Moratorium! Wieso Moratorium? Nicht einmal ein Jahr ist vergangen, seit gleich drei wissenschaftliche Organisationen einen vorläufigen Stopp für gentechnische Eingriffe in die menschliche Keimbahn gefordert hatten. Damit waren Veränderungen am Erbgut, die auf nachfolgende Generationen übertragen werden, eigentlich tabu.

Für diese Woche nun baten die Nationalen Akademien der Vereinigten Staaten, Chinas und Großbritanniens die Führungskräfte der Erbgutchirurgie zum Konklave in Washington D. C. Doch dort wird seit Dienstag nicht in erster Linie über den Verzicht auf diese Technik debattiert, sondern über Regeln ihrer Anwendungen. Denn über kurz oder lang werden die ersten Babys mit künstlich verändertem Erbgut geboren werden, lautet die Einschätzung in der Szene. Einen ersten Versuch, wenn auch mit nicht lebensfähigen Embryonen, hatten chinesische Forscher kürzlich bereits unternommen. Die Frage ist nun: Wie, wann, wofür und für wen soll man die Genomschneiderei erlauben?

Erst vor wenigen Jahren hatten zwei Forscherinnen entdeckt, wie ein Abwehrsystem, das Bakterien gegen Viren einsetzen, als Allzweckwerkzeug in der Genombearbeitung verwendet werden kann. Der Mechanismus, CRISPR/Cas9 (kurz Crispr), ist simpel zu handhaben, billig und hocheffizient. Im Erbgut einer Zelle funktioniert er gleichsam wie die Suche-und-Ersetze-Funktion einer Textverarbeitung. Beliebige Gene lassen sich damit zielgenau austauschen. Binnen Monaten revolutionierte die Erkenntnis von Emanuelle Charpentier und Jennifer Doudna die Forschungslabore der Welt. Inzwischen gibt es schon die zweite, noch effizientere und noch präzisere Version des Crispr-Systems.

In seiner neuesten Version, schrieb der Harvard-Forscher George Church vergangene Woche im Vorfeld der Konferenz, sei das Verfahren inzwischen überaus zuverlässig. Das Risiko, aus Versehen nicht nur den anvisierten Ort im Genom, sondern auch etwa ein Krebsgen zu treffen und zu aktivieren, behauptet Church, betrüge nun eins zu einer Million behandelter Embryonen. Mit anderen Worten: Crispr-gestützte Keimbahntherapien seien inzwischen sicher genug für die Erprobung am werdenden Menschen. Doch in Wahrheit stecken die Genomtechniker in einer heiklen Situation. Sie haben eine vergleichsweise sichere und präzise Technik zur Hand, doch es gibt kaum Ideen, wozu die Intervention im Erbgut eigentlich gut sein soll.

Allerweltsleiden wie Diabetes oder Bluthochdruck sind für Crispr-Korrekturen zu komplex. In diesen Fällen müssten viele Gene bearbeitet werden, viele davon sind noch gar nicht bekannt. Für die Verhütung von Erbleiden mit nur einem defekten Gen gibt es dagegen längst eine sichere und erprobte Methode, die Präimplantationsdiagnostik. Mit der testen auch deutsche Mediziner heute Embryonen auf Gendefekte, bevor sie in den Mutterleib verpflanzt werden. Warum also werdendes Leben auf strittige Weise von Genfehlern kurieren, wenn man einen gesunden Embryo auswählen kann? Er könne sich keine sinnvolle medizinische Anwendung für Genomchirurgie vorstellen, sagt der deutschstämmige Genetiker Rudolf Jaenisch vom Whitehead-Institute in Boston. So sehen das die meisten seiner Kollegen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 49 vom 03.12.2015.

Sinnvoll einsetzen ließe sich Crispr nur, wenn beide Eltern von ein und derselben Erbkrankheit betroffen wären. Dann nämlich gäbe es keine oder nur geringe Aussichten, Embryonen zu finden, die nicht den Gendefekt tragen. Auch in Fällen, in denen Frauen aufgrund genetischer Probleme immer wieder Fehlgeburten erleiden, könnte die medizinische Genchirurgie helfen. Ansonsten aber bliebe die Crispr-Korrektur eine Nischendisziplin.

Man darf also gespannt sein, zu welchem Ratschluss die nach Washington geeilten Fachleute kommen. Eigentlich ist angesichts des unklaren Bedarfs ein heikles Fazit unausweichlich: Wirklich erforderlich ist Crispr nur dann, wenn ein genetisch veränderter oder verbesserter Mensch erzeugt werden soll. Immer dann also, wenn wir unsere Kinder mit Genvarianten ausstatten wollen, die ihre Muskelkraft oder Ausdauer erhöhen, sie vor einer Krankheit schützen oder die ihre Lebenszeit verlängern. Um den Homo crispr zu erschaffen, den Menschen mit Erbanlagen und Eigenschaften, wie sie uns die Genlotterie der Natur nicht oder nur selten bietet, dafür muss man gezielt eingreifen.

Wohl auch deswegen wird in Washington die zentrale Gerechtigkeitsfrage behandelt: Wie verhindert man die Spaltung der Gesellschaft? Hier die Reichen, die sich die Genomverbesserung ihrer Kinder leisten können; dort das genetische Lumpenproletariat, das zu Krankheit und Minderbegabung verurteilt bleibt?

Für ein Innehalten, eine Denkpause der Forscher, Juristen und Ethiker, wie vor 40 Jahren ganz zu Beginn der gentechnischen Ära, ist es jedenfalls zu spät. Damals war eine kleine verschworene Riege von Spezialisten am Werk. Heute hat es der weltweite Forschungsbetrieb in der Hand.