Anruf bei Udo Voigt, er war lange Zeit Vorsitzender der rechtsextremen NPD und ist seit vergangenem Jahr ihr einziger Europa-Abgeordneter: Herr Voigt, haben Sie Mein Kampf gelesen? "Ja", sagt Voigt, ohne zu zögern. Das sei zwar "bestimmt schon 40 Jahre her", erzählt der 63-Jährige, aber offenbar erinnert er sich trotzdem noch gut daran. Als er angefangen habe, sich für Politik zu interessieren, sei er eben neugierig geworden. Wie er an ein Exemplar herankam? "Ich hab’s bei Papa aus dem Bücherschrank genommen." Voigts Vater war in der SA.

Es entspinnt sich ein kleines Gespräch über den Inhalt von Mein Kampf. Und irgendwann bekennt Udo Voigt, wirklich spannend habe er das Buch nicht gefunden. "Das Einzige, was ich interessant fand, waren die Kapitel über die Kampfzeit."

Bereits in diesem Satz findet sich die Antwort auf die Frage, welche Bedeutung Mein Kampf heute für die rechte Szene hat: Es ist unwichtig und wichtig zugleich. Mit den programmatischen Teilen des Buches, in denen Hitler seinen fanatischen Rassenhass, allerlei antisemitische Verschwörungstheorien und die politischen Pläne der NSDAP ausbreitet, können die meisten Rechtsextremisten kaum noch etwas anfangen. Adolf Hitler als Person jedoch, wie er sich in Mein Kampf zum Führer stilisiert, wie er seinen Aufstieg und den der "Bewegung" heroisiert – das fesselt viele noch immer. Auf diese Weise gedeiht die NS-Nostalgie in weiten Teilen der Szene.

Auch Udo Voigt, der während des gesamten Gesprächs penibel auf seine Wortwahl achtet und jeden geschichtsrevisionistischen Zungenschlag vermeidet, rutscht letztlich doch in den Nazi-Jargon, vermutlich ohne es zu merken: "Kampfzeit" ist der Propagandabegriff, mit dem die NSDAP die Oppositionsjahre 1925 bis 1933 verklärte. Selbst wenn sie sich bemühen, schaffen es also die meisten Rechtsextremisten nicht, sich von Hitler zu emanzipieren. Faszination und Bewunderung, und sei es unbewusst oder klammheimlich, sind noch immer zu stark.

Das Verhältnis zu Adolf Hitler ist dabei genauso widersprüchlich und vielfältig wie die Szene insgesamt. Es gibt offene Hitler-Verehrer, von denen einige zu Demonstrationen mit Seitenscheitel und Hitlerbärtchen antreten. Ihre Postillen tragen Namen wie Volk in Bewegung oder Ein Fähnlein. Aber diese Leute sind eine Minderheit, selbst in der Szene macht man sich über sie lustig. Auch gibt es Rechtsrock-Bands wie Kraftschlag oder Deutsch Stolz Treu, die unverhohlen das "Dritte Reich" verherrlichen.

Relativ häufig finden sich NS-Bezüge bei den sogenannten Freien Kameradschaften. Ein nordrhein-westfälischer Aussteiger berichtet, dass sich Führungskader der Autonomen Nationalisten vor ein paar Jahren zu einem Klausurwochenende getroffen hätten, um darüber zu grübeln, was sich aus dem 25-Punkte-Programm der NSDAP von 1920 für heute ableiten lasse. Und zur Kommunalwahl 2014 in Dortmund trat die neonazistische Kleinpartei Die Rechte mit einem provozierenden Programm an: Es umfasste 25 Punkte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 49 vom 03.12.2015.

Die NPD distanziert sich deutlicher. Sie pflegt zwar eine eindeutig völkische Ideologie, doch offene Nazi-Nostalgie wird in der Partei ungern gesehen. Teils weil man zu der Einsicht gekommen ist, dass Hitler – wie man sich ausdrückt – letztlich großen Schaden über Deutschland gebracht habe. Teils aus opportunistischem Kalkül, weil man sonst fürchtet, Wähler abzuschrecken und ein Verbot durch das Bundesverfassungsgericht wahrscheinlicher zu machen. Im weiten Spektrum der Rechtspopulisten schließlich, etwa in der AfD, hat man tatsächlich wenig mit Hitler am Hut. Und die Neue Rechte bezieht sich lieber auf andere völkische Autoren wie den "Konservativen Revolutionär" Arthur Moeller van den Bruck (Das Dritte Reich, 1923).

Viele Motive, um die Mein Kampf kreist – sei es der "Schandfrieden von Versailles" oder der vermeintliche "jüdische Bolschewismus" –, sind ohnehin nur noch von historischem Interesse. Demgegenüber kommen die Feindbilder heutiger Rassisten – muslimische Einwanderer etwa oder der Islam – bei Hitler schlicht nicht vor. Hitler sah den "Mohammedanismus", wie er den Islam nannte, sogar recht positiv und lobte ihn als "unendlich vornehm" und "kolossal ritterlich". Hätten die Germanen nicht das Christentum, sondern den Islam angenommen, schwadronierte er einmal, hätten sie "die Welt damit erobert".

Zu dem Fazit, dass Mein Kampf für die extreme Rechte ideologisch kaum noch eine Rolle spielt, kam kürzlich auch das Bundesamt für Verfassungsschutz in einem internen Arbeitspapier. Ähnlich sieht es das Apabiz, das Antifaschistische Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin, das sämtliche rechtsextremen Publikationen sammelt und auswertet.

Sebastian Richter, seit Ende 2014 Bundesvorsitzender der NPD-Jugendorganisation Junge Nationaldemokraten (JN), stellt da also eher eine Ausnahme dar. 2013 hatte er im Mitteilungsblatt der JN zur Frage, welche Kampfsportart die beste sei, eine Passage zur Ausbildung der SA aus dem zweiten Band von Mein Kampf zitiert: "Boxen und Jiu-Jitsu", schrieb Richter, "sind mir immer als wichtiger erschienen als irgendeine schlechte, weil doch nur halbe Schießausbildung."

Als Devotionalie allerdings ist Mein Kampf überall in der Szene präsent. Es sei halt ein Buch, sagt Udo Voigt, "das man im Bücherschrank hat". Tatsächlich stoßen Polizisten, wenn sie bei Rechtsextremen zur Hausdurchsuchung anrücken, regelmäßig auf Mein Kampf- Ausgaben; über Antiquariate oder das Netz ist das Buch für alle, die es besitzen wollen, verfügbar. Aber, sagt Voigt, "wirklich gelesen hat’s keiner".

Mein Kampf, so beschreibt es ein ehemals hochrangiger NPD-Mann, sei ein Objekt, das Identität stifte – selbst bei Leuten, die eher als Modernisierer gelten. Hitler bleibt auch für sie ein motivierendes Vorbild. Er ist der historische Beleg dafür, als Rechtsaußen in Deutschland die Macht erringen zu können. In kindischer Geheimnistuerei werde meist nur von "dem Buch" gesprochen. Es eigne sich für verstohlene Witze, zu denen man sich komplizenhaft in die Rippen boxe, für raunende Anspielungen, mit denen man sich untereinander als eingeweiht zu erkennen gebe. Es sei umweht von der Aura des Verbotenen und stehe für maximalen Tabubruch.

In der Tat kann, wer zum Beispiel die NPD-Fraktion im Schweriner Landtag besucht, an den Wänden Sinnsprüche gegen das Rauchen und für Körperertüchtigung hängen sehen, die undeklarierte Hitler-Zitate sind. Der Aussteiger erinnert sich, dass einmal ein Mitglied des Bundesvorstandes spätabends Schnapsgläser mit eingeschliffenem Hakenkreuz herausholte und dazu die Tornisterausgabe von Mein Kampf, um auf den "Führer" anzustoßen.

Wie gespalten viele Rechtsextreme sind, zeigt auch Karl Richter. Er gilt als ein Stratege der Szene, war Chefredakteur des Theorieorgans Nation & Europa und der NPD-Zeitung Deutsche Stimme. Heute ist er Voigts Referent. Richter kann lange darüber dozieren, dass sich die extreme Rechte von Hitler lösen müsse, wenn sie erfolgreich sein wolle. "Ich bin dem Gesetzgeber überaus dankbar, dass er das Verherrlichen des Nationalsozialismus strafbewehrt", sagt er. Zugleich aber schlich Richter sich bei den Dreharbeiten zu Der Untergang als Komparse ein, ließ sich von Hitler-Darsteller Bruno Ganz die Hand schütteln und schrieb hinterher einen triumphierenden Text darüber: "Die Political Correctness ist sehr weit weg hier unten im Bunker. Das bekommt dem Film, und alle fühlen sich wohl." Die deutschen Rechtsextremen, sie kommen einfach nicht los von Hitler – und sei er nur ein Schauspieler.