Zum letzten Mal spielte Mein Kampf in den Nürnberger Prozessen 1945/46 eine wichtige politische und juristische Rolle. Ausgewählte Passagen wurden als Beweismaterial vorgelegt: Es habe bei den Angeklagten "eine hinreichende Vorkenntnis der ungesetzlichen Ziele der Nazi-Führung" gegeben, argumentierte der britische Hilfsankläger Elwyn Jones am 8. Januar 1946. Doch selbst glühende Nationalsozialisten wie Julius Streicher, der Herausgeber des Hetzblattes Der Stürmer, wollten das Buch nur teilweise gelesen haben. Dies galt auch für Albert Speer, der den Spieß sogar umdrehte. Als der russische Hilfsankläger M. Y. Raginsky ihm vorhielt, die Angriffspläne Hitlers seien in Mein Kampf doch "besonders bezüglich der Sowjetunion sehr klar umrissen" gewesen, antwortete er: "Schließlich müssen ja Ihre Diplomaten auch das Buch Mein Kampf gelesen haben, und sie haben ja auch trotzdem den Nichtangriffspakt abgeschlossen" – worauf Raginsky erwiderte: "Wir werden jetzt nicht untersuchen, wer das Buch gelesen hat und wer nicht."

Genau diese Frage allerdings wurde nach 1945 grundlegend für den Umgang mit dem Nationalsozialismus. Hatte das Buch nur eine kleine Leserschaft? Wer dies behauptete, suggerierte zugleich, es wäre manches anders gekommen, hätten die Schrift nur ausreichend viele gelesen, die daraufhin doch gewiss Ablehnung entwickelt oder sogar aufbegehrt hätten. Tatsächlich aber ist die Liste allein schon der namhaften Leser lang, auch wenn sich die Beweggründe für die Lektüre deutlich unterschieden: Da war natürlich die NS-Elite – Rudolf Heß, Joseph Goebbels, Heinrich Himmler oder Alfred Rosenberg. Aber auch Schriftsteller und Journalisten wie Gerhart Hauptmann, Mechtilde Lichnowsky, Theodor Wolff, Arnold Zweig und Klaus Mann kannten Mein Kampf, ebenso Wissenschaftler wie Albert Einstein und Politiker und Diplomaten von Theodor Heuss bis Ernst von Weizsäcker. Ernst Jünger bekam das Buch von Hitler geschenkt, Carl Zuckmayer zitierte bereits 1931 daraus. Vor 1945 gingen Anhänger wie Gegner des Regimes ganz selbstverständlich von einer breiten Rezeption aus.

Und das mit guten Gründen: 1925, als der erste Band herauskam, erschienen mehr als 50 Rezensionen. Die Frankfurter Zeitung, die Wiener Neue Freie Presse und die Neue Zürcher Zeitung besprachen es ebenso wie lokale Zeitungen und völkische Blätter. Der Ton reichte von überschäumender Begeisterung bis zu spöttischer Verachtung. In der NSDAP selbst diente das Buch bald zu internen Schulungen und zur Propaganda. Gauleiter Artur Dinter verdonnerte nach einem schwachen Wahlergebnis Anfang 1927 die NSDAP in Thüringen zu einer "nachdrücklichen Sprechabend- und Versammlungstätigkeit". Gegenstand solle "vor allem der zweite Band des Meisterwerkes unseres Führers Adolf Hitler, Mein Kampf", sein. Spätestens von 1928 an gehörte es zum Alltag der örtlichen Parteistellen, solche Lesungen zu organisieren.

Zugleich entstanden etliche staatliche Analysen zur NS-Ideologie – wobei Mein Kampf die wichtigste Quelle war. 1932 etwa verfasste das SPD-geführte Preußische Innenministerium eine mehr als 300 Seiten umfassende Studie, die eindringlich vor den Nationalsozialisten warnte. Parallel dazu entwickelte sich Anfang der dreißiger Jahre eine breite öffentliche Debatte über die aufstrebende "Bewegung". Viele Artikel und Streitschriften beschäftigten sich ausführlich mit Mein Kampf. Hitlers außenpolitische Vorstellungen wurden diskutiert, auch sein radikaler Rassismus fand beträchtliche Aufmerksamkeit. Über die antisemitische Stoßrichtung hingegen wurde oft nur am Rande gesprochen.

Schon damals zeichnete sich das Problem im Umgang mit Mein Kampf ab, auf das Albert Speer später in Nürnberg anspielte: Wie ernst war das Buch überhaupt zu nehmen?