In Wuppertal schwebt etwas über unseren Köpfen. © PATRIK STOLLARZ/AFP/Getty Images

Man darf heute öffentlich erklären, dass man Sex mit Bäumen hat. Man darf sein Kind Emma-Tiger, Ikea oder Pepsi-Carola nennen. Man darf über Hitler lachen. Nur eines geht gar nicht: zugeben, dass man aus Wuppertal kommt. Wuppertal ist no-go, no-no, no nothing. In jedem Ranking der dreißig größten deutschen Städte taucht Wuppertal ganz unten auf, bei Chemnitz und Duisburg.

Einziges Marketingmittel der Stadt ist die Schwebebahn. Wir benutzen die jetzt mal nur als Verkehrsmittel. Fahren vom Hauptbahnhof bis zur Haltestelle Robert-Daum-Platz. Steigen aus und fragen nach Tippen-Tappen-Tönchen.

TTT kennt hier jeder. Das ist eine Treppe, die hinter der Laurentiuskirche ansteigt. Der Name ist Lautmalerei, Tippen Tappen waren die Tönchen von Holzschuhen armer Leute – in dieser Gegend wohnte früher das Proletariat. Nach 103 Stufen sind wir oben und schauen uns um. Aha: Berge. Wuppertal ist nämlich nicht im Ruhrgebiet, wie alle Dummköpfe glauben, sondern im Bergischen Land. Vis-à-vis ragt die Uni auf. Eine Uni! Das Tal ist eng. Darum ist die Stadt treppenreich. Wuppertal ist sogar die treppenreichste Stadt Deutschlands. 500 Stück! 12.000 Stufen! Das müsste eigentlich ein Touristen-Mekka sein, jede Treppe ist ein Aussichtsturm.

Dieses Viertel heißt Ölberg. Nicht im biblischen Sinne. Noch vor hundert Jahren gab es hier keinen Strom, Licht kam aus Ölfunzeln. In der Schusterstraße, zu der eine weitere Treppe hinaufführt, entdecken wir an einem Haus eine Gedenktafel: Oskar Hoffmann. Sozialist, Kommunist, Nazibekämpfer, KZ-Insasse und Erfinder des Stadtnamens: 1929 wurden die Städte Barmen, Elberfeld, Ronsdorf, Cronenberg und Vohwinkel fusioniert und auf Vorschlag Hoffmanns, der auch noch Ratsmitglied war, "Wuppertal" genannt. Ursprünglich hatte Hoffmann "Engelsstadt" vorgeschwebt, nach dem Barmener Revolutionär Friedrich Engels. Engelsstadt! Doch das konnte er in der SPD nicht durchsetzen – wahrscheinlich zu kommunistisch.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 26.11.2015.

Dafür, dass auf dem Ölberg überwiegend Arbeiter und Treppensteiger lebten, sind die Häuser hier toll. Viergeschossige Gründerzeitbrocken mit den üblichen historisierenden Säulchen, grimmigen Köpfen, Engelchen. In dem damals prosperierenden Wuppertal wohnte sogar das Proletariat in überraschend schmucken Mietshäusern. Heute ist fast alles farbenfroh angepinselt, der Ölberg ist Szeneviertel, Magnet für Studenten, Künstler, Migranten. Pause machen wir in der Ölbergbäckerei, das ist in Wahrheit ein Kiosk in der Brunnenstraße. 1,20 Euro die Papptasse Kaffee, man sitzt auf einem Treppchen und lacht die Eintretenden an. Die lachen zurück.

Jede Wette: Nach diesem Ölbergbummel schlägt Ihr Herz wieder links. Wahrscheinlich wollen Sie sofort Wuppertaler werden. Schon die Lebenserwartung: Jede Treppenstufe bergauf verlängert das Leben um eine Sekunde. 12.000 Stufen in Wuppertal bedeuten ein paar Stunden plus! Und wer noch einen Grund braucht, sich hier wohlzufühlen, beendet die Tour wuppernah im Café Engel, unten in der Friedrich-Ebert-Straße. Bei einer proletarischen Erbsensuppe. Die Bedienung, Anfang zwanzig, singt auf Anfrage ein Lied, dass einem die Tränen kommen: "Eck kenn en Mädchen, und dat heet Lehnchen, dat wönnt en Wopperdahl am Tippen-Tappen-Tönchen."