Stephan Kramer im November 2008 © Sean Gallup/Getty Images

Dafür, dass er bald die Behörde mit dem vielleicht übelsten Ruf in ganz Deutschland führen soll, wirkt Stephan Kramer dieser Tage erstaunlich entspannt. Zum Gespräch hat er ins Café Einstein in Berlins Kurfürstenstraße gebeten. Wie der Zufall es will, residiert im Nebenhaus derjenige Filmverleih, der kürzlich die Neonazi-Satire Heil ins Kino brachte. Darin geht es um dummdreiste Verfassungsschützer, die Rechtsradikalen nicht auf die Schliche kommen. Den Film kenne er noch gar nicht, sagt Kramer. "Sollte ich mir mal besorgen."

Die Filmsatire, das muss man dazu wissen, ist wesentlich inspiriert von Kramers künftigem Arbeitsplatz – dem Thüringer Amt für Verfassungsschutz. Spätestens seit 2011 die Mordserie des aus Jena stammenden NSU aufflog, ist dieses Amt blamiert; als Inbegriff staatlichen Totalversagens. Dort, so stellte 2014 ein Untersuchungsausschuss fest, sei neben Inkompetenz und arroganter Ignoranz wohl auch gezielte Sabotage im Spiel gewesen. Dann etwa, wenn Geheimdienstmitarbeiter ihre schützenden Hände über Neonazis hielten, die sie als V-Leute generös bezahlt hatten.

Seit 2012 ist Thüringens Verfassungsschutz ohne Präsident. Am 1. Dezember, so hat vorige Woche die rot-rot-grüne Koalition entschieden, soll Stephan Kramer das heikle Amt übernehmen. Viele Reaktionen darauf darf man sich ähnlich überrascht vorstellen, wie es bei einer Agrargenossenschaft der Fall wäre, die statt des erwarteten Ackergauls ein Zirkuspferd geliefert bekäme.

"Anderswo wäre niemand auf die Idee gekommen, einen Exoten wie mich zu holen", sagt Kramer. Keinen unauffälligen, erfahrenen Beamten aus dem Sicherheitsapparat, sondern ihn – den langjährigen Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland. Einen profilierten Kämpfer gegen Rechtsextremismus. Der 47-Jährige, aufgewachsen im westfälischen Siegerland, SPD-Mitglied, ist ein hochpolitischer Mensch und geradezu süchtig nach Debatten. Die liefert er sich laut und mit Verve. In einer Sicherheitsbehörde arbeitete er nie. Nun soll er einen Nachrichtendienst leiten? Von einer "irren Wendung" schrieb die taz. Für die Berliner Zeitung ist dies die Pointe: "Ein deutscher Jude (ist) demnächst zuständig für die Aufräumarbeiten in einer vom NSU verursachten Trümmerlandschaft."

Stephan Kramer – wache Augen, Fünftagebart, oft in Denkerpose eine Hand an der Schläfe – wirkt zu Beginn dieser Woche im Café nicht unglücklich über die Verblüffung, die seine Berufung erzeugt hat. Und darüber, dass die Thüringer Regierung die Personalie um den Geheimdienstchef so lange geheim halten konnte. Zwischen ihm und Thüringens Innenminister Holger Poppenhäger (SPD), dem der Verfassungsschutz unterstellt ist, habe es schon im Frühjahr erste Gespräche gegeben, erzählt Kramer. "Anfangs waren wir uns beide nicht sicher, ob ich der Richtige bin." Angeblich war er auch nicht die erste Wahl. "Poppenhäger hat zunächst keinen gefunden, der dieses Amt haben wollte", sagt ein Politiker aus dem Regierungslager. Womöglich kam der entscheidende Tipp vom linken Ministerpräsidenten Bodo Ramelow, der gut verdrahtet ist in die jüdische Gemeinschaft. Dazu sagt Kramer nur: "Er hat meine Berufung von Anfang an wohlwollend begleitet."

Kramer und der Verfassungsschutz – wie passt das zusammen? Als jemand, der von außen komme und querdenke, sei er der Richtige für einen Neustart dieser Truppe, hört man aus der Regierung. Beim Zentralrat der Juden sei er schon mit Sicherheitsfragen betraut gewesen. "Da ging es nicht nur um schusssichere Fenster", sagt Kramer, "sondern auch um komplexe Analysen von Bedrohungslagen."

Dabei fällt auf, dass Kramer den Verfassungsschutz, den er künftig in Erfurt führen soll, vor nicht allzu langer Zeit noch abgeschafft sehen wollte. Inzwischen hat er seine Meinung komplett revidiert. Ausgerechnet diese Widersprüchlichkeit macht ihn nun für Rot-Rot-Grün zu einem guten Kandidaten. Denn sie spiegelt die Spannungen in der Koalition wider. Vor allem die Linke würde den Verfassungsschutz – den sie für antidemokratisch und unkontrollierbar hält – gern abwickeln. Das ist mit der SPD nicht zu machen. Von nun an verkörpert keiner so sehr diesen Konflikt wie Kramer selbst.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 48 vom 26.11.2015.

"Die Zivilgesellschaft ist der beste Verfassungsschutz", sagt der künftige Präsident. "Aber: Spionageabwehr und Terrorismusbekämpfung kann man nicht an die Zivilgesellschaft delegieren." Dabei muss er weitgehend auf den Einsatz von V-Leuten verzichten, so hat es die Erfurter Regierung beschlossen – einmalig in Deutschland. Er halte eine Reform des Amtes für machbar, sagt Kramer. "Falls die Reformen nicht funktionieren, ist die Abschaffung des Dienstes immer noch eine Option." Es klingt fast wie eine Drohung. Aber nein, sagt Kramer, das sei eine nüchterne Feststellung.

Gerade Nüchternheit in der Sache zählte bisher nicht zu Kramers Top-Eigenschaften. Er gehört seit Jahren zu den Intellektuellen, die man als Journalist für eine steile These oder ein gepfeffertes Zitat anruft. Kramer war da ein flinker, verlässlicher Lieferant – ob zu Antisemitismus, Neonazis, Salafisten, Patriotismus oder Nahostkonflikt. Manchmal aber wirkte er wie eine loose cannon . Um sich Gehör zu verschaffen, fand er, müsse man mitunter übers Ziel hinausschießen. So warf er Hessens damaligem Premier Roland Koch (CDU) Wahlkampf "fast auf NPD-Niveau" vor. Und als ihn Äußerungen Thilo Sarrazins empörten, stellte er diesen in eine Reihe mit Göring, Goebbels und Hitler. Ein Fehler, wie er später zugab. Im neuen Amt wird er sich zügeln müssen. Aber kann man so ein Temperament abschalten wie einen lästig gewordenen V-Mann?