden.

Was mit solchen Aktionen eigentlich gemeint ist, auf welchem geistesgeschichtlichen Fundament sie stehen, lässt sich jetzt endlich kompakt nachlesen. Wenn nicht wir, wer dann? heißt Ruchs "politisches Manifest", mit dem er das erfolgreiche Jahr krönen will. Ob das gelingt, bleibt abzuwarten, denn ein Teil der Anhängerschaft des ZPS, darunter rund 600 Fördermitglieder, die jährlich mindestens 100 Euro zahlen, könnte von mancher These durchaus verunsichert werden.

Wer glaubt, das ZPS sei eine Gruppe links-alternativer Politkünstler, die wie viele andere für mehr Bürgerrechte oder gegen das TTIP-Abkommen protestieren, liegt jedenfalls falsch. Ruch und seine Mitstreiter sehen sich vielmehr als "Sturmtruppe", mit dem einzigen Ziel, den aus ihrer Sicht erniedrigten Menschen endlich wieder in das Zentrum der Welt zurückzubringen. Dazu muss allerdings die gesamte Moderne rückabgewickelt werden, denn in ihr wurde der Mensch, so Ruch, "systematisch disqualifiziert" und entzaubert. "Das Wunder, das wir sind", wird zunichte gemacht, wenn man "durch die Brille der Naturwissenschaften die Zufälligkeit und Bedeutungslosigkeit des Menschen zu erkennen" meint.

Mit dem Weltbild der Biologen, Psychologen und Gehirnforscher "vergiften wir uns schleichend selbst". In seinem Buch entlarvt Ruch die "toxischen Ideen" der Moderne und sehnt sich nach Aristoteles und Homer, bei denen der Mensch noch als etwas Großes gedacht wurde.

Seit Sigmund Freud 1917 erstmals davon sprach, welche "Kränkungen ihrer naiven Eigenliebe [...] die Menschheit im Laufe der Zeiten von der Wissenschaft erdulden" musste, und seit er in Kopernikus, Darwin und sich selbst die drei Figuren identifizierte, die "die menschliche Größensucht" am empfindlichsten verletzt hätten, hat sich wohl noch nie jemand so rückhaltlos als gekränkt geoutet wie Philipp Ruch in seinem Manifest. Seite um Seite kritisiert er das "Kartell [...], das uns auf eine Fülle von biochemischen Prozessen, Neuronen, Körperfunktionen und Umwelteinflüssen reduziert", klagt über die "Formel von der Gleichheit aller Menschen" und wettert gegen Darwins "Mord-und-Totschlag-Theorie". Biologen, die von Tieren auf den Menschen rückschließen, bezeichnet er als "Denunzianten", ihnen und anderen Naturwissenschaftlern wirft er vor, "primitiv, respektlos und beleidigend" zu sein. Doch sein Hauptfeind ist tatsächlich Freud. Dessen "widerwärtige Unterstellungen" hätten aus dem Menschen "etwas Hässliches, Trauriges und Verletztes" gemacht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 26.11.2015.

Ein derart radikaler Antimodernismus hat lange Tradition. So finden sich etwa in Hans Sedlmayrs Verlust der Mitte (1948) unter dem Schlagwort "Herabsetzung des Menschen" genau dieselben Anklagen wie bei Ruch. Auch für Sedlmayr richtet sich die Moderne "nicht nur gegen das im engeren Sinn humanistische Bild vom Menschen, sondern gegen den Menschen überhaupt". Damit aber habe das Hässliche Dominanz erlangt, in der Kunst seien nur noch Richtungen entstanden, "die ein unentstelltes Menschenbild gar nicht mehr geben können oder wollen".

Sedlmayr bezeichnet seine Thesen selbst als "nicht neu", beruft sich etwa auf Nikolai Berdjajew oder Ortega y Gasset. Und man könnte noch weiter zurückgehen, in die Romantik oder gleich bis zum Ältesten Systemprogramm des deutschen Idealismus. In diesem Textfragment, 1797 wohl von Hegel, Schelling und Hölderlin gemeinsam konzipiert, wird die Naturwissenschaft auch schon als unangemessen für die "Idee der Menschheit" angesehen; wie Staat und Technik erkenne sie die Freiheit und den schöpferischen Geist des Menschen nicht an. Es brauche daher "ästhetischen Sinn", nur wenn alles unter Obhut der "Idee der Schönheit" stehe, seien eine "allgemeine Freiheit und Gleichheit der Geister", eine "ewige Einheit" möglich.

Genauso fordert Ruch eine "Rückkehr" der Schönheit, denn "Schönheit ist es, die Menschen verzaubert". Gäbe es vor allem in der Politik mehr Schönheit, so Ruchs Überzeugung, dann würde der Mensch so wichtig genommen werden wie einst. Überlasse man hingegen weiter den faktengläubigen Wissenschaften die Deutungshoheit über den Menschen, stehe man gerade erst am Anfang "des genozidalsten Jahrhunderts der Weltgeschichte". In Ruchs Theaterstück 2099, im September am Stadttheater Dortmund uraufgeführt, ist sogar konkret von vier Holocausts in den nächsten Jahrzehnten die Rede, von 600 Millionen Opfern allein bis 2032. Dagegen muss etwas unternommen werden, prophylaktisch, und wenn es dazu bereits zu spät ist, müssen zumindest noch Menschen gerettet werden. Entsprechend sind alle jüngeren Projekte des ZPS den Flüchtlingen und dem Kampf gegen die EU-Außengrenzen gewidmet, an denen diese oft scheitern und sterben.

In der Tradition des Antimodernismus

Gerade wer die Menschenrechte beim aktuellen Flüchtlingsdrama ernst nimmt und unbedingt wahren will, muss sich jedoch wundern, dass das ZPS in der Not nicht etwa mit anderen Gruppen zusammenarbeitet, um mehr zu erreichen. Im Gegenteil: Bei Vorträgen von Ruch oder seinen Mitstreitern hagelt es regelmäßig abfällige, gar hämische Bemerkungen etwa über Amnesty International: Die seien zu angepasst, hielten sich bürokratisch an die Gesetze. So lasse sich die "Armseligkeit" der Welt nicht aufbrechen, das sei nur durch "das Erdbeben der Schönheit" möglich: "Einmal losgetreten, hält nichts und niemand dieses Beben auf. Schönheit ist das Erdbeben unserer Existenz. Danach langweilt einen, was auf dieser Welt sicher ist."

Solche Sätze aus Ruchs Manifest klingen einmal mehr wie ein Nachhall der langen Tradition des Antimodernismus. In ihm ist die Verklärung von Ausnahmezuständen ein festes Motiv, denn darin soll sich das Schöne im Sinne des Großen und Heldenhaften zeigen. Figuren wie Nietzsche, Heidegger, Ernst Jünger, Carl Schmitt huldigten auf jeweils andere Weise dem Ausnahmezustand. In ihm sind die Gesetze aufgehoben, Kraft und Wille können sich Bahn brechen und alles neu schaffen. Es ist die Zeit der Genies, der Einzelnen, der ganz Großen. Ruch lässt in seinem Manifest keinen Zweifel, dass er sich selbst für einen solchen ganz Großen hält.

Mit ihm, dem ZPS und dessen "schönen Taten" bekämen die Menschen ein Vorbild. Da jeder "auf Beispielgebung wartet", könnten einzelne Menschen enorme "Wirkmächtigkeit" entfalten und gleichsam ganz allein die Geschichte machen.

Wenn Ruch schreibt, es gelte, die gegenwärtige "Trockenphase der Weltgeschichte [...] mit Schönheit zu tränken", wird aber auch klar, dass seine Gedanken mehr um seinen Nachruhm als um das Schicksal von Flüchtlingen kreisen. Die "wirklich wichtigen Fragen" lauten für ihn, so ehrlich ist er immerhin: "Wofür will ich einmal stehen? Welches ist die größte Tat, mit der mein Name einst verbunden werden soll?" Dieses Verlangen nach eigener historischer Bedeutung ist aber nur die Kehrseite der Kränkung, die Ruch allseits empfindet. In seinem Antimodernismus kommt jene "Größensucht", ja ein unersättlicher Geltungsdrang zum Ausdruck.

Das wird noch deutlicher, wenn man sein Manifest mit anderen modernekritischen Texten vergleicht. Günther Anders etwa beklagt zwar ganz ähnlich die "Antiquiertheit des Menschen", reagiert darauf aber nicht als Gekränkter, sondern mit der genauen Beschreibung dessen, was er "prometheische Scham" nennt: Da die Menschen von immer leistungsfähigerer Technik umgeben seien und sich im Vergleich dazu minderwertig vorkämen, fühlten sie sich beschämt. Und so entwickelt Anders, statt sich Selbstmitleid und Dünkel hinzugeben, aus dem Schambegriff heraus eine Deutung verschiedener Phänomene des menschlichen Umgangs mit Maschinen, Medien und Massenprodukten. Das mag kontrovers sein, wirkt aber auch nach 60 Jahren ungleich lebendiger und aktueller als Ruchs Manifest.

An ihm verwundert nicht nur, dass er – der Ideenhistoriker! – die Vorgeschichte seines Antimodernismus unerwähnt lässt, um sich als solitären Denker darzustellen, sondern dass er sich nicht einmal Mühe gibt, alte Gedanken zeitgenössisch aufzubereiten. Wie dieser Text von einem 34-Jährigen stammen kann, ist erstaunlich, da nichts darin von jüngsten Themen und Diskursen geprägt ist: dass politisches Handeln sich durch Internet und Social Media verändert? Dass der Mensch auch von Klimakatastrophen bedroht sein könnte? Dass die Gleichberechtigung der Geschlechter keineswegs erreicht ist? Kein Wort davon. Wenn Ruch von Medien spricht, dann von den "Hauptnachrichten" im Fernsehen (in denen mehr Opfer gezeigt werden sollen), und sein Beispiel für etwas, das uns "täglich begegnet", aber doch nicht recht verstanden wird, ist allen Ernstes, "wie Gas eine Laterne zum Leuchten bringt".

Genauso altmodisch ist Ruchs Vokabular. Mag man es noch für ein reizvolles Experiment halten, Begriffe wie Stolz und Ehre neu auf ihre Verwendbarkeit zu prüfen, so wundert man sich doch über Wörter wie Völker oder Abendland, zumal Letzteres offenbar nicht in Abgrenzung zu Pegida reklamiert wird. Eine Vorliebe hat Ruch ferner für martialische Metaphern. Immerzu detonieren Bomben, wird ausradiert und zum Einsturz gebracht. Das ist ermüdend und erschreckend zugleich, und mochte man die schneidige Sprache, die auch die Aktionen des ZPS dominiert, bisher für künstlerische Übertreibung halten, so ist spätestens jetzt klar, wie wörtlich alles gemeint ist. Philipp Ruchs Text ist kein dadaistisches Pamphlet und keine literarische Fantasie. Er ist das Manifest von einem, der mit aller Gewalt in die Geschichte eingehen will.

Lesen Sie hier die Replik von Philipp Ruch auf Wolfgang Ullrichs Artikel.