1. Der Heiligenschein

Er betont permanent seinen Glauben. Damit schützt er sich

In Thüringen gibt es einen frommen Mann, der niemandem etwas Böses kann. Es ist Bruder Bodo, religiöses Oberhaupt der Thüringer – der Linke aus dem Abendland.

Damit wären wir bei Trick 1: Denn ob man es nun glauben will oder nicht, Ramelows erstes und grundlegendes Erfolgsrezept ist mit großem Abstand der Heiligenschein. Er, der Linke, zeigt sich als Superchrist, als unendlich Gläubiger – als Mann, der nur eine Mission hat, nämlich den Menschen Frieden und Glück zu bringen. In jeder seiner Handlungen schimmert das Christliche hervor, das Religiöse, damit stellt er sich über die Dinge, damit kompensiert er auch – den Vorwurf, als Linker könne er ja nur ein Umstürzler sein.

© Frederik Jurk für DIE ZEIT

Nein, als Christ ist er das nicht. Als Protestant ist er Behüter der Werte. Ramelow entstammt einer evangelischen Familie, fand aber als Erwachsener erst richtig zum Glauben. Ramelow sagt, sein Glaube sei Privatsache, aber er macht ihn zur politischen Angelegenheit. Irgendwann entdeckte er, dass ein Linker, der sich als Christ inszeniert, in beide Richtungen unangreifbar wird: Er kann nie zu sehr Christ sein, denn er ist Linker! Er kann nie zu sehr Linker sein, denn er ist Christ!

Und er versöhnt mit seiner Christlichkeit die Welt. Nennt Juden und Muslime seine "abrahamitischen Geschwister". Ist aus Überzeugung Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Seine erste Auslandsreise führte ihn nach Israel. Ramelow sagt auch, dass der Islam zu Thüringen gehöre.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten-Ausgabe der ZEIT Nr. 49 vom 03.12.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Schon als Oppositionspolitiker im Landtag ging er immer vor dem Plenum morgens zur Andacht, da saß dann Christine Lieberknecht neben ihm, die damalige CDU-Ministerpräsidentin.

Einer aus der Union würde als Fundi gelten, oder wenigstens als Frömmelnder, wenn er so öffentlichkeitswirksam glauben würde wie Ramelow. Aber als linker Christ treibt der Ministerpräsident die CDU vor sich her, die Religion ist sein Schutzschild. Protestantisch-genügsam, wie er ist, hat er die alten Möbel seiner Vorgänger im Büro behalten. Erzählt, er wolle "versöhnen statt spalten". Das könne man glauben. Fast merkwürdig, dass das im atheistischen Thüringen funktioniert, aber bei einem Linken findet man es eben himmlisch.

2. Der Redeschwall

Weil er Kritikern das Ohr abkaut, gewinnt er praktisch jede Debatte

Ramelows Gegner haben ein Problem, gegen das sie niemals ankommen werden, es ist: Ramelows berüchtigter Redeschwall. Er hat ihn seit den Jahrzehnten immer weiter verbessert, aber im vergangenen Jahr perfektioniert. Als Ministerpräsident, hat er gelernt, kann er reden, ohne unterbrochen zu werden.

© Frederik Jurk für DIE ZEIT

Ramelow, einst ein westdeutscher Gewerkschaftsfunktionär, lebt seit einem Vierteljahrhundert in Thüringen, und er reist gern durch dieses Land. Was dazu führt, dass er in beinahe jedem Mäuseloch seines Reiches schon ein Stück Käse überreicht hat. Oder, wie Ramelow selber es ausdrückt: Er hat in jedem Thüringer Schuppen schon mindestens eine Rede gehalten.

Weil er noch dazu einer ist, der nichts vergisst, kann sich Ramelow an jeden einzelnen Winkel Thüringens, an jeden Bürgermeister, an jeden Kegelbruder erinnern. Und er hat überhaupt keine Skrupel, in stundenlangen Monologen von diesen Erinnerungen zu berichten.

Ein Beispiel, aber Vorsicht, es wird anstrengend: Wäre man, nur mal angenommen, der Meinung, Ramelow sorge sich nicht um erneuerbare Energien – und würde man Ramelow daher kritisieren –, dann hätte man schon verloren, weil nun der Redeschwall begönne. Zuerst würde Ramelow erzählen, wie schwer der Kampf ums Pumpspeicherwerk Schmalwasser zu führen ist, dann, was aus der umstrittenen Stromtrasse von Erfurt bis Altenfeld wird. Dann würde Ramelow sagen, was die Bestandsleitung rüber nach Remptendorf damit zu tun hat. Er würde erklären, was aus den Genehmigungen für die Trassen Richtung Schalkau und Reckwitz geworden ist und warum irgendeine 220-kV-Leitung von irgendwoher zurückgekauft werden muss, um ein Umspannwerk nicht bauen zu müssen, und so weiter und so fort, er habe das alles selber gesehen, denn er habe sich zufällig persönlich auf den Hügel XY gestellt und sich von Bürgern alles haarklein erklären lassen!

Neulich sagte er, in einer Rede als Ministerpräsident, den schönen Satz: "Jetzt spreche ich als Vertreter der Konsumgenossenschaften."

Das ist nicht Salami-, sondern Hackfleischtaktik. Alles schön zerhäckseln, bis keiner mehr kapiert, was am Anfang war. Ramelow will Kümmerer sein, nicht Umstürzler, und er erzählt deshalb Dinge tausendfach, bis keiner mehr zuhört.

Von Liebeszauber und Personal-Spielen

3. Der Liebeszauber

Sie haben was gegen Ramelow? Dann wird er Sie umarmen!

Sie sind Bauer? Bodo Ramelow liebt Sie! Sie sind potenziell feindlich gesinnter Ministerpräsident eines benachbarten Bundeslands? Bodo Ramelow liebt Sie! Sie sind Oppositionsführer? Oh, Bodo Ramelow liebt Sie erst recht! Bodo Ramelow liebt Sie auch, wenn Sie Zahnarzt, Kammerjäger oder Streifenpolizist sind.

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Der Witz ist, willkommen bei Trick 3, dass Ramelows Triumphzug sich daraus erklärt, all jene in Grund und Boden zu herzen, vor denen er ein bisschen Angst hat. Oder wenigstens den allergrößten Respekt. Der Papst? "Ein wirklich weiser Mann", sagt Ramelow. Die Bauern? "Sie sind das wirtschaftliche Herzstück." Sachsens CDU-Ministerpräsident Stanislaw Tillich, als er sich in Heidenau dem braunen Mob stellte? "Er tut jetzt genau das Richtige." Die Kanzlerin mit ihrer Flüchtlingspolitik? "Sie geht einen geraden Weg zur Verteidigung unseres Sozial- und Rechtsstaates." Sogar über die AfD-Demonstranten, die in Erfurt ein zweites Pegida veranstalten, sagte Ramelow gerade in der Mitteldeutschen Zeitung: "Ein Teil der Menschen, die da mitgehen, hat einfach nur Sorgen." So hat sich noch kein Linker übers Pegida-Volk geäußert, aber Ramelow tut es, denn er erdrückt die Menschen mit seiner Herzenswärme.

Wer andere lobt, steht über ihnen. Der Lob verteilt, ist der wahre Mächtige. Es entsteht eine Form der Umklammerung, aus der man sich erst einmal losreißen muss.

Man möchte nicht Richter in einem Prozess gegen Ramelow sein. Vermutlich würde er erst die Robe loben, dann die Schöffen umschmeicheln und am Ende die Anklageschrift einparfümieren, nur um den ganzen Saal, der dann schon liebestrunken ist, skandieren zu lassen: "Freispruch! Freispruch für diesen wunderbaren Mann!"

Und wie das Volk es ihm dankt. Bestimmt schon zehnmal hat er jedem Journalisten berichtet, wie er immer vor seinen LKA-Beamten ausbüxt, und schwupps!, steht er auf dem Anger in Erfurt, mitten in einer Menschentraube, und – ach! – kümmert sich um Sorgen und Nöte. Und die LKA-Beamten schwitzen, und er ist wieder der, als der er sich am liebsten sieht, ein kleiner Papst Franziskus von Erfurt-Mitte.

4. Die Personal-Spiele

Wie ein Schachmeister setzt der Ministerpräsident seine Leute ein

Der letzte Personal-Clou ist erst wenige Wochen alt. Zum Chef der Behörde mit dem wohl schlechtesten Ruf in Thüringen – dem Landesamt für Verfassungsschutz – machte Ramelows Kabinett den früheren Generalsekretär des Zentralrats der Juden, Stephan Kramer. Eine völlig überraschende, aber durch und durch geniale Besetzung: Thüringens Verfassungsschutz wird verkleinert werden, V-Leute werden abgeschaltet. Es gibt Sicherheitsexperten, die sagen, das könne nicht gut gehen. Und dank Kramer wird man Thüringen dennoch nie vorwerfen können, das Rechtsextremismus-Problem nicht ernst genug zu nehmen, denn Kramer steht dafür mit seiner Vita, er kämpfte immer schon entschieden gegen Rechtsextreme.

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Dieser Trick aus Ramelows Rappelkiste ist wirklich etwas für Filous. Unangreifbar macht sich der Politiker, indem er für alle möglichen Positionen Leute sucht, die selber unangreifbar sind. Das färbt in aller Regel auf ihn ab.

Noch ein Beispiel. Drei Minister und einen Staatskanzleichef durfte Ramelows Linke vor einem Jahr für die Regierung nominieren, Ramelow wusste: Er würde nicht daran vorbeikommen, frühere SED-Mitglieder in den Ministerrang zu berufen. Er entschied sich, dann aber wenigstens drei Frauen zu Ministerinnen zu machen. Birgit Klaubert, 1954 geboren. Birgit Keller, 1959 geboren. Heike Werner, 1969 geboren. Alle drei waren einst in der SED gewesen. In ihrer Partei gelten sie als Pragmatikerinnen. Die Botschaft, dass hier drei Frauen berufen wurden, überlagerte die Botschaft, dass drei frühere SED-Frauen berufen wurden. Geschickt, auch das.

In Ramelows Kabinett sitzt zum Beispiel auch der DDR-Bürgerrechtler Wolfgang Tiefensee (SPD), und wenn der in einer Regierung sitzt – kann die dann ein Vergangenheitsproblem haben?

Der Oppositionsführer, Mike Mohring von der CDU, hat neulich den schönen Gedanken geäußert: Vermutlich würde Ramelow, wenn das helfen würde, ihn, Mohring, auch noch mit einem Ministerium betrauen. Einfach für den Weltfrieden und zur Sicherung seiner Macht. Mohrings Problem ist, das man gegen diese Strategie schwer ankommt.

War-da-was?

5. Die Pathos-Maschine

Selbst wenn er über Banales spricht, tut er das bedeutungsschwer

Davon, wie dieser Mann von einem Schwall aus Gefühlen und Bedeutung oft geradezu übermannt wird – davon kann selbst Joachim Gauck noch was lernen, der ja auch nicht ganz unpathetische Bundespräsident. Denn für Bodo-Ramelow-Reden wurden Tempo-Taschentücher wohl erfunden. Er ist der am bedeutungsschwersten auftretende Ministerpräsident der Republik, mit Abstand.

© Frederik Jurk für DIE ZEIT

Das fängt an mit einer Stimme, die klingt wie Tom Waits. Und geht weiter mit einer Inbrunst an jedem Mikrofon, dass es selbst dann, wenn er das Grußwort beim Aufrichten eines Weihnachtsbaumes spricht, so klingt, als gelte es gerade, einen Krieg zu verhindern. Es geht immer um alles, auch wenn es eigentlich nur um Kali-Abbau in Unterbreizbach geht. Immer spielt die deutsche Geschichte eine Rolle, und die Zukunft der Menschen oder wenigstens der Thüringer.

Bei jenen Themen, die wirklich Pathos erfordern – dem Umgang mit der SED-Vergangenheit oder Rechtsextremismus –, trifft Ramelow einen Nerv. Am Tag, an dem er zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, sprach er im Landtag einen Mann an, der im Publikum saß, das Stasi-Opfer Andreas Möller. Ihn bat er stellvertretend für alle Opfer um Entschuldigung für das, was die SED – Vorgängerpartei seiner Linken – ihnen angetan habe. Oder anderes Beispiel: Als im September Hunderte Flüchtlinge in Saalfeld ankamen, fuhr Ramelow persönlich hin und hatte "Tränen vor Freude in den Augen", wie er selbst sagte.

Die hatte er auch, als er – neben der Arbeit als Regierungschef – vor einigen Monaten mal eben den Bahnstreik schlichtete. Da sah er sich als Deutschlands Retter, und sicher waren da Tränchen im Knopfloch, voll Rührung über sich selbst!

6. Der Wutableiter

Weil er online den Zornigen gibt, ist er im wahren Leben die Ruhe selbst

Neulich brach er wieder aus: Bodo, der Web-Vulkan. Über Italiens Ex-Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi schrieb Ramelow auf Twitter: "Der war ein Oberrassist und Dreckarsch". Woraufhin Bild fragte: "Darf sich ein Regierungschef so äußern?" Ramelow war da längst schon wieder auf Facebook zugange, verwickelte Verschwörungstheoretiker in Diskussionen, indem er sie veralberte. Sein Hund Attila sei von Außerirdischen entführt worden, außerdem werde er selbst, Bodo, von Außerirdischen gezwungen, "Lügen zu verbreiten". Es ist auch noch nicht lange her, dass der Ministerpräsident eine Kritikerin auf Twitter ankofferte mit den Worten: "Geht’s noch?"

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Jepp – auf Twitter und Facebook ist Ramelow außer Rand und Band, dort erlebt man ihn noch, wie er früher auch am Rednerpult war, bevor er sich selbst zu zähmen begann – zornig, aufbrausend, polterig. Ramelow-Experten vermuten, dass der Premier seine Internet-Irrläufe gezielt einsetze, um Kontraste zu erzeugen; und also Aufmerksamkeit. Im echten Leben bis zur Brechgrenze freundlich sein! Und im Internet den bösen Bodo von einst immer wieder aufleben lassen, das Internet auch als Ventil benutzen.

Es gibt auch eine zweite, nicht ganz so schmeichelhafte These: Zu Hause, auf der Couch, wenn er die Schuhe ausgezogen hat – da verstellt er sich nicht mehr. Da wird er, das Smartphone in der Hand, der twitternde Choleriker, der sich über alles aufregt. Manchmal erlebt man auch als Journalist oder Politiker noch Bodo, den Orkan. Wenn ihm eine Frage nicht passt, ein Zeitungsbeitrag nicht gefällt, kann er explodieren. Das ist kein Trick mehr, sondern das Leben. Gern spricht er dann, die Stimme wird schneidend, ironisch von seiner Linken als "roter Weltverschwörung", die da offenbar über Thüringen rolle; er ist böse nun. Lieber Rückzug antreten!

7. Das War-da-was?

Ramelow sucht sich aus drei Rollen immer die aus, die gerade passt

Das, was Journalisten an Ramelow verzweifeln lässt, ist ja diese Marotte: Den ganzen Tag über sich zu reden und doch nichts preiszugeben. Die Standardsätze Ramelowscher Selbstgeschichtsschreibung kennt inzwischen jeder Fuchs im Thüringer Wald. Die Legasthenie als Kind! Die Ausbildung bei Karstadt! Die strenge, arme, aufrichtige Mutter! Den Aufstieg von ganz unten.

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In sein Herz gucken aber lässt Ramelow keinen. Er verlautbart auf allen Kanälen, doch will er selbst bestimmen, wie das gelesen wird. Fragen, die gestellt zu bekommen er nicht geplant hatte, beantwortet er nicht. Und er will selbst entscheiden, wann man ihn als Linken, wann als Christ, wann als Parteimensch, wann als Staatsmann zu betrachten hat. Immer unter Leugnen dieses Tricks, nach dem Motto: "War da was?"

Das sieht man, wenn Ramelow den Botschafter von Kuba empfängt und er so gar nicht versteht, dass man das politisch spannend findet – der Linke und der Kubaner. Das sieht man, wenn er nach Israel reist und es so gar nicht akzeptieren kann, dass man ihn dort auf das eigenartige Verhältnis seiner Partei zu Israel anspricht – er ist doch als Staatsmann da! Er ziert sich auch, linke Politiker anderer Bundesländer zu unterstützen, weil er doch jetzt kein linker Politiker, sondern Premier aller Deutschen, Pardon, Thüringer ist!

Der Linke Ramelow kann an dem einen Tag ein gepfeffertes Zitat liefern, das der Ministerpräsident Ramelow am nächsten Tag nicht gesagt oder nicht in diesem Kontext gesagt haben will. Der Christ Ramelow distanziert sich dann davon.

Man wartet darauf, dass er einem, wenn man ihn auf dem Linken-Parteitag etwas fragt, entgegnet: "Was fragen Sie mich? Ich bin nicht als Linker hier, sondern als Christ." Trick 7 bedeutet eben auch: das Bestreiten aller anderen Tricks.

War da was?