Man möchte nicht Hausmeister im Thüringer Landtag sein, das ist ein Knochenjob. Immer wenn jemand aus einer Fraktion austritt, müssen dessen Stuhl und Tisch weggerückt werden, damit jeder sehen kann: Der gehört nicht mehr zu seinen bisherigen Leuten. Normalerweise passiert so etwas selten. In dieser Legislaturperiode kommt es nun aber schon zum vierten Mal vor.

Ganz frisch hat die CDU-Fraktion ein Mitglied verloren, den früheren Umweltminister und knurrigen Kauz Jürgen Reinholz, der aus Protest gegen Angela Merkels Flüchtlingspolitik die Partei verlassen hat. Mit den drei AfD-Abgeordneten, die im Streit um den Rechtsruckkurs ihres Fraktionschefs Björn Höcke den Austritt erklären, sitzen jetzt eben vier Parlamentarier leicht entrückt vom Rest des Geschehens.

Dass sie alle den Oppositionsfraktionen CDU und AfD angehörten, hat nicht nur praktische Folgen für die Hausmeisterkunst. Sondern auch politische Bedeutung. Denn es führt dazu, dass die rot-rot-grüne Linksregierung Bodo Ramelows nach nur einem Jahr fester im Sattel sitzt, als Ramelow selbst sich das wohl hätte träumen lassen. Mit einer Stimme Mehrheit regiert Rot-Rot-Grün eigentlich – nur eine Stimme mehr als die Opposition hat die Dreiparteienkoalition im Landtag. Ramelows größte Angst musste bisher sein, dass die SPD jederzeit auch gemeinsam mit der CDU eine Regierung bilden könnte. Denn auch dieses Bündnis hätte eine Stimme Mehrheit gehabt.

Diese theoretische Möglichkeit ist seit Reinholz’ Austritt keine mehr, eine CDU-SPD-Koalition käme nur noch auf exakt die Hälfte der Sitze im Landtag. In der Praxis verhält sich die Sache auch noch so, dass der einstige AfD-Abgeordnete Siegfried Gentele eigentlich in allen wesentlichen Abstimmungen die Hand für die linke Regierung in die Höhe schnellen lässt, was einzelne CDU-Abgeordnete schon zu der Vermutung bringt: Irgendwas müssen die dem versprochen haben! In der Abstimmung über den Haushalt etwa, die als Bewährungsprobe für Ramelows Bündnis galt, erhielt die Regierung 48 Stimmen, obwohl ihr nur 46 Abgeordnete angehören. Zwei einstige AfD-Abgeordnete hatten ebenfalls für die Pläne der Regierung votiert.

Weil bei der CDU auch noch die ehemalige Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht die Abstimmung schwänzte, hatte die Union nicht den Hauch einer Chance, das zu tun, was sie gern getan hätte, nämlich Rot-Rot-Grün vorzuführen.

Sich vorzuführen, das macht dieses Bündnis, wenn überhaupt, nur selbst. Nach einem Jahr im Amt muss man einerseits anerkennen: Ramelows Mannschaft verwaltet Thüringen weitgehend geräuschlos, seriös und solide – was der Ministerpräsident schon als einen Wert an sich betrachtet.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten-Ausgabe der ZEIT Nr. 49 vom 03.12.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Man sieht aber auch, was für einen Gewaltakt es bedeutet, diese Koalition zusammenzuhalten. Die Lager, die Ramelow Tag für Tag zusammenführen muss, passen eigentlich kaum zueinander. Da sind die Überpragmatischen, geradezu Konservativen, die es in der SPD gibt, noch mehr aber in der Linken – der gehören bis heute viele frühere DDR-Politiker an, die dem gelebten Kleinbürgertum näher sind als linken Refugees-welcome-Bündnissen. Und dann gibt es diejenigen, die wiederum dermaßen weit links stehen, dass mit ihnen fast keine Regierung zu machen ist. Solche gibt es in allen drei Parteien, eigentümlicherweise erscheinen die Fundis bei den Grünen derzeit besonders stark, jedenfalls schrill.

Als die Landesregierung, weil Ramelow seine Linken nicht vergrätzen wollte, sich im Bundesrat bei der Abstimmung über den Asylkompromiss enthielt, sagte der SPD-Bundestagsfraktionsvize Carsten Schneider, der auch Vizechef der Thüringer SPD ist: "Wenn jede Landesregierung im Bundesrat so verantwortungslos handeln würde, wäre Deutschland nicht regierungsfähig." Und: "Ramelow hat Thüringen damit isoliert."

Ihre beiden Koalitionspartner seien derzeit "etwas hitzköpfig unterwegs", sagte die grüne Umweltministerin Anja Siegesmund gerade der Thüringer Allgemeinen. Das wird in den nächsten vier Jahren nicht langweilig, gewiss nicht.