Wie vielfältig das Kabinett der Zeitvertreibe doch geworden ist, seit der Mensch sich vom Jäger und Sammler zum Schnäppchenjäger und Briefmarkensammler emporgeschwungen hat. Nicht dass er dabei seine Urtriebe hätte abstreifen können! Doch die zivilisatorische Entwicklung hat gezeigt, dass Jagen und Sammeln nicht nur miteinander einhergehen können, sondern sich gar in schönster Gewaltfreiheit vereinen lassen.

So kennt die Soziologie der Sammel-Hobbys etwa den Vogelbeobachter, der mit großkalibriger Digitalkamera ornithologischen Seltenheiten in ihrem Habitat auflauert, ebenso wie es die Trainspotter und Planespotter auf Bahnsteigen respektive Flughäfen tun. Dass die Nomenklatur zum Angelsächsischen neigt, ist kein Zufall. Dort ist die Kunst des Beobachtens aus Vergnügungsgründen schließlich besonders hoch entwickelt, wie auch das Cloudspotting zeigt, im Deutschen nur unzureichend mit Wolkengucken umschrieben. Denn hierzulande gilt der Wolkengucker leicht als Traumtänzer, der im Wolkenkuckucksheim lebt. Auf den britischen Inseln hingegen haben sich die Wolkenfreunde längst in der Cloud Appreciation Society zusammengeschlossen, die in ihrem Manifest zu Recht feststellt, dass Wolken "die Poesie der Natur" darstellen, ohne die "unser Leben unermesslich ärmer" wäre, und dass die Betrachtung ihrer verschiedenen Formen zudem eine Menge "Geld bei psychoanalytischen Rechnungen spart".

Inzwischen ist die britische Erfindung des Cloudspottings in seiner liebenswerten Verschrobenheit aber auf den Kontinent herübergezogen und erlangt gerade wissenschaftliche Weihen. Niemand Geringeres als die Weltmeteorologie-Organisation (WMO) in Genf bittet nun Wolkenfotografen von allen Erdteilen um Mithilfe: Die Fans der zarten Himmelsgebilde mögen doch "qualitativ hochwertige Fotografien von Wolken übermitteln". Denn es gilt, die Poesie der Natur auf den aktuellsten wissenschaftlichen Stand zu bringen, und zwar für die Neuauflage des International Cloud Atlas, des "Internationalen Wolkenatlas".

Was zunächst klingt wie ein buchtitelgewordener Widerspruch in sich (ein Atlas für eine schwebende Welt aus Wasserdampf, Staub und Eis, die niemals ruht?), ist ein Standardwerk für Wetterkundler weltweit und darüber hinaus interessant für Flieger, Seeleute und neuerdings sogar für Klimaforscher. Denn es liegt auf der Hand, wie wichtig – nicht nur auf hoher See – die Unterscheidung ist zwischen Wolken, die schönes Wetter verheißen, und jenen, die als Vorboten böser Stürme aufziehen. So enthält dieser Atlas auch keine Geografie des Himmels, vielmehr ist er ein Who’s who seiner luftigen Protagonisten mit technischen Erklärungen und fotografischen Beispielen zur Unterscheidung: Cumulus humilis oder Cumulus fractus, Altocumulus oder Cirrus? Weit über hundert verschiedene Wolkenkombinationen erkennen Fachleute am Himmel. Und die wollen auseinandergehalten werden.

Kaum zu glauben, dass dies bislang noch mit Anschauungsmaterial aus dem vergangenen Jahrhundert geschieht. Zuletzt 1987 hat die WMO den Atlas neu aufgelegt. Vor fast drei Jahrzehnten präsentierte ihn der damalige WMO-Generalsekretär Godwin Obasi stolz und onkelte im Vorwort, der neue Atlas möge "nicht nur wertvolle Referenz für die Arbeit von Meteorologen, Fliegern, Landwirten und Seefahrern" sein, sondern auch eine "faszinierende Ergänzung für das Bücherregal des Laien". Das war es womöglich – in den eighties. Auf den heutigen Betrachter wirkt die Güte der Beispielwolken, nun ja, bieder analog.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 26.11.2015.

Insofern ist die Neuauflage überfällig. Ihr Entstehen trägt dabei sowohl dem Stand der Technik als auch den Erfordernissen der Zeit Rechnung: Der Aufruf zu Beiträgen für den Cloud Atlas ist im Prinzip ein einziges Crowdsourcing. Und natürlich bitten die Koordinatoren heute nicht um Fotoabzüge, sondern um Uploads. Digital sollen die Wolkenschnappschüsse hochgeladen werden, einschließlich Metadaten über Ort, Zeitpunkt, Wetter, Blickrichtung et cetera. Und konsequenterweise nimmt die Fundstücke der Cloudspotter der Massenspeicher Internet entgegen, oder – wie die Menschheit sich angewöhnt hat zu sagen – die Cloud.

Einige Hundert Uploads sind bei der WMO bereits eingegangen. Noch bis zum Februar des kommenden Jahres nehmen die Wetterkundigen die Beute von Himmelsfotosafaris entgegen. Unter Federführung des Hong Kong Observatory werden dann die besten unter ihnen für die Neuauflage ausgewählt. Im Laufe des kommenden Jahres soll der neue Wolkenatlas veröffentlicht werden, zunächst als Onlinenachschlagewerk, später dann als bibliothekentaugliches Druckwerk. Gut möglich, dass dessen Erscheinen noch kunstvoll ins Jahr 2017 hinausgezögert wird. Schließlich steht der Weltmeteorologietag am 23. März 2017 unter dem luftigen Motto: "Understanding Clouds" – "Wolken verstehen".