Der Tag, an dem Elke Röhrmann zum zweiten Mal in ihrem Leben das Licht der Welt erblicken soll, ist ein herrlicher Frühsommertag. Der Himmel strahlt hellblau mit ein paar Wolken, die Blumen leuchten in Rot und Gelb. Es ist der 10. Juni 2015, ihr 52. Geburtstag.

Elke Röhrmann sitzt auf einem Bürostuhl in einem kleinen Raum der Augenklinik in Tübingen. Unter ihrem rechten Auge klebt ein Pflaster mit Elektroden, das linke starrt ins Leere. Ein Mann in einem weißen Kittel steht neben ihr, zwei weitere Ärzte sind im Raum. Neben Elke Röhrmann sitzt ihr Lebensgefährte, der ihre Hand hält. Mit der anderen Hand streicht sie unruhig auf ihrem Oberschenkel hin und her. Hin und her.

"Fertig?", fragt Eberhart Zrenner, Professor für Augenheilkunde. Als Elke Röhrmann nickt, schiebt er an einem Apparat, etwas größer als ein Smartphone, einen Regler von Aus auf An. Elke Röhrmann zieht die Luft ein, und Zrenner stellt diese eine Frage, mit der sich in diesem Moment all ihre Hoffnung verbindet.

"Sehen Sie etwas?"

Fast 27 Jahre zuvor, im Januar 1988, sitzt Elke Röhrmann ein paar Hundert Kilometer weiter nördlich, in Bielefeld, einem anderen Arzt gegenüber, den sie mit weit aufgerissenen Augen anstarrt. Sie ist 24 Jahre alt, hat zwei kleine Kinder, einen liebenden Ehemann und arbeitet als Friseurin, ihr Traumberuf. Sie hat ein glückliches, erfülltes Leben. Bis jetzt. Bis der Arzt vor ihr nach einer Routineuntersuchung diese Worte ausspricht, die sie nicht glauben kann und die ihr noch heute im Kopf hängen. "Frau Röhrmann", sagt er, "Sie haben eine Erbkrankheit, Sie werden erblinden."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 49 vom 03.12.2015.

Wie unwirklich die Sätze des Arztes klingen, als er ihr erzählt, dass ihre Krankheit Retinitis pigmentosa heißt. Eine Krankheit, an der weltweit drei Millionen Menschen leiden und die ihr, wie allen anderen Betroffenen auch, nach und nach das Augenlicht rauben wird.

Er muss sich irren, sagt sich Elke Röhrmann. Niemand in ihrer Familie ist blind. Dann denkt sie nach. Sie musste schon immer eine Brille tragen, und nachts kann sie immer schlechter sehen, aber geht das nicht vielen so? Und ja, im Friseursalon hat sie in letzter Zeit hin und wieder mal den Wagen mit den Lockenwicklern umgestoßen, weil sie ihn übersehen hatte, aber das heißt doch nichts. Oder?

"Da gibt es keinen Zweifel?"

"Leider nein."

"Und keine Möglichkeit, die Krankheit zu heilen?"

Vielleicht, hofft Elke Röhrmann, gibt es ja eine Medizin, eine neue Methode, einen Arzt, der ihr helfen kann.

"Nein", sagt der Arzt.

Blindheit aufzuhalten, sie sogar zu heilen: Das klingt nach der Bibel und Jesus Christus. Nach einem Wunder. Es klingt wie etwas, das ganz und gar unmöglich ist. Denn schon das Sehen ist eine komplizierte Angelegenheit. Es beginnt mit dem Licht. Das Auge kann Gegenstände und Personen nur wahrnehmen, weil sie das Licht reflektieren. Die Lichtstrahlen treffen durch die Pupille auf die Linse und werden gebündelt auf die Netzhaut projiziert. Diese besteht aus einer Schicht von mehr als hundert Millionen Sehrezeptoren, sogenannten Stäbchen und Zapfen. Sie senden elektrische Impulse aus, die über den Sehnerv an das Gehirn weitergeleitet werden. Dort entsteht das Bild.

Hinter der Fähigkeit zu sehen verbirgt sich also eine komplexe Verbindung zwischen Auge und Gehirn. Bei Menschen, die an Retinitis pigmentosa leiden, sterben nach und nach die Stäbchen und Zapfen ab. Die Verbindung zwischen Auge und Hirn wird immer schlechter, am Ende bricht sie ganz ab.

1994, sechs Jahre nachdem Elke Röhrmann von ihrer Krankheit erfahren hat, nimmt Eberhart Zrenner, Professor für Augenheilkunde, in Bonn an einem Symposium teil. Mit rund 60 Experten, unter ihnen Augenärzte, Biologen, Gentechniker und Physiker, spricht der damals knapp 50-jährige Wissenschaftler darüber, ob und wie es möglich sein könnte, den vielen blinden Menschen auf der Welt in Zukunft wieder das Sehen zu ermöglichen. Zrenner glaubt nicht, dass diese Zukunft besonders nah sein könnte.

Die Wissenschaftler diskutieren auf dem Symposium, ob es denkbar wäre, ein elektronisches Implantat zu konstruieren, das ein blindes Auge wieder sehen lässt – so ähnlich, wie ein Herzschrittmacher das Herz wieder schlagen lässt. Zrenner hält das zunächst für unmöglich. Er sagt damals, so erinnert er sich noch heute: "Ebenso gut könnte man versuchen, ein Raumschiff zu unserem Fixstern zu schießen."

Aber vielleicht war das doch ein vorschnelles Urteil? Als Zrenner von Bonn ins heimatliche Tübingen zurückgekehrt ist, lässt ihn der Gedanke nicht mehr los. Zwar steht fest, dass Menschen, die von Geburt an blind sind, durch kein Implantat der Welt sehen können; ihr Gehirn hat nie gelernt, Sinneseindrücke der Augen zu verarbeiten. Doch bei Patienten, deren Stäbchen und Zapfen zwar zerstört sind, die aber über ein gut entwickeltes Sehzentrum im Gehirn verfügen, könnte es theoretisch funktionieren. Also bei Patienten, die an Retinitis pigmentosa leiden.