Bislang konnte sich die Hochschule für Gestaltung (HfG) in Karlsruhe rühmen ein Hort der blitzenden Geister zu sein. Hier lehrten Boris Groys, Hans Belting oder Wolfgang Ullrich, unbehelligt von irgendwelchen Bologna-Regeln. Nun aber sei der Ruhm akut gefährdet, sagt der angesehene Kunstwissenschaftler Beat Wyss, selbst Professor an der HfG. Von Fremdenfeindlichkeit ist die Rede, von neurechtem Denken und einer politischen Vereinnahmung durch die AfD, die Alternative für Deutschland.

Viele Studierende sind aufgebracht, viele Alumni der Hochschule besorgt. Grund der Empörung: der Philosoph Marc Jongen, der an der HfG lehrt und sich vor allem als persönlicher Assistent des langjährigen Rektors, Peter Sloterdijk, einen Namen machte. Jongen hat seine Begeisterung für eine "konservative Avantgarde" nie verleugnet, und es lag für ihn nahe, der AfD beizutreten, sich dort mit einem viel diskutierten Manifest hervorzutun, sich zum stellvertretenden Sprecher des Landesverbands Baden-Württemberg wählen zu lassen, sogar bei der Europawahl zu kandidieren. Seine Nähe zu Sloterdijk, seine Arbeit für die HfG werden von der AfD gern hervorgehoben. Gerade das sorgt an der Hochschule für Unmut.

Jongen lasse sich als "akademisches Feigenblatt" missbrauchen, meint Beat Wyss. Er mache mit dem Namen der HfG "politische Werbung" für eine "rechtsnationale Splitterpartei mit Verbindungen in die Neonazi-Szene".

Jongen weist die Vorwürfe zurück, nie habe er sein politisches Engagement mit der Tätigkeit an der HfG vermischt. Seinen Kritikern wirft er "Verleumdung" und "üble Nachrede" vor. Diese wiederum bezweifeln, dass sich politische und wissenschaftliche Tätigkeit sauber trennen ließen, vor allem nicht, wenn hochschulpolitische Themen berührt seien. So bekämpfen Jongen und seine AfD das "Gender Mainstreaming", alle Frauenquoten und Gleichstellungsbeauftragten wollen sie abschaffen. "Die gegen die Natur des Menschen gerichtete Gender-Ideologie ist der wichtigsten bevölkerungspolitischen Herausforderung, vor der Deutschland steht, nämlich die Geburtenrate signifikant zu steigern, in extremer Weise abträglich." So heißt es in einem Antrag, der auf dem AfD-Landesparteitag Baden-Württemberg kürzlich beschlossen wurde. Mitautor: Marc Jongen.

Das heiße aber nicht, beschwichtigt dieser, dass er "weibliche Studierende benachteilige". Seine Gegner wollen ihm das gerne zugestehen, und doch müsse sich die Hochschule klar von ihm abgrenzen. Bislang fungiert Jongen als Herausgeber der hochschuleigenen Schriftenreihe, mit dieser Position dürfe er sich nicht länger schmücken, meinen namhafte Autoren und erwägen einen Schreibboykott. Unter ihnen ist Stephan Trüby, Professor in München, der seine Doktorarbeit bei Sloterdijk schrieb und nun befürchtet, die AfD könnte von Wissenschaftlern wie Jongen salonfähig gemacht werden.

Sloterdijk selbst hat sich im Disput um seinen vertrauten Mitarbeiter bislang nicht zu Wort gemeldet. Es handele sich um ein sympathisierendes Schweigen, vermutet Beat Wyss. "In seinen weltanschaulichen Entwürfen ist Sloterdijk gar nicht so weit weg von der AfD." Dringend müsse er Stellung beziehen, das gehöre sich für einen Intellektuellen. Er sei es zudem der HfG schuldig. Doch auch auf Nachfragen der ZEIT bleibt der Philosoph bei seinem Schweigen.