Natürlich haben sie die beiden nicht in der letzten Reihe platziert. Sondern mittendrin, zwischen den anderen Schülern. Schließlich geht es um das gemeinsame Lernen. Da will man nicht schon bei der Sitzordnung etwas falsch machen. Marie* sitzt vorne links in der neuen 5a, Alpay Mitte rechts. Während der Kennenlernwoche tauschen sie sich mit ihrem Nachbarn darüber aus, was sie am liebsten in ihrer Freizeit machen. Da ist jeder etwas anders. Deshalb fällt kaum auf, wer hier Gymnasiast und wer Förderschüler ist. Das wird nicht lange so bleiben.

Alpay kann gerade einmal seinen Namen sicher schreiben. Bei Marie sind aus den ersten vier Jahren Englisch in der Grundschule nur ein paar Wörter hängen geblieben, nach drei Stunden Unterricht schaltet sie regelmäßig ab. Hätte man den Lehrern des Franz-Stock-Gymnasiums vor ein paar Jahren gesagt, dass sie einmal solche Schüler unterrichten würden, hätte es wohl kaum einer geglaubt – gewollt schon gar nicht.

Das Arnsberger Franz-Stock-Gymnasium, kurz FSG, ist das größte Gymnasium im Hochsauerland. Eine Schule mit Tradition und gutem Ruf. Über tausend Kinder und Jugendliche lernen hier, darunter auch immer wieder solche mit einem Handicap: Schüler, die autistische Züge zeigen oder solche mit groben Auffälligkeiten im Verhalten. Sie alle aber hatten bislang dasselbe Ziel, das Abitur. Diesen Sommer jedoch hat das FSG erstmals Schüler aufgenommen, die voraussichtlich nicht einmal den Hauptschulabschluss schaffen werden.

Wie soll das gehen in einer Schulform, die sich dem Leistungsprinzip verschrieben hat, deren Lehrer nie den Umgang mit solch leistungsschwachen Schülern gelernt haben und die für diese Aufgabe auf offiziellem Weg nicht mal eine halbe zusätzliche Kraft als Unterstützung bekommen?

Früher nannte man Schüler wie Alpay und Marie lernbehindert. Sie gingen auf besondere Schulen. Im Zuge der Inklusion aber nutzen jedes Jahr mehr Eltern die neue Wahlfreiheit und schicken ihre Kinder zum gemeinsamen Lernen in Grund- und Hauptschulen, Gesamt- oder Sekundarschulen. Nur das Gymnasium hielt sich in Sachen Inklusion bislang vornehm zurück.

Viele Gymnasiallehrer fühlen sich für das Thema schlicht nicht zuständig. Auch Eltern betrachten die liebste Schulform der Deutschen als behindertenfreie Zone. Das zeigte die Debatte um Henri, den Schüler mit Down-Syndrom, der in Baden-Württemberg das Gymnasium besuchen wollte. Das könne nicht funktionieren, sagten viele, der Junge schaffe doch niemals das Abitur. Andere warnen, die Inklusion führe das Gymnasium ad absurdum. Wenn selbst Lernbehinderte aufgenommen würden, warum dann nicht auch alle anderen mit schwachen Leistungen?

Mit derlei Begründungen bliebe Kindern wie Henri, Alpay oder Marie aber auch der Zugang zur Haupt- oder Realschule verwehrt. Wer wirklich will, dass Behinderte dazugehören, der darf sie nicht bereits in der Schule von ihren Alterskollegen trennen.

Am klarsten von allen Schulpolitikern formuliert dieses neue Denken Sylvia Löhrmann, die NRW-Bildungsministerin: "Alle Schulen müssen sich der Inklusion stellen, auch die Gymnasien." Konkret bedeutet dies: Seit diesem Schuljahr lernen Förderschüler auch an Gymnasien. Für die Institution ist das ein historischer Einschnitt, vergleichbar vielleicht mit der Abschaffung des Griechischen als Pflichtfach oder der Einführung der Koedukation.

Learning by Doing für die Lehrer

Am Franz-Stock-Gymnasium mischen sich nun vier Kinder mit einer Lernbehinderung unter die Schüler der 5a und 5d. Eigentlich sollten es insgesamt sechs sein, doch dagegen wehrten sich einige Eltern – die der Lernbehinderten wohlgemerkt. Als sie hörten, dass ihr Kind einem Gymnasium zugeteilt wird, meldeten sie es aus Angst vor der ungewohnten Umgebung doch lieber an einer Förderschule an. Das war die erste der zahlreichen Überraschungen, von denen man beim Besuch am FSG erfährt. Die nächste: Von den Gymnasialeltern kam nicht ein einziger Protest. Sie kannten das gemeinsame Lernen oft schon von der Grundschule. Einige baten sogar explizit um eine Inklusionsklasse für ihr Kind.

"Zwiegespalten" dagegen war die Stimmung im Kollegium, sagt Schulleiter Andreas Pallack. Was kommen da überhaupt für Kinder? Muss ich meinen Unterricht jetzt völlig umstellen? Wer hilft mir dabei? Einige Lehrer vermittelten den Eindruck, eine kleine Invasion von Aliens würde ihr Gymnasium kapern. Andere – die wie Schulleiter Pallack selbst Erfahrungen mit Behinderten hatten – sahen eher die Chancen und die Verantwortung: "Wenn es um Teilhabe an der Gesellschaft geht, darf sich das Gymnasium nicht wegducken." Und alle Lehrer sahen die Extraarbeit – zusätzlich zu den vielen anderen Neuerungen wie Ganztagsbetrieb, Digitalstrategie oder Flüchtlingsklassen.

Was also macht eine kluge Schule in so einem Fall? Sie setzt auf die Willigen, auf Leute wie Sebastian Koch. Dreißig Jahre alt, Fächer Mathe und Religion, das Referendariat hat er 2013 beendet. Die Inklusion war selbst da für Gymnasiallehrer noch weit weg. Erstmals kam Koch mit dem Thema vergangenen März in Berührung, als der Schulleiter ihn fragte, ob er nicht eine der beiden Inklusionsklassen übernehmen wolle. Zur Vorbereitung blieb ihm nicht viel Zeit. Eigentlich sind Fortbildungen und Hospitationen vorgesehen. Koch musste sich mit ein paar Trockenübungen und zwei Treffen mit der neuen Sonderpädagogin in den Sommerferien begnügen. Dann hieß es Learning by Doing.

Dafür sieht Kochs inklusive Mathestunde nach ein paar Wochen schon ganz gut aus. Heute geht es um Zeiträume und Entfernungen. Die Schüler sollen anhand eines Fahrplanes verschiedene Routen von Arnsberg nach Köln berechnen. Für Marie und Alpay hat der Mathelehrer einen eigenen Aufgabenzettel mit leichteren Fragen und ein paar Hilfestellungen vorbereitet.

Koch ist es gewohnt, differenzierte Aufgaben zu stellen. Längst sind auch am Gymnasium die Leistungsunterschiede riesig. Doch für Förderschüler am Gymnasium gibt es bislang weder Schulbücher noch Arbeitsblätter. Die Lehrer müssen sich die Unterrichtsmodelle weitgehend selbst basteln, den gymnasialen Stoff radikal vereinfachen.

Wenn die Klasse ein Gedicht bespricht, schreiben die Förderschüler es vielleicht nur ab. Wenn die einen in Englisch einen kleinen Brief formulieren, puzzeln die anderen einen solchen aus vorgegebenen Teilen zusammen. "Immer müssen wir uns fragen, wie wir die Förderschüler mitnehmen können", sagt Koch. Während ihre Klassenkameraden in Mathe heute auch Umwege und Verspätungen einkalkulieren, müssen Alpay und Marie nur ganz einfache Strecken aus dem Fahrplan berechnen.

Marie bekommt das ganz gut hin. Sie ist meist bei der Sache und scheint sich vom Leistungsniveau der anderen angespornt zu fühlen. Als die Klasse ihre Antworten vorstellt, darf auch sie nach vorn. Alpay dagegen schafft nicht mehr, als ein paar Zahlen in Kästchen einzutragen. Er ist schnell frustriert, sein mathematischer Wissensstand liegt irgendwo auf dem Niveau der ersten Klasse.

Auch das haben Sebastian Koch und seine Kollegen schnell gelernt: wie unterschiedlich die Förderschüler sind. Während Marie dem Besucher anfangs kaum auffällt, sticht Alpay schon deshalb heraus, weil man ihn kaum fünf Minuten allein lassen kann. Beide Kinder haben dieselbe sonderpädagogische Diagnose – doch ihr Leistungsabstand ist fast so groß wie der zwischen den Förderschülern und den Gymnasiasten insgesamt.

Nach der Hälfte der Mathe-Doppelstunde kann Alpay nicht mehr und geht in den neuen Trainingsraum nebenan. Das Zimmer, das die beiden Inklusionsklassen verbindet, ist das Herzstück des Förderkonzeptes am FSG. Einen so großen Raum freizuräumen und einzurichten kostete Monate der Planung. Der Musikbereich musste vom dritten in den ersten Stock verlegt werden und ein Oberstufentrakt ins Nebengebäude ausweichen. Bei dem Umbau büßte Schulleiter Pallack sogar ein Drittel seines Büros ein: alles für den Inklusionsraum.

Doch jetzt ist er fertig, mit Sofaecke und Glastüren zu beiden Klassenräumen. Heute warten schon die beiden Inklusionsschüler aus der Parallelklasse auf Alpay. Förderlehrerin Katja Vorel hat für die Schüler ein Parallelprogramm vorbereitet: Sie lernen die Uhrzeiten. Großer Zeiger, kleiner Zeiger, normalerweise Unterrichtsstoff für Klasse 2. Jeden Tag ziehen sich die Förderschüler zurück, um in der "temporären Lerngruppe" zu arbeiten. Ohne die zeitweise Trennung von der Klasse kann die Integration nicht funktionieren, erst recht nicht am Gymnasium.

Wegen des guten Sozialklimas sind Gymnasien gut geeignet für die Inklusion

Für solche Stunden braucht es aber eine weitere Lehrkraft. Und daran mangelt es. 3.200 zusätzliche Pädagogen hat NRW den Schulen bis 2017 für die Inklusion versprochen. Das macht, grob überschlagen, eine halbe Kraft pro Schule. Da das Franz-Stock-Gymnasium bisher aber nur vier Sonderschüler hat, muss es sich mit noch weniger begnügen. Nur an zwei Tagen unterstützt Sonderpädagogin Katja Vorel das FSG. Den Rest der Woche verbringt sie weiterhin an der Sonderschule ein paar Kilometer entfernt.

Freiwillig hat sich Katja Vorel nicht für diese Aufgabe gemeldet. Ein Gymnasium ist so ungefähr das Letzte, was sich Sonderpädagogen als Arbeitsplatz wünschen. Die Oberschulen gelten als elitär und selektiv, ihre Lehrer – Philologen! – als arrogant, während es auf den meist kleinen Förderschulen kuschelig und kooperativ zugeht. Doch für Katja Vorel dauerte es nicht lang, bis sich das Bild wandelte: "Die Kollegen sind offen und wollen von mir etwas lernen."

Auch die Gymnasialschüler haben die Sonderpädagogin überrascht. Zwar haben sie schnell bemerkt, dass ein paar in der Klasse etwas anders sind als der Rest. Doch von blöden Sprüchen oder gar Mobbing gebe es "nicht die geringste Spur", sagt Vorel. Tatsächlich argumentieren Experten wie Clemens Hillenbrand von der Universität Oldenburg, dass gerade Gymnasien wegen ihres meist guten Sozialklimas für die Inklusion geeignet seien. Die Franz-Stock-Schule scheint diese Theorie zu bestätigen.

Die neue Nähe von Schülern und Lehrern, die früher nichts miteinander zu tun hatten, steht auf der Habenseite der Inklusion. Das sagen alle, als sich Ende November das Inklusionsteam im Schulleiterzimmer zu einer ersten Zwischenbilanz versammelt. "Bisher läuft es besser als gedacht", sagt Mathelehrer Koch. Die Klasse, die er vor zwei Jahren übernehmen musste – normale, aber äußerst unruhige Gymnasialkinder –, habe ihn anfangs mehr Nerven gekostet.

Auch über einen weiteren Gewinn der Inklusion ist sich die Runde einig. "Man bekommt einen besseren Blick für den einzelnen Schüler", sagt die Koordinatorin für die Erprobungsstufe, Marion Brügge. Ohnehin hört man am FSG häufig Sätze, die für ein Gymnasium immer noch nicht selbstverständlich sind. Hieß es früher: "Wer bei uns nicht zurechtkommt, sollte besser gehen", heißt es jetzt: "Wir müssen mit den Kindern arbeiten, die wir haben."

Das kostet Zeit und Kraft und verlangt viel Fantasie. Zwar haben die Inklusionsklassen im Schnitt fünf Schüler weniger. Aber die Lehrer sind die meiste Zeit auf sich allein gestellt. Niemand erwarte, dass der gesamte Unterricht doppelt besetzt sei, sagt Sonderpädagogin Katja Vorel. Aber ihre neun Stunden pro Woche seien "definitiv zu knapp". Zumal sie auch Zeit brauche, sich mit ihren Gymnasialkollegen über die Unterrichtsvorbereitung zu beraten.

Allein mit der Zauberformel von der "Individualisierung des Unterrichts" lassen sich die riesigen Unterschiede zwischen den Schüler also nicht weghexen. In der fünften Klasse mag es noch ein paar Anknüpfungspunkte für die Förder- und Gymnasialschüler geben. Später driften die Lehrpläne immer weiter auseinander. Während die einen Schüler in Richtung höhere Bildung streben, brauchen die anderen erste Berufserfahrungen und Lebenspraxis. Bald soll das Gymnasium dafür eine Lehrküche bekommen.

Um drei ihrer neuen Schützlinge machen sich die Lehrer keine großen Sorgen. Alpay dagegen kommt schon jetzt nicht ohne jemanden an seiner Seite aus, der ständig erklärt, motiviert, bändigt. Bislang übernimmt das meist eine junge Sozialarbeiterin. Sie wird über einen Extratopf bezahlt, ein Glücksfall, der eigentlich nicht vorgesehen ist im System. Doch der Job endet mit dem Schuljahr. Die Schule hofft dann auf einen offiziellen Schulhelfer für den Jungen oder zumindest einen FSJler. Wenn niemand kommt, wird Alpay am Ende vielleicht doch auf eine Förderschule wechseln müssen. In drei Fällen hätte die Inklusion dann funktioniert, in einem wäre sie gescheitert.

Vielleicht ist das die größte Hürde auf dem Weg zur Inklusion, ob auf dem Gymnasium oder anderswo: die vielen Ungewissheiten und Eventualitäten, die erst unterwegs auftauchen und die ohnehin vorhandene Angst vor dem Neuen und Unbekannten noch verstärken. Bisher ist die Lernkurve der Lehrer am Franz-Stock-Gymnasium steil und die Motivation hoch. Irgendwann jedoch wird die Anfangsenergie verbraucht sein. Dann muss es Routinen geben und feste, verlässliche Hilfen, um alle Lehrer mitzunehmen, auch die weniger inklusionswilligen. Sonst werden Alpay und die anderen irgendwann doch hinten sitzen, in der letzten Reihe.

* Namen der Kinder verändert

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