Zu hoch hinaus - In den kommenden Wochen müssen Eltern entscheiden, auf welche weiterführende Schule sie ihr Kind schicken. Experten sagen: Bei keiner Schulentscheidung verlassen sich Eltern so sehr auf zweifelhafte Mythen

Wenn Sina auf ihre Entscheidung von vor drei Jahren zurückschaut, lacht sie erst mal. "Ich wollte unbedingt aufs Gymnasium gehen – ich dachte, das ist cooler", sagt sie und kichert. "Aber dann habe ich es einfach nicht gepackt." Ihre Klassenkameraden nicken. "Wir haben voll viele Arbeiten geschrieben, ich hatte gar keine Freizeit mehr", sagt einer. "Der Druck hat mich aggressiv gemacht", ein anderer. "Ich habe mich scheiße gefühlt, weil ich immer dachte, ich bin zu dumm", ein dritter.

Wollte man gemein sein, würde man die Klasse 8e der Stadtteilschule Stübenhofer Weg die Klasse der Versager nennen. Sie haben es nicht geschafft, sie sind gescheitert. Nur darum sitzen sie nun zusammen in dieser Klasse, weil sie an der Schule ihrer eigenen Wahl, dem Gymnasium, überfordert waren. Und jedem einzelnen dieser 16 Kinder hatten ihre früheren Lehrer an den Grundschulen genau dieses Schicksal vorausgesagt.

In der fünften Klasse können Eltern in Hamburg frei wählen, ob sie ihr Kind aufs Gymnasium oder auf die Stadtteilschule schicken. Am Ende der Klasse 6 dürfen die Kinder aber nur bei entsprechender Leistung auf dem Gymnasium bleiben. Etwa jeder zehnte Gymnasiast der sechsten Klasse schafft das nicht – und muss auf die Stadtteilschule wechseln. 854 Schülern ging es in Hamburg im letzten Jahr so.

Wieso überschätzen so viele Eltern die Leistungsfähigkeit ihrer Kinder und schicken sie aufs Gymnasium? Wieso nehmen so viele Eltern in Kauf, dass ihre Kinder frustriert scheitern? Denn ein Risiko ist es, auch wenn einige der Ex-Gymnasiasten den Rückschlag gut verkraften. Schulleiter, Lehrer, Wissenschaftler und Politiker fragen sich das. Denn sie alle sehen, wie viel Chaos diese Regelung jedes Jahr im Schulsystem verursacht.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 49 vom 03.12.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Dabei könnte alles so einfach sein. Eigentlich sollte die Wahl der weiterführenden Schule in Hamburg leichtfallen. Es gibt nur zwei Schulformen, an beiden kann man alle Abschlüsse bis zum Abitur machen. Das Gymnasium, gedacht für die besonders guten Schüler, führt schneller zum Abitur, die Stadtteilschulen, gedacht für alle Schüler, haben deutlich kleinere Klassen und ein Jahr mehr Zeit bis zur Hochschulreife. Ob eine Schule gut ist, lässt sich anhand zahlreicher Erhebungen und Daten leicht herausfinden (Tipps zur Schulwahl finden Sie unten). Wer sich die Ergebnisse anschaut, stellt fest: Es gibt gute und schlechte Gymnasien und gute und schlechte Stadtteilschulen.

Die Wahl der weiterführenden Schule ist in Hamburg aber offenbar nicht einfach. Für viele Eltern geben soziale Faktoren den Ausschlag: Auf welche Schule gehen die Freunde? Auf welche die Geschwister? Dagegen ist selten etwas einzuwenden. Aber oft spielen auch Mythen eine Rolle, Vermutungen darüber, welche Schulen und welche Schulformen wie gut sind. Mit der Wirklichkeit hat das meist wenig zu tun.

Besuch beim Marktplatz der Schulen in Groß Flottbek, einer Art Schulmesse, auf der Eltern sich über die weiterführenden Schulen aus dem Bezirk informieren können. Eine Beamtin aus der Schulbehörde erklärt die Regeln des Schulsystems. Ein Vater ist überrascht, dass es nur noch zwei weiterführende Schulformen gibt in Hamburg. Eine Mutter ist verwundert, dass es für die Studienzulassung keinen Unterschied macht, ob das Abitur auf dem Gymnasium oder der Stadtteilschule gemacht wurde. Und eine andere hört zum ersten Mal, dass Kinder nicht sitzen bleiben, sondern Förderstunden bekommen, wenn sie nicht gut genug sind.

Die Frau aus der Schulbehörde sagt: "Ich sehe meine Aufgabe darin, an Sie zu appellieren, die Anforderungen nicht zu hoch zu setzen. Der Druck auf dem Gymnasium ist hoch in den ersten beiden Jahren. Ich würde Ihnen dringend raten, die Einschätzung der Grundschullehrer ernst zu nehmen, ob Ihr Kind das schaffen kann."

Nach dem Vortrag stehen zwei Mütter vor der Tür. "Das war interessant", sagt die eine. "Ja, aber bei den Stadtteilschulen bin ich immer noch skeptisch", die andere.