1. Die vielleicht irrste Koalition aller Zeiten

Wie soll man sie nennen, diese Allianz gegen den "Islamischen Staat", bestehend aus diversen islamischen Staaten, einigen Autokratien, einer halben Weltmacht und einer halbherzigen? Eine Koalition der Willigen ist es jedenfalls nicht, weil Russland und Assad nicht wirklich gegen den IS kämpfen wollen, weil Iran lieber gegen die syrische Opposition als gegen den IS vorgeht und aus Saudi-Arabien mehr als nur geistlich-moralische Unterstützung ins Kalifat fließt; schließlich weil die Türken vor allem gegen die Kurden kämpfen, die – das gibt es auch – tatsächlich gegen den IS kämpfen, allerdings nur da, wo sie später ihr Kurdistan errichten wollen.

Am ehesten ist es eine Koalition der Feinde, steckt doch in dieser Allianz womöglich mehr Feindschaft gegeneinander als gegen den IS.

Wie konnte es um Himmels willen so weit kommen? Und was kann daraus werden – vor allem für die Opfer des IS?

2. Der große Verrat – Amerika

Die ganze verkorkste Lage ist nicht zu verstehen ohne den Verrat, den die Amerikaner gerade an den Europäern begehen. Das November-Heft der Zeitschrift Foreign Affairs ist dem "Post-American Middle East" gewidmet. Darin wird kalt und durchaus realistisch dargelegt, dass die USA sich künftig nur noch sehr bescheiden in der Region engagieren sollten, die sie in den vergangenen Jahrzehnten durch massive Interventionen und atemberaubende Fehler ins Chaos geführt haben. Es genüge, so das Argument, dafür zu sorgen, dass der Terrorismus im Mittleren Osten nicht allzu stark werde und keine der widerstreitenden Mächte ein zu klares Übergewicht bekomme. Öl habe man schließlich zu Hause genug, Israel schütze sich selbst, und gegen Terror sei man durch die Geheimdienste gewappnet.

Von den Millionen Flüchtlingen, die nicht zuletzt dank der amerikanischen Politik entstanden sind, ist kaum die Rede, die werden als Angelegenheit der Europäer angesehen. Im Kampf gegen den IS geht es nicht um Sieg, Eindämmung reicht.

Das alles ist nicht bloß Theorie, sondern herrschende amerikanische Politik: Europa wird mit den Flüchtlingen alleingelassen und der Kampf gegen den Terror nur halbherzig geführt. So wurde das, was wirklich vernünftig gewesen wäre, unterlassen: eine Schutzzone in Syrien zu errichten und ein Flugverbot durchzusetzen.

Militärisch ist durch den halben Rückzug der USA also eine Lücke entstanden, in die hinein die Europäer vor dem 13. November nicht vorstoßen wollten – und seitdem nicht mehr können, aus einem einfachen Grund: Die Russen sind jetzt da.

3. Diktatur oder Chaos – Russland

Ob Wladimir Putin in Syrien die Interessen seines Volkes vertritt, das sei einmal dahingestellt, wohl aber vertritt er seine eigenen. Er will dort eine Situation herbeibomben, die nur noch eine Wahl lässt: Diktatur oder Chaos. Putin will dem Westen auf die harte Tour beibringen, dass es immer ein Fehler sei, demokratische, menschenrechtliche oder sonst wie rebellische Bewegungen zu unterstützen, egal ob in Kairo, Damaskus, Kiew oder gar in Moskau. Denn dann drohe nur Bürgerkrieg. Also versucht der russische Präsident, Assad oder einen vergleichbaren Diktator wieder ganz an die Macht zu bringen.