Ein Opfer des gesetzlichen Mindestlohns könnten Nussknacker sein. Handbemalte, große Holzfiguren, die von der Holzgalanteriewarenfabrik Steinbach GmbH hergestellt werden. Das Familienunternehmen existiert seit mehr als 200 Jahren, doch Anfang Oktober musste es Insolvenz anmelden. Der Mindestlohn, erklärt Geschäftsführerin Karla Steinbach, habe ihnen das Genick gebrochen. Die Personalkosten seien um 27 Prozent gestiegen, das habe die Firma nicht verkraftet. Der Insolvenzverwalter bestätigt das. Anfang dieser Woche erhielten die meisten der 120 Angestellten ihre Kündigung. Ein Produktionsstandort im Erzgebirge wurde geschlossen. Nun sucht der Insolvenzverwalter neue Investoren, um zumindest einen Teil des Unternehmens zu retten.

Der Mindestlohn als Jobkiller – davor hatten Experten immer gewarnt. Doch die Nussknacker-Firma ist eine Ausnahme, nicht die Regel. Ein knappes Jahr nach Einführung des Mindestlohns in Deutschland zeigt sich: Die Lage am Arbeitsmarkt ist nicht desaströs, sondern phänomenal. Nichts von all dem Schlimmen, was befürchtet wurde, ist eingetreten. Haben sich die Experten geirrt? Oder kommt das dicke Ende noch?

Im vergangenen Jahr warnte das ifo-Institut, der Mindestlohn bedrohe bis zu 900.000 Stellen, das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) sprach von 600.000 Jobs, der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung immerhin von 140.000. Selbst ausgewiesene Befürworter der Lohnuntergrenze wie Joachim Möller, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, waren vorsichtig. Eine Prognose sei schwierig, erklärte er, für Westdeutschland "erscheine" die Höhe des Mindestlohns "angemessen", aber im Osten sei das "Arbeitsmarktrisiko deutlich höher". Falls sich "ungünstige Beschäftigungseffekte" abzeichneten, müsse "schnell gegengesteuert werden".

Nun haben nicht weniger, sondern weit mehr Menschen eine Arbeit als vor einem Jahr – rund 400.000 waren es im Oktober. Und schaut man nur auf diejenigen, die einen regulären, voll sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz gefunden haben, beträgt das Plus sogar 700.000. Zugleich suchen Unternehmen und öffentliche Arbeitgeber schon weitere Verkäufer, Lkw-Fahrer, Wachleute, Mechatroniker und Sozialarbeiter. Ein Index der Bundesagentur für Arbeit, der die Nachfrage nach Arbeitskräften misst, erreichte im November den höchsten Wert seit seiner Einführung im Jahr 2008. Das heißt: Wenn die Arbeitgeber könnten, würden sie sogar noch mehr Leute einstellen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 49 vom 03.12.2015.

Nur die Zahl der Minijobs hat deutlich abgenommen

Einige Gewerkschafter meinen schon, der Mindestlohn könne sogar der Grund für diesen Boom sein. Weil viele Geringverdiener nun endlich wieder mehr Geld zum Ausgeben hätten, würde die Nachfrage stimuliert, und deshalb stellten wiederum die Firmen noch mehr Leute ein. So einleuchtend das klingt, spricht doch wenig dafür. Denn der Boom hat schon lange vor Einführung des Mindestlohns begonnen. Schaut man sich viele Kurven an, mit denen Statistiker die Geschehnisse beschreiben – etwa zur Zahl der Beschäftigten oder zur Summe aller Löhne und Gehälter –, so sieht man: nichts. An dem Punkt, an dem der Mindestlohn eingeführt wurde, ist keine Veränderung erkennbar, kein Knick, kein Zacken. Es geht genauso aufwärts wie zuvor.

Lediglich die Zahl der Minijobs hat deutlich abgenommen. Von diesen Kleinstarbeitsverhältnissen (bis zu 450 Euro Bruttolohn im Monat) gibt es nun etwa 200.000 weniger. Bei vielen dieser Stellen waren auch die Stundenlöhne besonders niedrig, hier hatten Experten deshalb den stärksten Jobabbau erwartet. Doch ist dieser Abbau eben durch neue Arbeitsplätze an anderer Stelle überkompensiert worden. Das gelang selbst innerhalb typischer Niedriglohn-Branchen wie in der Gastronomie oder im Einzelhandel.

Die Experten vom Sachverständigenrat wollen dennoch keine Entwarnung geben. Es brauche Zeit, bis die Wirkung des Mindestlohns voll erkennbar sei. Tatsächlich gelten auch noch Übergangsvorschriften – so können Zeitungsboten, Erntehelfer und andere Gruppen noch bis Ende kommenden Jahres zu Stundenlöhnen unterhalb von 8,50 Euro beschäftigt werden. Viele Arbeitgeber haben gerade in der Anfangsphase auch versucht, den Mindestlohn durch allerlei Tricks zu umgehen. Beispiele dafür gab es in etlichen Branchen (siehe ZEIT Nr. 3/15 und 10/15).