Wer sich für eine Laufbahn in der Wissenschaft entscheidet, muss mutig sein und optimistisch. Der Wettbewerb ist groß, die Zukunftsaussichten sind mies, die Arbeitsverhältnisse oft prekär. Alle paar Monate bekommt man einen neuen Vertrag, oft ist damit ein Umzug verbunden. Und über allem schwebt die große Sorge des Absturzes: Wer mit Mitte 40 feststellt, keine Dauerprofessur zu bekommen, steht auf der Straße. Langfristig planen? Unmöglich. Eine Familie gründen? Schwierig. Die Stimmung? Schlecht.


"Die Rahmenbedingungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs haben sich in den vergangenen Jahren verschlechtert", sagt Manfred Prenzel, der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, des wichtigsten wissenschaftspolitischen Beratungsgremiums für Bund und Länder. Die Zahl der Studenten stieg immens, die Zahl der festen Stellen für Wissenschaftler wuchs nicht mit. "Ich habe die große Sorge, dass die besten wegen der schlechten Zukunftsaussichten nicht mehr in der Wissenschaft bleiben", sagt Prenzel.

Wie groß die Zahl der Frustrierten ist, darüber herrscht in Hochschulen und in der Wissenschaftspolitik Unklarheit. Auch zur Arbeitsbelastung finden sich kaum valide Zahlen. Deshalb baten ZEIT und ZEIT ONLINE im September ihre Leser, an einer großen Umfrage zur Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses an deutschen Hochschulen teilzunehmen. Gefragt wurden wissenschaftliche Hilfskräfte, Doktoranden, Stipendiaten, Postdocs und Juniorprofessoren.

Die Resonanz war enorm: Fast 7.000 von ihnen haben sich an der Online-Umfrage beteiligt. Das sogenannte Crowdsourcing ist keine repräsentative Methode, durch die große Zahl an Rückmeldungen sind die Ergebnisse aber sehr aufschlussreich. Viele junge Wissenschaftler berichteten von Resignation, von Überstunden, von schlaflosen Nächten – und auch von Burn-out. "Ich kann nicht mehr" oder "Keine Ahnung, wie es weitergeht", schrieben viele. Und wer doch eine positive Geschichte erzählte, von guter Betreuung und genug Zeit für die eigene Forschung, der erwähnte stets: "Ich weiß, ich bin die Ausnahme."

Eine Zahl ist besonders schockierend: 81 Prozent des wissenschaftlichen Nachwuchses spielen mit dem Gedanken auszusteigen. Das heißt: Vier von fünf jungen Wissenschaftlern, die Jahre damit verbringen, zu recherchieren, zu forschen und zu schreiben, sagen: "Ich will hier raus!" Sicher, darunter fallen auch Doktoranden, die vielleicht nie eine Hochschullaufbahn einschlagen wollten, sondern als promovierte Chemiker in die Industrie oder als Ärzte in ein Krankenhaus wechseln wollten. Doch selbst von den Juniorprofessoren, die schon fest verwurzelt in der Wissenschaft sind, denken mehr als die Hälfte an den Ausstieg.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 49 vom 03.12.2015.

Man kann daher die Ausstiegsgedanken angesichts der geringen Jobchancen in der Wissenschaft "rational und vernünftig" finden, wie der Chef der Hochschulrektorenkonferenz, Horst Hippler. Man kann die Zahl "bedenklich" nennen, wie Bundesbildungsministerin Johanna Wanka. Man kann feststellen, dass "der Beruf des Professors unattraktiver wird", wie Bernhard Kempen, der Präsident der Professorenvereinigung Deutscher Hochschulverband. Oder man kann die Systemfrage stellen, wie Wissenschaftsratschef Prenzel: "Wenn Zweifel so dramatisch werden, dass sie die jungen Wissenschaftler lähmen, wird es für ein ganzes System schwierig. Wir brauchen uns doch nicht zu wundern, wenn die Besten abwandern!"

Sicher ist: Als Indiz für die Stimmung an den Hochschulen und in den Zukunftslaboren unseres Landes ist die große Ausstiegsneigung verheerend. Wissenschaft lebt vom Wettbewerb. Doch Wettbewerb funktioniert nur gut, wenn auch die Besten die Herausforderung annehmen – und nicht durch zu schlechte Bedingungen abgeschreckt werden.

Viele der Teilnehmer unserer Umfrage haben uns ihre Kontaktdaten hinterlassen, einige von ihnen haben wir gefragt, was sie zum Ausstieg bewegt. Fast alle, mit denen wir sprachen, suchen auf Jobportalen nach Alternativen zur Wissenschaft.

Da ist zum Beispiel der Wirtschaftsinformatiker Andreas Drechsler, der als Postdoc an der Universität Duisburg-Essen arbeitet. Drechsler ist 34 Jahre alt und hat eine volle Stelle. Die Hälfte der Zeit forscht und lehrt er. In der übrigen Zeit kümmert er sich um die Verwaltung des Lehrstuhls. So sieht es sein Vertrag vor, auch wenn Drechsler nicht immer Lust auf Verwaltung hat. Man könnte meinen: Immerhin hat er einen Job. Drechsler sieht das anders. Er sagt: "Ich habe nicht genug Zeit, mich mit meiner Forschung zu profilieren, da ziehen andere an mir vorbei." Dieses Jahr hat er sich deshalb auf 30 Stellen beworben – zwei Bewerbungen für Juniorprofessuren schickte er an deutsche Unis. Der Rest ging an Unis im Ausland. Mitte nächsten Jahres zieht er nach Neuseeland. Dort tritt er an einer großen Uni eine unbefristete Stelle an. "Da kann ich forschen – was mir wichtig ist – und bin nicht auf Drittmittel angewiesen", sagt er. Drechsler verlässt das deutsche Hochschulsystem, weil er hier nicht geboten bekommt, wonach er sucht. Potenzial geht verloren.

"Klarere Zukunftsaussichten" nannten in dem Crowdsourcing-Projekt 34 Prozent als wichtigsten Wunsch. Dahinter kommen bessere Bezahlung und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Das überrascht nicht: Rund 90 Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiter haben befristete Jobs, die Mehrheit der Verträge läuft nicht länger als ein Jahr. Wir fragten unsere Leser deshalb, wie viele Verträge sie in ihrer Laufbahn bereits unterschrieben haben. Unter den Doktoranden, die am Lehrstuhl arbeiten, hatte jeder Dritte schon mehr als vier Verträge. Erwartungsgemäß haben Stipendiaten, externe Doktoranden oder solche, die am Graduiertenkolleg promovieren, weniger Verträge geschlossen. Und auch unter den Postdocs und Juniorprofessoren, die von den Befragten am längsten in der Wissenschaft sind, hat jeder Dritte bislang vier bis sechs Verträge unterzeichnet. 14 Prozent hatten jedoch sogar schon zehn oder mehr Arbeitsverhältnisse.