DIE ZEIT: Herr Birol, vor wenigen Tagen hat Ihre Agentur ihre Welt-Energieprognose bis 2040 veröffentlicht. Hoffen Sie, dass Sie falschliegen?

Fatih Birol: Warum?

ZEIT: Sie sagen voraus, dass die weltweite Öl- und Kohlenachfrage bis zum Jahr 2040 steigen wird ...

Birol: Unsere Berechnungen gehen vom gegenwärtigen politischen Stand aus. Ich hoffe aufrichtig, dass wir uns bald revidieren müssen. Das ist nämlich der Hauptgrund, warum wir diese Vorhersagen erstellen: um Politikern auf der ganzen Welt zu zeigen, dass sie nicht genug tun, um einen katastrophalen Klimawandel zu verhindern.

ZEIT: Vor vier Jahren haben Sie gewarnt: Wenn es nicht bis 2017 eine tief greifende Änderung im Energiesystem gebe, werde die Welt das Ziel einer weltweiten Erwärmung von höchstens zwei Grad nicht mehr erreichen. Ist es also schon zu spät?

Birol: Nein. In den vergangenen Jahren gab es positive Veränderungen. Die erneuerbaren Energieträger haben einen Sprung nach vorn gemacht, und vor allem in China wird Energie effizienter genutzt. Gerade gibt es ein starkes politisches Momentum für einen internationalen Klimavertrag, weil US-Präsident Barack Obama und Chinas Präsident Xi Jinping sich dafür einsetzen. Aber die Zeit läuft ab.

ZEIT: Was passiert, wenn Paris scheitert?

Birol: Dann wird es viele nicht nachhaltige Investitionen geben, die den Energiesektor auf Jahre hinaus prägen werden. In diesem Fall sollten wir Wege suchen, uns an einen veränderten Planeten anzupassen. Aber ich bin optimistisch: Paris wird ein Erfolg.

ZEIT: Selbst Ihrem optimistischsten Szenario zufolge wird der Anteil der fossilen Brennstoffe an der globalen Energieproduktion bis 2020 von 81 auf 79 Prozent sinken. Wie kann die Welt bei diesem Tempo je das Zwei-Grad-Ziel erreichen?

Birol: In unserem optimistischsten Szenario sinkt der Anteil der fossilen Brennstoffe ja auch bis 2040 auf 60 Prozent. Hierfür sollten Politik und Industrie erstens mehr in erneuerbare Energien investieren, um deren Wachstum zu beschleunigen und die Kosten zu reduzieren. Zweitens: Regierungen weltweit müssen die Subventionen für fossile Brennstoffe abschaffen. Heute subventionieren Staaten Kohle, Erdöl und Gas mit fast 500 Milliarden US-Dollar pro Jahr, um Kraftstoff und Strom billiger zu machen. Das ist rund dreieinhalbmal so viel wie die Förderung für erneuerbare Energien. Diese Subventionen sind der Feind Nummer eins für das Wachstum von erneuerbaren Technologien und Energieeffizienz.

ZEIT: Was heißt das konkret?

Birol: Die Subventionen drücken künstlich den Preis fossiler Brennstoffe. Das ist wie ein 100-Meter-Lauf gegen die Erneuerbaren, bei dem die fossilen Brennstoffe an der 50-Meter-Marke starten. Ein Beispiel: LED-Lampen sind energieeffizienter und verbrauchen weniger Strom als Glühbirnen, aber sie kosten mehr in der Anschaffung. Subventionen auf Strom bewirken, dass es länger dauert, bis sich LEDs bezahlt machen – und verringern so den Anreiz, sie einzusetzen.

ZEIT: Wie wollen Sie Politiker davon überzeugen, diese Subventionen abzuschaffen?

Birol: Viele Energieminister begründen die Subventionen mit dem Schutz der Armen. Aber unsere Analysen zeigen: Von den fast 500 Milliarden US-Dollar gehen nur 8 Prozent an das ärmste Fünftel der Bevölkerung. Mehr als 80 Prozent des Geldes gehen an mittlere und hohe Einkommensgruppen. Wenn man den Armen wirklich helfen will, sollte man die Subventionen abschaffen und ihnen direkte finanzielle Unterstützung geben.