ZEIT: Josef Schuster hat erst einmal ein Bild der gesellschaftlichen Wirklichkeit entworfen, wie er sie sieht. Und er sagt sinngemäß, dieser neue Antisemitismus mache ihm Sorge. Teilen Sie seine Sorge?

Friedman: Es gibt rechtsradikale Rassisten, die mich als Juden bedrohen. Es gibt im linksextremen Spektrum die kranke Fantasie, dass das Weltkapital jüdisch sei und daher das Judentum die Welt beherrsche. Und es gibt auch bei Teilen der Einwanderer aus dem islamisch-arabischen Raum einen Israel- und Judenhass, der mit Vernichtungsfantasien gepaart ist.

Salzmann: Ich frage mich die ganze Zeit, warum wir in diesem Zusammenhang so wenig über den Antisemitismus der anderen sprechen. Juden in Deutschland sind ständig Diskriminierungen ausgesetzt. Es wird so panisch nach Argumenten gesucht, warum wir keine Geflüchteten ins Land lassen sollen, da kommt natürlich so ein Argument wie die Angst um unsere jüdischen Mitbürger gelegen. Ich habe nicht das Gefühl, dass es darum geht. Vielleicht sprechen wir es einfach aus: Wir haben keine Lust auf Umverteilung. Wir haben keine Lust, unser Land oder gar Europa umzustrukturieren. Das ist Wirtschaftschauvinismus.

ZEIT: Die Sorge lautet, dass sich durch die Einwanderung das gesellschaftliche Klima ändert.

Salzmann: Natürlich werden sich Dinge verändern durch die Einwanderung, und das ist auch gut. Ich bin selber als Kontingentflüchtling hierhergekommen, und natürlich hoffe ich, dass ich dieses Land verändere. Das Prinzip Europa ist doch, dass Leute kamen und gingen, Länder verschwunden sind, neue entstanden sind. Warum soll das plötzlich jetzt ein Argument sein: Bitte kommt nicht, wir haben Angst! Ich hatte das unglaubliche Privileg, kommen zu dürfen. Meine Familie und ich haben sofort einen Deutschkurs bekommen, wir haben relativ leicht die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. Wenn es nicht so gewesen wäre, würde ich auch im Görlitzer Park Drogen verticken.

Friedman: Für Menschen, die im arabischen Raum sozialisiert wurden, ist Israel der Feind aller Feinde, und Israel ist der Judenstaat, also sind die Juden auf der Welt ebenfalls der Feind aller Feinde. Es ist kein Zufall, dass bei den Anschlägen in Paris im Januar ein jüdischer Supermarkt und in Brüssel das Jüdische Museum angegriffen wurde, weil das Judentum für diese Islamisten der Erzfeind ist.

ZEIT: Und das sehen möglicherweise nicht nur einige islamistische Selbstmordattentäter in Paris so, sondern auch der normale Jugendliche aus Neukölln mit arabischer Herkunft.

Friedman: Wenn man ins Internet geht und sich die Hass-Posts gegen Juden durchliest, sind neben Christen, Atheisten, Deutschen, Italienern auch Muslime und Menschen aus der Türkei und den arabischen Ländern dabei. Ich kann die Sicht des Zentralratsvorsitzenden verstehen, dass dieser Aspekt mehr Aufmerksamkeit bekommen soll. Wenn ich sehe, welcher Judenhass sich in Berlin und Frankfurt bei der Gaza-Krise entlud und dass Menschen, die eine Kippa trugen, geschlagen wurden, dann ist das alarmierend. Das alles kann aber nicht dazu führen, dass man das Grundrecht auf Asyl für arabisch-muslimische Flüchtlinge infrage stellt. Dank dieses Rechts sind Menschen wie Marianna in dieses Land gekommen! Ich selbst bin ein Kind von Flüchtlingen.

Salzmann: Ich würde gerne mal über die Islamophobie in den jüdischen Communitys sprechen. Aus persönlicher Erfahrung – das ist erschreckend! Oder die Islamophobie in der Mitte der deutschen Gesellschaft.

Friedman: Ich bin oft in Paris. Ja, es gibt dort einen Judenhass, der aus einem Teil der muslimisch-französischen Bevölkerung kommt. Aber ich erlebe Hass jeden Tag in meinem eigenen Land, nicht nur von Muslimen. Es gibt in Deutschland eine Parallelgesellschaft: gewalttätig, demokratiefeindlich, grundgesetzfeindlich. Das sind die Menschen, die Pegida und der AfD hinterherlaufen. Die Wölfe im Schafspelz haben den Schafspelz längst ausgezogen. Zehn Prozent würden heute AfD wählen, das sind fünf Millionen Menschen. Das macht mir als Mensch, als Deutschem, als Jude Angst. Diese Menschen zünden Asylbewerberheime an. Wer heute ein Asylbewerberheim anzündet, kann morgen eine Synagoge anzünden.

Salzmann: Mich alarmiert der Ton, den Schuster in die Debatte gebracht hat, weil ich eine Analogie sehe zur Rhetorik, wie wir sie in den dreißiger Jahren in den USA hatten, als es um jüdische Einwanderer ging. Da hieß es: Lasst sie nicht rein, das sind Kommunisten! Wenn ihr die Juden reinlasst, dann verändert das unsere Gesellschaft, denn sie kommen mit einem feindlichen Denken. Genau dieser Tonfall wiederholt sich jetzt, wenn von der "Flüchtlingsflut" die Rede ist, als wäre das ein aggressiver Akt gegen unsere Gesellschaft. Damals wurde den Flüchtlingen Kommunismus vorgeworfen, heute Antisemitismus.

Friedman: Ich glaube an die Lernfähigkeit des Menschen. Wie hätte ich ohne diesen Glauben in diesem Land leben können? Als ich Mitte der sechziger Jahre mit meinen Eltern nach Deutschland kam, waren viele Deutsche noch immer überzeugte Nazis und Judenhasser, mehr als so mancher arabische Flüchtling, der heute hier ankommt. Vorurteile müssen nicht bis in alle Ewigkeit weitergegeben werden. Jede Generation hat eine Chance der Aufklärung.