Die Einfahrt zum Forschungszentrum des wohl verhasstesten Konzerns der Welt ist unspektakulär. Keine meterhohen Zäune, nirgendwo bullige Typen. Der Mann an der Pforte checkt seine Besucherliste, wünscht einen schönen Tag und gibt den Weg frei. Hinter der Pforte stehen Backsteingebäude, die einen beliebigen Industriekonzern beherbergen könnten. Der einzige Unterschied sind die riesigen gläsernen Gewächshäuser auf den Dächern.

Der Konzern heißt Monsanto und sein Forschungszentrum liegt in Chesterfield, einem Vorort von St. Louis im US-Bundesstaat Missouri. Wer den Namen des Gentechnikriesen in eine Suchmaschine tippt, stößt schnell auf Begriffe wie Frankenfood, in denen sich die Angst vieler Verbraucher vor der Gentechnik spiegelt. Weltweit lösen die Geschäfte des Konzerns Unbehagen und Ablehnung aus. Monsanto sei das "Synonym für die Macht der Großkonzerne über unsere Lebensmittel", schreiben die Aktivisten von Food & Water Watch. Greenpeace fährt seit Jahren eine Dauerkampagne gegen das Unternehmen. Und im Juni veröffentlichte Altrocker Neil Young ein Album mit dem Namen The Monsanto Years. Er singt von einem kranken Kind und einer vergifteten Ernte. Und davon, dass der Konzern die Saat des Lebens der Mutter Natur und Gott weggenommen habe.

"Das hat mich persönlich getroffen", sagt Monsantos Technologiechef Robert Fraley. Der 62-Jährige erinnert ein wenig an Kojak-Glatzkopf Telly Savalas. Seine Herkunft aus dem Mittleren Westen, wo er auf einer Farm aufwuchs, hört man ihm immer noch an. Er sei ein Fan von Neil Young gewesen, schon seit Studententagen. Eigentlich sollten Fraley und seine Kollegen Attacken gewohnt sein. Doch Youngs Protestlieder treffen den Gentechnikgiganten in einer empfindlichen Phase.

Der größte Saatguthersteller der Welt will nämlich ein neues Gesicht zeigen: Monsanto, der Retter unserer Erde. Die grüne Gentechnik, zu deren Pionieren das Unternehmen zählt, setzt auf gentechnische Verfahren bei der Züchtung von Pflanzen. Sie seien die beste Möglichkeit, die Versorgung der Weltbevölkerung zu sichern und zugleich die Umwelt zu schützen, so das Credo des Unternehmens.

Jahrzehntelang hat sich Monsanto abgeschottet. Presse war bei den Gentechnikpionieren unerwünscht. "Dokumentarfilmer haben sich routinemäßig von Monsanto-Sicherheitsleuten rauswerfen lassen. Das war die einfachste Art zu zeigen, wie übel der Konzern ist", sagt ein Umweltaktivist. Um die Allgemeinheit von der neuen Retter-Mission zu überzeugen, hat Monsanto nun begonnen, sich zu öffnen. Der Zeitpunkt der Charmeoffensive kommt nicht von ungefähr. Anfang Oktober haben 17 europäische Länder – darunter auch Deutschland – erklärt, die Aussaat von gentechnisch modifizierten Pflanzen künftig unter Strafe zu stellen. Auch in den USA – dem wichtigsten Markt für grüne Gentechnik – wächst der Widerstand. In 30 Bundesstaaten gibt es inzwischen Gesetzentwürfe, die eine Kennzeichnungspflicht vorsehen. Target, der Erzrivale der Supermarktkette Walmart, verkauft Gesundheitskost unter dem Namen Simply Balanced, die ohne Gentechnik auskommen soll.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 49 vom 03.12.2015.

Noch sind 90 Prozent der Mais- und Sojasaaten in den USA gentechnisch verändert – aber die Trends könnten Monsanto gefährlich werden. Denn geht es nach dem Konzern, wird die Landwirtschaft bald eine Hightechbranche sein, für die Monsanto das sein soll, was Apple für persönliche Elektronik geworden ist.

Technologiechef Fraley gehört zu den Pionieren der Gentechnik. 1981 kam er zu Monsanto. Mit seinem Team entwickelte er eine Methode, mit der sich Gene von Mikroorganismen mithilfe von Agrobakterien in Pflanzenzellen einschleusen ließen. Die Entdeckung gilt als größte Revolution in der Landwirtschaft, seit Justus von Liebig 1846 den Kunstdünger entdeckte, mit dessen Hilfe genügend Nahrungsmittel für die rasch wachsende Bevölkerung der Industriellen Revolution produziert werden konnten. Doch während Liebig geadelt wurde, stießen Fraleys Durchbrüche von Anfang an auf Ablehnung. "Wir haben es versäumt, den Endverbraucher zu erreichen", sagt er. In den Aufklärungslücken seien nun "Schreckensmythen" gewuchert.

Es ist nicht nur die Ablehnung der Gentechnik, die es für Monsanto schwierig macht, sich neu zu erfinden. Bis vor knapp 20 Jahren war der Name Monsanto mit Chemie verbunden – und mit den giftigsten Substanzen, die die Menschheit je erfunden hat. Gegründet hat das Unternehmen 1901 John Francis Queeny, Sohn irischer Einwanderer. Monsanto war der Mädchenname seiner Frau. Queeny produzierte zunächst Saccharin. Der Süßstoff war bis dahin aus Deutschland importiert worden. Zu den ersten Kunden gehörte Coca-Cola. Zu den Bestsellern früherer Tage zählten aber auch das inzwischen verbotene Insektizid DDT, das für Vogel- und Fischsterben sorgte, sowie das berüchtigte Entlaubungsmittel Agent Orange, das im Vietnamkrieg eingesetzt wurde.