* 18. 7. 1948 - † 28. 11. 2015

Von dem wunderbaren Schauspieler Alec Guinness weiß man, dass er sich lebenslang als Hochstapler empfand. Er kam sich vor wie ein Kind, das versehentlich unter die Erwachsenen geraten war, und er lebte in der Furcht, dass der Schwindel auffliegen könnte.

Im Frühjahr 2012 fragte ich Luc Bondy, ob ihm die Angst des Alec Guinness vertraut sei. Er nickte heftig. Tatsächlich ging von Bondy etwas aus, was man Rollenscham nennen könnte. Er wollte den erwachsenen, souveränen, herrschenden Mann nicht spielen. Ausgestellte Macht war ihm peinlich. Das zerstreut Unautoritäre umflatterte ihn selbst dann, als er große Theater (einst die Berliner Schaubühne und bis zuletzt das Odéon in Paris) und ein Festival (die Wiener Festwochen) leitete.

Aber war ihm das Erwachsensein wirklich peinlich? In Wahrheit schien es mir umgekehrt: Er hatte keine Angst, als das Kind unter Erwachsenen aufzufliegen, vielmehr war er behext von der Lust, die anderen Erwachsenen als genial verkleidete oder unglücklich verstellte Kinder zu enttarnen.

Im wirklichen Leben war Bondy zerstreut und verzettelt, ein Verlierer und Verleger von Dingen, und die abenteuerliche Suche nach den Dingen geschah ohne Grimm – als sei sie der notwendige Anfang einer neuen Geschichte. Und so, wie er nie nur eine Sache tat, sondern auf Ablenkung angewiesen war, um sich dann umso schärfer zu konzentrieren, genügte ihm auch nie ein "Einfall", um eine Figur zu umreißen: Die musste erforscht, mit dem Bondy-Blick umkreist worden sein.

Man hat ihn als den Theatermann bezeichnet, der die Menschen liebt. So einfach war er aber nicht. Er wollte genau wissen, was ein Mensch ist, und er war nie gegen die Enttäuschung gefeit, bei seiner Forschungsarbeit am Ende auf das Schlimmste zu stoßen: aufs Nichts. Jeder Schritt, den eine Figur plante, jeder Satz, den sie sprach, der Missmut, den sie verriet, all das wurde vom Regisseur, aber auch von den Mitspielern auf Plausibilität geprüft – und bis zu dem Punkt zurückverfolgt, da der Verrat begann: die Selbstspaltung des Menschen, die Trennung zwischen dem, was einer insgeheim will, und dem, was er von sich zeigt.

Vieles in Bondys Theater spielte sich im Stillen ab. Man sah, wie die Menschen die Gesichter ihrer Mitstreiter lasen, unablässig und mit Ehrfurcht. Es lag ja die eigene Zukunft im Ausdruck dieser Gesichter: Werden sie mich leben lassen, werden sie mich umbringen, werden sie mich lieben?

Luc Bondy fand heraus, dass jeder Mensch ein Kämpfer ist: Der Kampf um Liebe ist unsere oberste (vielleicht einzige) Beschäftigung. Die dunklen Verteidigungsringe, die ein Mensch während lebenslanger Kampfhandlungen um sein Innerstes legt, waren das Terrain dieses Regisseurs: Sie mussten erobert und mitbewohnt werden, erst dann war es möglich, zum Wesen der Figur vorzustoßen. Aber Bondy "verriet" nicht, was er bei seinen Vorstößen entdeckte. Er verhielt sich wie ein unzuverlässiger Spion, der seinem Auftraggeber am Ende keine Ergebnisse aushändigte. So neugierig Bondy war, so diskret war er auch. Robert Walsers berühmter Satz "Niemand ist berechtigt, sich mir gegenüber zu verhalten, als kennte er mich" – er hätte ihn für jede seiner Figuren unterschrieben.

Er selbst war ein eher unglückliches Kind aus intellektuellem Zürcher Haus. Sein Vater war der bedeutende Publizist François Bondy; der gab den Sohn nach Frankreich ins Internat, wo der Halbwüchsige den Terror, aber auch die Geborgenheit unfreiwilliger Kameradschaft erfuhr. Er wurde von Schülern unterdrückt und von Lehrern geschlagen, aber er begriff auch, welches Glück die Produktion von Kunst sein kann: "In unserem gemeinsamen Schlafzimmer", so sagte er, "haben wir uns Filme erzählt, wenn das Licht aus war. Und wir machten die Geräusche dazu, die Tonspur, die Schüsse, den Regen. Bis die Lehrer kamen und sagten: Still!"