DIE ZEIT: Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, hat vergangene Woche seine Sorge ausgedrückt, dass durch die Flüchtlinge aus arabischen Ländern der Antisemitismus in Deutschland zunehme. Aus Frankreich hört man, dass allein letztes Jahr 8000 Juden von dort nach Israel ausgewandert seien, weil sie den Antisemitismus durch ihre muslimischen Mitbürger nicht mehr ertragen wollen.

Michel Friedman: 8000 von knapp einer halben Million.

ZEIT: Verändert sich die Stimmung gegenüber Juden in Deutschland?

Marianna Salzmann: Wenn der Vorsitzende des Zentralrats der Juden so etwas sagt, dann spricht er für mich, was seltsam ist, denn ich bin nie dem Verein beigetreten. Als würde da jemand in meinem Namen sagen: Wir wollen euch Flüchtlinge nicht! Das hat eine große Signalkraft. In meinen Augen lässt er sich vor einen Karren spannen, der hochgefährlich ist. Ich meine diese Rede vom christlich-jüdischen Mythos als einem 2000-jährigen glücklichen Zusammensein.

Friedman: Sehr richtig. Bis vor Kurzem sprach man in Europa und in Deutschland immer nur exklusiv vom christlichen Abendland. Seit es den Konflikt mit den Muslimen und den Flüchtlingen gibt, hört man – und ich staune – von christlich-jüdischen Traditionen. Wenn ich auf diesen Mythos angesprochen werde, antworte ich: Sie haben so recht, seit 2000 Jahren gibt es ein jüdisch-christliches Zusammenleben. Das Problem ist nur, seit 2000 Jahren diskriminieren Christen Juden und bringen sie zwischendrin auch immer mal wieder um.

ZEIT: Aber nur weil Christen 2000 Jahre lang Juden diskriminiert haben, heißt das ja nicht, dass es jetzt keinen neuen Antisemitismus in Deutschland geben kann, der von Zuwanderern aus der arabischen Welt getragen wird.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 49 vom 03.12.2015.

Salzmann: Natürlich müssen wir auch darüber sprechen. Aber in einer Zeit, in der Europa kurz vor der kompletten Abschottung steht, in der die Stimmung gegen Geflüchtete mich stark an die von Anfang der neunziger Jahre erinnert, als ebenfalls gegen die neu Dazugekommenen gewettert wurde, sind das Einzige, was uns helfen kann, Allianzen. Wir müssen schauen: Wo haben marginalisierte Communitys Gemeinsamkeiten, wo können wir uns gegenseitig stärken und unterstützen? Ich bin in Deutschland mit Menschen groß geworden, die als Muslime wahrgenommen wurden. Wir hatten uns immer viel zu geben in der Spiegelung unserer Erfahrungen. Wir dürfen uns nicht gegeneinander ausspielen lassen. Für mich spielt Schuster mit bei dieser klassischen Teile-und-herrsche-Taktik: Liebe Muslime, liebe Juden, ihr mögt euch nicht. Und wir, also in dem Fall die Christen, sind da, um euch auseinanderzuhalten.

Friedman: Wir haben trotzdem ein Problem: Es gibt ihn, den Judenhass in Teilen der islamisch-arabischen Welt. Aber dies hat nichts mit der Asyldebatte, erst recht nicht mit der Frage von Obergrenzen zu tun. Bei der Flüchtlingsfrage geht es um Menschenrechte. Asyl ist ein Menschenrecht. Welche Bedenken man auch gegen Flüchtlinge hat, man sollte sie nicht benutzen, um dieses Menschenrecht auszuhöhlen.