Immanuel Kant, so steht es in jedem anständigen Schulbuch, war ein Gigant. Kein anderer Denker seiner Zeit war so einflussreich, und kein anderer hat die Philosophie so erschüttert wie der "Weise aus Königsberg". Kant war der einsame Prophet der Aufklärung, und Aufklärung heißt: seinen Verstand selbstständig gebrauchen. Kant dachte bereits über die Globalisierung nach, als es diese noch gar nicht gab; er sprach vom Weltbürger, als die Menschen noch zwischen Armenhaus und Misthaufen ihr Dasein fristeten. Kant forderte eine weltweite Friedensordnung in Zeiten, als die "Staatsoberhäupter des Krieges nie satt" wurden. Für den Mann, der nie weit über Königsberg hinausgelangte, war die Weltgesellschaft längst Realität – die eine Welt, das eine Menschengeschlecht. Kant in seinem Traktat Zum ewigen Frieden: Es sei "unter den Völkern der Erde" so weit gekommen, "daß die Rechtsverletzung an einem Platz der Erde an allen gefühlt wird". Ein Wahnsinnssatz, niedergeschrieben im Jahr 1795.

Aufklärung, Mündigkeit, Kritik, Menschenrechte, kategorischer Imperativ: Das kennt jeder, selbst wenn er noch nie eine Zeile von Kant gelesen hat. Die Wirkung seiner Gedanken war ungeheuer, und wer die Augen aufmacht, findet ihre Spuren überall: zum Beispiel in der Charta der Vereinten Nationen. Oder in den Gründungsdokumenten der Europäischen Union, selbstverständlich auch im deutschen Grundgesetz. Unsere Vorstellungen von Freiheit und Gleichheit, von Autonomie und Verantwortung – Immanuel Kant hat sie geprägt. "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde." Mit einem Wort: Kants Ideen lieferten dem Projekt der Moderne die leuchtenden Stichworte und imprägnierten es mit Hoffnung und Zuversicht. "Die Natur will unwiderstehlich, daß das Recht zuletzt die Obergewalt behalte." Noch so ein unglaublicher Satz.

Wie konnte jemand so kühn denken? Woher stammten sein epochaler Scharfsinn, seine antizipierende Fantasie und Einbildungskraft? Leidenschaftlich interessierte sich der junge Kant für die Entstehung des Kosmos, schon mit 22 Jahren veröffentlichte er sein Erstlingswerk Gedanken von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte. Später, so scheint es im Rückblick, zog er seine spekulative Fantasie vom Universum ab und richtete sie auf die "Zukunft des Menschengeschlechts". Seine Denkerstube verließ er nur für seine Lehrtätigkeit, für ausgedehnte Spaziergänge und gesellige Zusammenkünfte. Kant war ein überpünktlicher Junggeselle, der abends um zehn die Kerze ausblies und sich morgens um Viertel vor fünf von seinem Diener Martin Lampe wecken ließ. "Es ist Zeit."

Kant, am 22. April 1724 in Königsberg geboren, war das vierte der neun Kinder des Sattler- und Riemermeisters Johann Georg Kant und seiner Frau Anna Regina. Er besuchte das städtische Friedrichsgymnasium, war von auffallender Wissbegierde, lernte klassische Sprachen und begeisterte sich für Philosophie, Mathematik und Naturwissenschaften. Als sein Vater starb, musste er die Familie ernähren und verdingte sich sechs Jahre lang als Hauslehrer. Dann schrieb er seine Habilitation und wurde ein überqualifizierter, aber ärmlich lebender Privatdozent in Königsberg. Die Vorlesungen des Herrn Magisters waren ausgesprochen beliebt, der Dichter Johann Gottfried Herder lobte sie in höchsten Tönen.

Erst 1770, da war er bereits 46 Jahre alt, erhielt Kant einen Ruf auf die Stelle eines Professors für Logik und Metaphysik. In dieser Zeit setzte das ein, was Forscher die "kritische" Phase seiner Philosophie nennen (im Gegensatz zur "vorkritischen"). Kant arbeitete an einer "kopernikanischen Wende" der Erkenntnistheorie. Er war davon überzeugt, dass Philosophen, die ausschließlich nach dem "Ding an sich" suchen, keine Erkenntnis gewinnen. Statt immer nur die Gegenstände anzustarren, täten sie besser daran, sich mit dem Menschen zu beschäftigen, mit seinen Erkenntnisarten und seinem Wahrnehmungsapparat. So provozierte Kant seine Zeitgenossen mit der Behauptung, es seien die Subjekte, die die Objektivität eines Gegenstandes begründen. In der Kritik der reinen Vernunft (1781) schreibt er: "Die Ordnung und Regelmäßigkeit also an den Erscheinungen, die wir Natur nennen, bringen wir selbst hinein."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 49 vom 03.12.2015.

Das Buch verkaufte sich miserabel, der erste Verleger hatte den erratischen Brocken gar nicht erst drucken wollen. Wer das Buch las, verstand es nicht oder ärgerte sich über die Anmaßungen der Kantschen Vernunft. "Unser Zeitalter ist das eigentliche Zeitalter der Kritik, der sich alles unterwerfen muss. Religion durch Ihre Heiligkeit und Gesetzgebung durch Ihre Majestät wollen sich gemeiniglich derselben entziehen."

Tatsächlich hatte Kant die Philosophie von der Religion emanzipiert, sie diente nicht länger als Magd der Theologie, die "Frau Madame" brav die Schleppe hinterherträgt. Mit der kopernikanischen Wende musste alles vor den Richtstuhl der Vernunft, auch die Vernunft selbst. Nun waren auch Gott, Welt und Seele nichts Objektives mehr, sie waren nur noch regulative und einheitsstiftende Ideen. Das war natürlich eine Frechheit, und so bekam der "Alleszermalmer" bald Ärger mit der preußischen Zensurbehörde, die ihm Beleidigung des Christentums vorwarf. Zuerst drohte sie ihm "bei fortgesetzter Renitenz" mit "unfehlbar unangenehmen Verfügungen", dann durfte er über "Religionsdinge" gar nichts mehr veröffentlichen. Mit einer Mischung aus Beklemmung und Bewunderung wird Heinrich Heine 1834 schreiben, Kant habe "den Himmel gestürmt" und die "ganze Besatzung über die Klinge springen lassen". Seitdem schwimme "der Oberherr der Welt unbewiesen in seinem Blute, es gibt jetzt keine Allbarmherzigkeit mehr, keine Vatergüte, keine jenseitige Belohnung für diesseitige Enthaltsamkeit, die Unsterblichkeit der Seele liegt in den letzten Zügen – das röchelt, das stöhnt –, und der alte (Diener) Lampe steht dabei mit seinem Regenschirm unterm Arm, als betrübter Zuschauer, und Angstschweiß und Tränen rinnen ihm vom Gesichte".

Kant war Aufklärer, aber kein Träumer

Kants kopernikanische Wende war eine Revolution, die Kritik der reinen Vernunft wurde zum einflussreichsten philosophischen Buch deutscher Sprache. Es trug Kant unvergänglichen Ruhm ein – und zugleich den ebenfalls unsterblichen Vorwurf, sein Denken sei angekränkelt von des abstrakten Gedankens fahler Blässe, es sei protestantisch und blutleer, körperlos und weltfern dazu, kurzum: der Horror der reinen, kalten Vernunft. Kant verstehe von Rationalität alles, doch vom Leben und von der Geschichte verstehe er nichts.

Was den Vorwurf der Weltfremdheit angeht, muss man sagen: Er ist falsch. Schon der Leseeifer des jungen Kant war legendär, er saugte Nachrichten über das Weltgeschehen auf wie ein Schwamm, hielt nebenbei noch Vorlesungen über Geografie und besaß genaue Kenntnisse von Handelswegen und Handelsströmen, sein engster Freund in Königsberg war der englische Kaufmann Joseph Green. In Manfred Geiers schöner Biografie kann man nachlesen, dass gerade in den Jahren der Französischen Revolution Kants Heißhunger auf "neueste Zeitschriften" so groß war, dass er – wie Zeitgenossen bemerkten – "der Post wohl meilenweit entgegengegangen wäre". Mit Schaudern beobachtete Kant das mörderische Treiben der Kolonialmächte und klagte, die Herrschaften in Übersee tränken "Unrecht wie Wasser". Kurz gesagt: Was man in Königsberg vom Weltlauf wissen konnte – Kant wusste es.

Kant war Aufklärer, aber kein Träumer. Schwärmer mochte er nicht. "Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden." Torheit, Eitelkeit, Herrschsucht und Zerstörungslust gehörten zum Menschen dazu, dieser habe nun einmal einen "Hang zum Bösen", später sprach Kant gar vom "radikal Bösen". Eine tiefe "Unvertragsamkeit" präge den Menschen, eine "ungesellige Geselligkeit".

Diese "ungesellige Geselligkeit" bedeutete: Die Menschen können einander nicht leiden und mögen doch nicht voneinander lassen. Sie ziehen sich in die "Vereinzelung" zurück – und spüren zugleich ein Ungenügen an ihr. Deshalb suchen sie Gesellschaft und geben sich eine gemeinsame Ordnung, genauer: eine Rechtsordnung, in der alle Mitglieder ihre schöpferischen Anlagen in Freiheit entfalten können. Die dialektische Pointe lautete also: Es ist die soziale "Unvertragsamkeit", die die Menschen dazu bringt, sich eine republikanische Verfassung zu geben. Dabei sind die Bürger der Kantschen Republik zugleich Urheber wie auch Adressaten ihrer Gesetze, einen König von Gottes Gnaden brauchte es nun nicht mehr. Der König konnte gehen, die Bürger machten das jetzt selbst. "Das Recht ist also der Inbegriff der Bedingungen, unter denen die Willkür des einen mit der Willkür des anderen nach einem allgemeinen Gesetz der Freiheit vereinigt werden kann."

Das war Kants berühmte republikanische Verfassung, seine genial einfache demokratische Idee. 1795 schießt ihm dann dieser atemberaubende Gedanke durch den Kopf: Wenn sich die einzelnen Bürger durch den freien Gebrauch ihrer Vernunft eine rechtliche Ordnung geben können – warum soll das den "unvertragsamen" Nationen untereinander nicht auch gelingen? Gewiss, noch befänden sich die Völker im wilden Naturzustand und führten Krieg gegeneinander, doch das dürfe nicht das letzte Wort der Geschichte sein.

Eines Tages, so prophezeit er in seiner Altersschrift unter dem ironisch gemeinten Titel Zum ewigen Frieden, würden die Völker ihres Leides überdrüssig, gäben "ihre wilde (gesetzlose) Freiheit auf" und fänden weltweit zu einem "Föderalismus freier Staaten" zusammen. Und wieder befördert der Antagonismus der Menschen den Frieden des Rechts: "Die Natur hat also die Unvertragsamkeit des Menschen, selbst der großen Gesellschaften und Staatskörper (...), wieder zu einem Mittel gebraucht, um in dem unvermeidlichen Antagonismus derselben einen Zustand der Ruhe und Sicherheit auszufinden (...): aus dem gesetzlosen Zustande der Wilden hinaus zu gehen, und in einen Völkerbund zu treten; wo jeder, auch der kleinste, Staat seine Sicherheit und Rechte (...) erwarten könnte."

Frieden als eine Absicht der Natur?

Frieden als eine Absicht der Natur? Wer daran zweifelte, dem hatte Kant schon in seiner Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht (1784) einen Blick ins Geschichtsbuch empfohlen. Seit dem antiken Griechenland sei die stetige "Verbesserung der Staatsverfassung in unserem Weltteile" zu erkennen, wobei dieser Weltteil – also Europa – "wahrscheinlicher Weise allen anderen dereinst Gesetze geben" werde. Für Kant war Europa das Musterland des Fortschritts, und an diesem Kontinent werde sich nach und nach die ganze Welt orientieren. Heute, nach den Erfahrungen zweier Jahrhunderte, nennt man das Eurozentrismus.

Als 1989 die Berliner Mauer fiel, als nach der blutigsten Epoche der Weltgeschichte der Kommunismus von der Bühne verschwand, sah alles danach aus, als sei dies der großartige Triumph der Kantschen Philosophie. War der Untergang eines totalitären Systems nicht ein Geschichtszeichen – ein Beweis dafür, dass die Welt doch kein Irrenhaus ist, verunstaltet von Freiheitsfeinden, Zensoren, Rechtsverletzern und Menschenschindern? Ein Beweis dafür, dass sich hinter den Dingen und Ereignissen doch eine "Vernunft" zeigt, ein Fortschritt zum Besseren? War die Welt mit dem Zusammenbruch des Kommunismus dem "ewigen Frieden" nicht einen großen Schritt näher gekommen?

Es kam anders. Der Jugoslawienkrieg und der Terrorangriff auf das World Trade Center, der völkerrechtswidrige Irakkrieg, die Annexion der Krim und die wiederkehrende Barbarei nicht nur im Nahen Osten haben die Kantschen Friedenshoffnungen erst einmal wieder zur Illusion gemacht. Die halbe Welt ist in Aufruhr geraten, ganze Regionen brechen unter den Wellen einer entfesselten Gewalt zusammen, während islamistische Killer den Tod in die Metropolen tragen. Auch der wieder erwachte autoritäre Nationalismus und diabolisch perfekte Überwachungstechniken verdüstern Kants Idee der Aufklärung.

Angesichts dieser Lage haben wir elf Philosophinnen und Philosophen in aller Welt gefragt, was aus Kants Ideen geworden ist. Was bedeutet ewiger Frieden in Zeiten ewiger Kriege? Was heißt Mündigkeit und Autonomie unter den Bedingungen von NSA und digitaler Revolution? Viele der Beiträger haben auf Deutsch geantwortet. Ein Gespräch mit dem Frankfurter Philosophen Rainer Forst soll klären, ob wir Kants Philosophie verabschieden müssen – oder ob wir sie dringender brauchen denn je.