DIE ZEIT: Herr Kroos, haben Sie hier auf dem Vereinsgelände von Real Madrid manchmal das Gefühl: "Wahnsinn, ich hier"?

Toni Kroos: Ich muss zugeben: nie.

ZEIT: Im Ernst?

Kroos: Vielleicht wäre es manchmal gar nicht schlecht, wenn es so wäre, wie Sie es unterstellen. Aber ich bin kein enthusiastischer Typ. Ich sehe einfach auch die Arbeit, die ich reingesteckt habe, um bis hierhin zu kommen. Dass es ein ungeheures Privileg ist, dessen bin ich mir schon bewusst. Aber selbst daraus wird ganz rasch Normalität.

ZEIT: Zu Ihrer Normalität gehört auch, dass Sie bereits unter vielen absoluten Toptrainern länger gearbeitet haben, zum Beispiel Heynckes, van Gaal, Guardiola, Klinsmann, Löw und Ancelotti. Welches sind die drei wichtigsten Qualitäten, die ein Trainer haben muss?

Kroos: Erstens muss er eine klare Idee vom Fußball haben, eine Spielidee. Zweitens muss er in der Lage sein – besonders wenn er eine große Mannschaft trainiert –, die unterschiedlichen Charaktere so anzusprechen, dass sie seine Idee umsetzen und gleichzeitig ein gutes Klima herrscht. Und drittens: Er muss Erfolg haben.

ZEIT: Worauf könnten Sie eher verzichten: Spielidee oder Motivation?

Kroos: Wenn ich mich entscheiden müsste, dann würde ich auf die Motivation verzichten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 26.11.2015.

ZEIT: Oliver Kahn hat einmal gesagt: "Weltklassespieler brauchen keine Motivation – sie wollen wissen, wie sich ein Spiel entwickelt, wie sie darauf reagieren müssen."

Kroos: Das würde ich so unterschreiben. Ein Weltklassetrainer muss das Spiel so lesen können, dass er und seine Mannschaft in der Lage sind, auch während des Spiels auf veränderte Situationen zu reagieren.

ZEIT: Gehen wir die wichtigsten Trainer mal durch, und Sie sagen zu jedem einen Satz oder zwei. Jupp Heynckes?

Kroos: Mein wichtigster Trainer. Es haben viele gesehen, dass ich Talent habe. Aber den Mut, mir konstant die Möglichkeit zum Spielen zu geben, mir auch ein, zwei schlechtere Spiele zu verzeihen, da war er der Erste.

ZEIT: Louis van Gaal?

Kroos: Von der Idee her ein absoluter Toptrainer. Ob die immer zur Mannschaft gepasst hat, lasse ich mal offen. Aber er hat eine konkrete Vorstellung. Und er bleibt dabei, definitiv.

ZEIT: Und Jürgen Klinsmann, was machte ihn aus?

Kroos: Während seiner Zeit bei den Bayern habe ich persönlich alles vermisst: eine Spielidee, angemessene Kommunikation – und den Erfolg.

ZEIT: Joachim Löw?

Kroos: Für Löw gilt auf Nationalmannschaftsebene, was für Heynckes im Verein galt: Ich wusste zu jeder Zeit, wie viel er von mir hält. Nicht nur deshalb schätze ich ihn: Er versteht unglaublich viel von Fußball.

ZEIT: Mehr als Pep Guardiola?

Kroos: Von der Spielidee her, vom Plan, wie man Gegner bespielt und der eigenen Mannschaft Lösungen präsentiert, war Pep der beste Trainer, den ich je hatte.

ZEIT: Was zeichnet den Italiener Carlo Ancelotti aus, der Real Madrid von Juni 2013 bis Mai 2015 gecoacht hat, also Ihr erster Trainer hier in Spanien war?

Kroos: Er konnte die Erfolgsbedingungen am besten mixen: die taktische Idee, das Menschliche, was gerade bei Real Madrid nicht so einfach ist. Als er ging, waren alle traurig – auch die, die nicht gespielt haben und Grund gehabt hätten, ihn dafür zu kritisieren. Es fiel kein negatives Wort über ihn. Das ist außergewöhnlich.

ZEIT: Kommen wir von den Weltklassetrainern zu den Weltklassespielern. Was unterscheidet die wirklich Großen von den fast ganz Großen?

Kroos: Die Konstanz. Man kann alles Mögliche trainieren, sich auf die wichtigen Spiele fokussieren. Wenn du aber in der Lage bist, deine beste Leistung auch in kleinen, angeblich nicht so wichtigen Spielen zu bringen – dann bist du top.

ZEIT: Sie kennen das Problem?

Kroos: Stimmt. Aber ich habe nach schwächeren Spielen die mentale Stärke, das nächste Mal wieder reinzugehen und zu sagen: Ich bin in der Lage, Höchstleistung zu bringen – was soll mir passieren?

ZEIT: Was kann Sie verunsichern?

Kroos: Ich überlege gerade ... Also, verunsichern kann mich eigentlich nichts.

ZEIT: Herr Kroos!

Kroos: Tut mir leid, das stimmt aber, zumindest für den Sport. Es gilt natürlich nicht fürs Private ...

ZEIT: ... dazu kommen wir noch ...

Kroos: ... aber was mich beim Fußball verunsichern könnte, da fällt mir wirklich nichts ein.