DIE ZEIT: Als Franzosen und Deutsche am 13. November vor ihren Fernsehbildschirmen saßen und nicht nur das Fußballländerspiel verfolgten, sondern auch was danach geschah: Kam es Ihnen da in den Sinn, dass die Geschichte sich nicht wiederholt und diesmal Franzosen und Deutsche wirklich gemeinsam kämpfen werden?

Alain Finkielkraut: Der Angriff traf Paris, aber mit Paris war ganz Europa gemeint. Das Fußballstadion, vor allem aber das Café ist ein wesentlicher Bestandteil der europäischen Zivilisation.Wenige Orte sind so angenehm, so zivilisiert wie eine ruhige Terrasse in der Abenddämmerung. Auch die Deutschen, die gelegentlich nach Paris kommen, hätten diesmal unter den Kugeln der Terroristen fallen können. Wir sind alle die potenziellen Ziele dieser Gewalt. Wir haben alle das Gefühl, dass die Welt sich gerade verändert, dass wir das Recht auf Leichtigkeit und Sorglosigkeit verlieren, dass andere Attentate folgen werden, die sich dann vielleicht vor einer deutschen Haustür abspielen werden, in München oder Berlin.

ZEIT: Dennoch reagieren wir Deutschen anders auf die Attentate als die Franzosen. Der Ausspruch Ihres Präsidenten "Wir sind im Krieg!" findet bei uns ein eher kritisches Echo.

Finkielkraut: Wenn man auf seinem eigenen Boden angegriffen wird, verbunden mit der Drohung, dass weitere Angriffe folgen werden – wie kann man dann noch ablehnen, von Krieg zu sprechen? Der "Islamische Staat" hat uns den Krieg erklärt. Das nicht anzuerkennen wäre ein Eingeständnis von Schwäche, die uns in den Untergang führen würde.

ZEIT: Ist es nicht eine Stärke der Deutschen, nicht auf das Kriegsgeschrei der Terroristen reinzufallen?

Finkielkraut: Die Deutschen leben noch in einem Europa, das es nicht mehr gibt. Dieses Nachkriegseuropa wollte zwischen den Ländern, die ihm beitraten, den ewigen Frieden ausrufen. Es proklamierte für sich, im Sinne des Papstwortes "urbi et orbi", keinen Feind zu haben. Aber wie schon der französische Philosoph Julien Freund sagte, der Mitglied der Résistance war, obwohl er Schüler von Max Weber und Carl Schmitt war: "Nicht wir bestimmen unseren Feind. Es ist der Feind, der uns bestimmt." Wenn dieser aber entschieden hat, uns zu seinem Feind zu machen, nützen alle Freundschaftsbekundungen nichts. Er wird sogar verhindern, dass wir uns nur noch um den eigenen Garten kümmern. Und genau das passiert uns heute.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 26.11.2015.

ZEIT: Selbst ein schreckliches Blutbad wie in Paris macht noch keinen permanenten Kriegszustand.

Finkielkraut: Aber der Feind ist da. Wir müssen ihn benennen. Denn der Feind ist nicht mehr einfach der Terrorismus. Er ist zuallererst der "Islamische Staat". Im Gegensatz zu Al-Kaida hat dieser Feind eine Adresse. Das Kalifat existiert irgendwo zwischen Syrien und dem Irak. Alle Attentate gegen uns werden dort geplant. Es führt gegen uns einen Krieg, der alle Kriegsgesetze missachtet, um uns in den totalen Terror zu stürzen. Wir müssen ihn schwächen und besiegen, weil wir sonst nicht mehr in Sicherheit leben können.

ZEIT: Hört man Sie nun etwa zum ersten Mal etwas Gutes über Ihren aktuellen Präsidenten sagen?

Finkielkraut: Die französische Regierung hat reagiert, wie es sich gehörte. Insofern fühle ich mich als Teil der vor dem Feind geeinten Nation. Wir werden mit unseren Alliierten alle verfügbaren militärischen Mittel einsetzen, um den Feind zu schlagen.

ZEIT: Unterstellen Sie François Hollande etwa keine Manöver, die nur seiner Wiederwahl dienen?

Finkielkraut: Seine Wahlkalküle sind legitim und gehören zum Beruf. Aber ich bin mir sicher, dass es ihm jetzt nicht vorrangig darum geht. Ich stelle nur fest, dass er sich immer noch weigert, einen Zusammenhang zwischen dem "Islamischen Staat" und dem beängstigenden Zuwachs des islamischen Fanatismus in Frankreich herzustellen.

"Deutschland bleibt ein von Hitler traumatisiertes Land"

ZEIT: Wollen Sie etwa, wie der Publizist Éric Zemmour nahelegte, die Vorstadtviertel bombardieren, aus denen viele Attentäter stammen?

Finkielkraut: Richtig ist: Es gibt heute viele Molenbeeks, nicht nur in Belgien, auch in Frankreich. Und unser Feind ist leider auch der radikale Islam im eigenen Land. Natürlich werden nicht alle Salafisten und anderen Fanatiker zu Terroristen. Aber die Lage in Europa ist beunruhigend. Das eigentlich Wünschenswerte, die Integration des Islams in die europäische Zivilisation, wird immer schwieriger. Unter dem Druck der wachsenden Einwanderung nimmt die Islamisierung ganzer Stadtviertel zu. Das gilt auch für Deutschland.

ZEIT: Und Sie glauben, wir Deutschen seien blind und wollten die Gefahr nicht sehen?

Finkielkraut: Deutschland bleibt ein von Hitler traumatisiertes Land. Statt eines realistischen Weltbilds pflegen die Deutschen den Antirassismus. Der Jude war im Nationalsozialismus der Andere. Hitler hat aus ihm den absoluten Feind gemacht. Um dieses Verbrechen zu sühnen, entgehen die Deutschen bis heute nicht der Versuchung, den Respekt vor dem Anderen zum moralischen und politischen Kardinalprinzip zu erheben. So aber halten die Deutschen noch heute den tatsächlichen Feind für den Anderen, dem sie Buße schulden. Das Aufwachen aus dieser Art von Weltfremdheit wird für die Deutschen ein extrem schmerzhafter Schock sein.

ZEIT: Entgegen Ihrer Feindesobsession verteidigte kürzlich unser Finanzminister Wolfgang Schäuble die Aufnahme der syrischen Flüchtlinge in Deutschland als "Ehrenrettung für Europa".

Finkielkraut: Ich verstehe das gut. Als die ersten Flüchtlingswellen ankamen, hielten die Deutschen den Moment für gekommen, ihren historischen Makel zu bereinigen. Sie konnten sich endlich freikaufen. Es war eine große Erlösung. Hitler-Deutschland beschwor die eigene Kraft. Merkel-Deutschland stellte sich auf die Seite des Schwachen. Hitler-Deutschland verkörperte den Hass auf den Anderen. Merkel-Deutschland sagte: Hier bin ich und kümmere mich um den Anderen in Not. Dazu aber gehörte eine große moralische Trunkenheit. Plötzlich verkörperte Deutschland das Gute. Frau Merkel wurde für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Nun erholt sich Deutschland langsam von einem schrecklichen Kater. Deshalb hat Bundespräsident Joachim Gauck neulich an ein paar Spielregeln erinnert: erstens, Respekt vor den Homosexuellen, zweitens, Gleichberechtigung der Frauen, drittens, Ablehnung aller Formen des Antisemitismus, viertens: Anerkennung des Staates Israel. Warum diese Gedächtnisstütze? Weil nämlich ein nicht zu übersehender Teil der Flüchtlinge mit diesen Regeln nichts am Hut hat. Indem es den Antisemitismus von gestern sühnen wollte, hat das Deutschland der Willkommenskultur womöglich den Antisemiten von morgen Spalier gestanden.

ZEIT: Sind Sie jetzt nicht auf dem besten Wege, den Islam pauschal zu verurteilen? Reicht es nicht, wenn der Papst vom dritten Weltkrieg spricht?

Finkielkraut: Dem schließe ich mich nicht an. Ich sehe ja, was der "Islamische Staat" bezweckt: Er will uns in den Bürgerkrieg treiben. Die Strategen des heiligen Krieges hoffen, dass wir Deutschen und Franzosen uns am Ende auf jeden Muslim stürzen, verschleierte Frauen belästigen und Moscheen zerstören. Wir dürfen die Muslime nicht pauschal beschuldigen. Viele von ihnen sind ehrlich entsetzt über die Attentate, viel mehr noch als nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo im Januar. Aber wir dürfen den Islamismus auch nicht als Randphänomen betrachten. Der Islam ist nun mal seit seinen Anfängen eine eroberungslustige Religion. Er hat viele Niederlagen erlebt. Aber für die Islamisten ist heute die Zeit der Rückeroberung gekommen. Dafür proklamieren einigen von ihnen den globalen Krieg, andere nur das Predigen. Aber gemeinsam glauben sie, dass eine Islamisierung Europas zumindest teilweise möglich ist. Und wir dürfen nichts tun, um ihnen diesen Plan zu erleichtern. Europa muss dem im Gegenteil widerstehen, sich selbst behaupten, indem es seine Prinzipien und Sitten auf eigenem Boden unerbittlich durchsetzt. Andernfalls werden wir von innen ausgehöhlt.

ZEIT: Da muss man ja fragen, ob Sie trotzdem noch das Asylrecht verteidigen?

Finkielkraut: Ich verteidige das Asylrecht, aber ich mache mir Sorgen, dass der Islam an vielen Orten mehrheitsfähig wird und dort seine Sitten durchsetzt. Und am Ende der Islamismus profitiert.

Für die Modernisierung des Islam fehlt die Zeit

ZEIT: Haben Sie nicht Angst, dass Ihre Regierung die Fehler des George W. Bush heute wiederholt?

Finkielkraut: Tatsächlich haben die westlichen Kriege in Afghanistan, dem Irak und Libyen nach der Zerstörung der staatlichen Strukturen leere Räume hinterlassen, die heute von den Islamisten besetzt werden. Aber wie sagt der amerikanische Philosoph Michael Walzer: Wir sind nicht verantwortlich für die Verbrechen dieser Fanatiker. Wir können im Westen nicht die Ursache für das Erwachen des Islamismus suchen, den zu bändigen wir deshalb nicht den Pazifisten überlassen können.

ZEIT: Sehen Sie gar keine Chance für eine Modernisierung des Islams, wie sie das Christentum mit Galilei und Luther erlebte?

Finkielkraut: Dafür fehlt uns Zeit. Die Länder, die heute den radikalen Islam subventionieren, gehören zu den reichsten der Welt. Zum Beispiel Saudi-Arabien und Katar.

ZEIT: An die auch Deutschland und Frankreich schwere Waffen verkaufen.

Finkielkraut: Die aber trotzdem nicht von ihrer radikalen islamischen Ideologie ablassen und sie verbreiten. Dieser islamische Fanatismus hat dadurch eine Art Autonomie erreicht. Wir sind damit in eine Periode gewechselt, in der unsere Zivilisation und der islamische Fanatismus aufeinanderprallen. Wir müssen ihn nehmen, wie er ist.

ZEIT: Hält man Sie deshalb für den pessimistischsten Philosophen Frankreichs?

Finkielkraut: Mich beunruhigt nur dieses europäische Sich-gehen-Lassen. Europa ist eine Zivilisation. An uns liegt es heute nicht mehr, sie in die Welt zu tragen. Aber wir müssen sie schützen, weitergeben, verteidigen. Ich fürchte, wir können das nicht mehr.

ZEIT: Und das reichste Land Europas, Deutschland, ist das untauglichste für den neuen Krieg?

Finkielkraut: Die Flüchtlingskohorten ziehen heute noch über den Balkan in ihr neues Eldorado Deutschland. Merkel selbst erschrickt nun davor und bittet flehentlich Erdoğan, den neuen türkischen Sultan, ihr zu helfen. Dieser Kniefall Europas vor einem Mann, der eine sehr ambivalente Haltung gegenüber dem "Islamischen Staat" vertritt, weil sein eigentlicher Feind die Kurden sind: Das ist ein sehr erniedrigendes Spektakel. Ich bin überwältigt von der Inkonsequenz der Kanzlerin, und ich habe Angst, dass gerade diese Einstellung, diese Leichtigkeit, ja ihr Vergessen einer verantwortungsbewussten Moral im Sinne von Max Weber zugunsten einer Gesinnungsethik, in Deutschland am Ende nur den Populisten von Pegida nutzt.