So feuerte Schiffskommandant Carl Weyprecht die Männer an: "Nie zurück", Gemälde von Julius Payer, dem Co-Leiter der österreichisch-ungarischen Polarexpedition

Das Nordpolarmeer am 2. November 1873. Durch die eisige Wüste, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat, setzt sich eine staatstragende Karawane in Gang. Julius Payer, Kommandant zu Lande der österreichisch-ungarischen Nordpolarexpedition, führt das Kommando. Dunkelblond gewelltes Haar, blaue Augen, Vollbart. Der Oberleutnant ist ehrgeizig, arrogant und ruhmsüchtig, aber ein Genie von einem Bergsteiger. Hinter ihm trotten die Matrosen aus Dalmatien. Carl Weyprecht, Kommandant zur See, trägt die zusammengerollte schwarz-gelbe Fahne. Ein Jahr lang sind die Männer auf ihrem Schiff, das manövrierunfähig im Eis feststeckt, nach Norden gedriftet, schutzlos den Gewalten der Arktis ausgeliefert. Doch seit sie diesen trostlosen Landstrich am Horizont erspäht haben, sind alle Gefahren vergessen. Ein Bild des Kaisers, ein Dokument über die Landnahme, Münzen und Zeitungen werden in einem Hügel aus Stein deponiert. Auf einem Flaggstock weht der Doppeladler. Hurra: Jetzt ist Franz-Joseph-Land in Besitz genommen!

Die karge Inselgruppe östlich von Spitzbergen und nördlich von Nowaja Semlja zu erreichen und wieder heil zurückzukehren war im 19. Jahrhundert ein mörderisches Unterfangen. Heute könnte Weyprecht ganz gemütlich das Schiff dorthin steuern. Und für seine wochenlangen Gewaltmärsche, auf denen er unbekannte Gebiete kartografierte und bis zum nördlichsten Punkt Eurasiens vordrang, brauchte Payer nicht bloß Schlitten, sondern auch ein Boot – zum Übersetzen zwischen den Inseln. Hundert Jahre nach dem Tod des Entdeckers ist das Meer um Franz-Joseph-Land im Sommer frei befahrbar: Die Eisgrenze hat sich nach Norden zurückgezogen. Die Erderwärmung hat dafür gesorgt, dass das einstige Territorium Österreich-Ungarns heute relativ problemlos erreichbar ist.

Während zu Payers Zeiten die Polarforschung dazu diente, weiße Flecken von der Landkarte zu tilgen, liegt ihre größte Bedeutung heute darin, die Auswirkungen des Klimawandels zu dokumentieren. Seit Ende des 19. Jahrhunderts, als das Industriezeitalter und damit der massive Verbrauch fossiler Brennstoffe begann, hat sich die weltweite Durchschnittstemperatur um rund ein Grad erhöht. Extreme Wetterphänomene haben zugenommen, und das Klima ändert sich – mit unabsehbaren Folgen. Seit Montag beraten Delegierte aus 195 Ländern bei der UN-Klimakonferenz in Paris über Maßnahmen zur Verringerung der Treibhausemissionen. Die Erderwärmung langfristig auf zwei Grad begrenzen zu können scheint aber ein schwieriges Unterfangen. Das muntere Feilschen um verbindliche Klimaziele hat begonnen.

"Es ist höchste Zeit zu handeln", sagt Wolfgang Schöner, Obmann des Klimaforschungsnetzwerks Österreichs. "Es herrscht immer noch der Glaube, alles irgendwie managen zu können. Zugleich sind viele Staaten, darunter auch Österreich, bei der Erreichen von Klimazielen schlampig." Dabei sei gerade Österreich besonders stark vom Klimawandel betroffen. Hier habe sich die Temperatur in den vergangenen hundert Jahren mit rund zwei Grad doppelt so stark erhöht wie im globalen Durchschnitt. Durch Überschwemmungen oder mehr Hitzetage im Sommer entstünden bereits jetzt Folgekosten von rund einer Milliarde Euro pro Jahr. Der Professor für physische Geographie an der Universität Graz beschäftigt sich mit den Veränderungen im Eis und Schnee des Alpenraumes. Auch dort, wo sich Payer seine Sporen als junger Bergsteiger verdiente, sind die Gletscher auf dem Rückzug.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 49 vom 03.12.2015.

Der Entdecker habe der Polarforschung viele Impulse mitgegeben, sagt Schöner. Noch heute berufen sich österreichische Wissenschaftler bei Gelegenheit auf Payers Mythos, obwohl er nach heutigem Verständnis wenig bis gar nichts zur Wissenschaft beigetragen hat. Neben den Karten, die er anfertigte, um seine Entdeckungen zu dokumentieren, interessierte ihn die Forschung herzlich wenig. Gern wird auch vergessen, dass er psychisch auffällig war. Beim qualvollen Rückmarsch von Franz-Joseph-Land legte er ein jämmerliches Verhalten an den Tag, das seine Karriere fast zerstört hätte.

Die Matrosen aßen Brot, während sich Payer den Bauch vollschlug "wie eine Boa"

Im Mai 1874 ließ die Mannschaft das Schiff im Eis zurück und brach zu Fuß in Richtung Süden auf. Einige Männer litten an Skorbut, die Kälte zehrte an den Nerven. Der Proviant war limitiert. Und was tat Payer in den ersten Wochen nach dem Aufbruch? Jeden Abend ging er zum Schiff zurück, machte sich über die zurückgelassenen Lebensmittel her, um sich, wie er selbst gesagt haben soll, "wie eine Boa" einen Vorrat anzufressen. Wie ein Wilder schlemmte er, verwüstete die Kombüse und legte sich ein Delikatessendepot an. Eifersüchtig stichelte er gegen Weyprecht, der keinen Bissen mehr aß als die Matrosen. Einmal drohte Payer sogar, ihn umzubringen, wenn sie die Heimat nicht mehr erreichen sollten. Letztlich war es Weyprechts ruhigem Gemüt und seiner protestantischen Disziplin zu verdanken, dass es der desperate Haufen überhaupt lebend bis zum offenen Meer schaffte.

Zurück in Wien, spielte Payer die Rolle Weyprechts herunter, stufte dessen wissenschaftliche Untersuchungen, wie magnetische Messungen, als nebensächlich herab und drängte sich ungeniert ins Rampenlicht vor. Weil er sich als Künstler verstand, hatte er keinen Fotoapparat auf die Reise mitnehmen wollen. Nun existierten bloß Zeichnungen von Franz-Joseph-Land. Bei der Präsentation seiner Entdeckungen in der Akademie der Wissenschaften murmelte ein prominenter Zuhörer in der ersten Reihe, es mag sogar ein Mitglied der kaiserlichen Familie gewesen sein: "Wenn es denn wahr wäre." Kein Mensch könne die von ihm geschilderten Strapazen aushalten, hieß es in Offizierskreisen. Tödlich beleidigt, demissionierte Payer und quittierte den Militärdienst. Immerhin wurde der Expeditionsbericht, den er mit Feuereifer verfasste, zu einem monarchieweiten Bestseller. Der Nordpol interessierte ihn – vorerst – aber nicht mehr. Er ging nach Frankfurt, um reich zu heiraten, und ließ sich zum Maler ausbilden.