Flüchtlinge an der mazedonischen Grenze © Reuters/Stoyan Nenov

Achille Mbembe: Er ist viele

Es gibt zwei Kants, die wir in der Gegenwart dringend brauchen. Da ist erstens der Kant, der den Menschen als Wesen mit einer souveränen Vernunft erkennt, auf der das moralische Urteil beruht. Auf diesen Kant sind wir angewiesen, weil die Leidenschaften und Affekte gegenwärtig überhandnehmen wollen und weil in den Krisen der globalisierten Welt zumeist unbegründete Ängste als Alibi für Gewaltexzesse dienen. Aber ebenso sehr brauchen wir den Kant des Ewigen Friedens, weil er der Menschheit als Weltgesellschaft einen Horizont öffnet, auf den wir gemeinsam zugehen müssen, wenn wir nicht in der planetarischen Katastrophe, in Krieg und Terror enden wollen.

Die Idee des ewigen Friedens bedeutet, dass wir uns als Gattung anstrengen können, die Erde unter all ihren Bewohnern, die ihre gemeinsamen Eigentümer sind, gerecht zu teilen. Aus afrikanischer Perspektive heißt ewiger Friede universelles Gemeingut. Dieser Kant ist zwar Europäer, aber darauf kommt es nicht an, er könnte ebenso Afrikaner, Chinese oder Inder sein, denn in allen Kulturen wird sein Gedanke der Weltgesellschaft als Eigentümergemeinschaft in Variationen gedacht. Aber dann gibt es leider noch einen dritten Kant, und der bleibt seinen europäischen und deutschen Vorurteilen verhaftet, wie man in seiner Schrift über das Schöne und das Erhabene von 1764 nachlesen kann. Kants Gedanken über die Franzosen zum Beispiel wären durchaus geeignet, die alte deutsch-französische Feindschaft wieder aufflammen zu lassen. Auch das ist Kant: Der ehrwürdige Anspruch des Universalismus scheitert, sobald es konkret wird und man das Gesicht eines Menschen vor sich hat, der so gar nicht ist wie man selbst.

Pankaj Mishra: Er sah alles voraus

Es ist ein Leichtes, Kants Eintreten für den Kosmopolitismus und die individuelle Freiheit ironisch zu belächeln. Der Philosoph kam kaum einmal aus Königsberg heraus, einer Stadt, die selbst in der deutschsprachigen Welt eine Randexistenz führte. Er starb, bevor sich die Konsequenzen der Französischen Revolution deutlicher abzeichneten. In Kants Todesjahr 1804 war der moderne, hoch militarisierte und bürokratische Staat mit seiner Zwangs-, Kontroll- und Überwachungsmacht noch im Werden. Auch gab es im frühen 19. Jahrhundert allenfalls Vorboten der modernen Konsumwirtschaft mit ihrem Klima endloser Bedürfnisse und Fantasien, die die Menschen dazu verführen, dass alle sich nach den gleichen Dingen sehnen. Auch hätte sich Kant, der optimistisch über die Befreiung des Menschen aus "selbst verschuldeter Unmündigkeit" dachte, die Herrschaft der Technologie als eines automatischen, selbststeuernden Systems, in dem individuelle Entscheidungen keine Rolle mehr spielen, nicht träumen lassen.

Gewiss, viele Philosophien erscheinen heute überholt. Der Hegelianismus, der sich erst in den Fantasien einer kommunistischen Revolution und dann in den angloamerikanischen Illusionen eines allgemeinen Triumphs der liberalen Demokratie verkörperte, steht heute in schauriger Nacktheit da. Wer könnte angesichts der Morde und Vergewaltigungen des "Islamischen Staats" noch zuversichtlich verkünden, das Wirkliche sei das Vernünftige?

Die Vision eines Wirtschaftswachstums, das Hunderte Millionen Menschen aus der Armut befreit und in konsumgeprägte Utopien emporhebt, hat nie mit ökologischen Grenzen oder der unheilvollen Macht des Ressentiments gerechnet. Überhaupt wirken die Philosophen der Aufklärung mit ihrem Glauben an einen Fortschritt und eine Vernunft, die den Menschen sozial- und polittechnisch übergestülpt werden könnten, so beschränkt wie arrogant. Die Selbstzweifel ihres Kritikers – Rousseau – sind es, die uns noch immer fesseln. Und es ist der unwahrscheinlichste und ideenreichste seiner Schüler, Kant, der uns noch immer zu belehren vermag. Kant nämlich wandte sich wie Rousseau vom blinden Vertrauen in die theoretische Vernunft und die abstrakte Wissenschaft ab und widmete sich stattdessen der komplexen Funktionsweise des moralischen Gewissens. Wie er in seinem kleinen Traktat Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht schreibt: "Wir sind im hohen Grade durch Kunst und Wissenschaft kultiviert. Wir sind zivilisiert bis zum Überlästigen zu allerlei gesellschaftlicher Artigkeit und Anständigkeit. Aber uns schon für moralisiert zu halten, daran fehlt noch sehr viel."

Zwar lebte Kant nicht in einer Welt, in der die Individuen verschiedener Nationalstaaten miteinander im Konkurrenzkampf stehen um privates Glück durch Wirtschaftswachstum nach amerikanischem Vorbild. Die Gefahren einer ethischen Unterentwicklung aber sah er sehr deutlich, solange "Staaten alle ihre Kräfte auf ihre gewaltsamen Erweiterungsabsichten verwenden und so die langsame Bemühung der inneren Bildung der Denkungsart ihrer Bürger unaufhörlich hemmen". Kant war sich sicher: "Alles Gute aber, das nicht auf moralisch gute Gesinnung gepfropft ist, ist nichts als lauter Schein und schimmerndes Elend." Heute wird von den Bürgern sogar in der relativ freien Welt wenig mehr erwartet, als dass sie in flotter Effizienz produzieren und konsumieren: Ein roboterhafter Arbeitsrhythmus und zum Ausgleich die Gier nach Gütern und Dienstleistungen sollen nicht nur persönliches Glück, sondern auch bürgerliche Tugenden hervorbringen. In einer Parodie auf das alte Ideal moralischer Autonomie ist das individuelle Selbst souverän nur in seinem Vermögen, in materiellem Erwerb und Wohlstand Genuss zu finden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 49 vom 03.12.2015.

In der weltweiten Kakofonie des Eigennutzes, die in Wirklichkeit nur einigen wenigen Privilegierten dient, droht die alte Sprache von Gemeinschaft, Bescheidenheit, Besonnenheit und Kompromiss unterzugehen. Der Liberalismus scheint das Feld der auszukämpfenden Interessenkonflikte nur immer weiter vergrößert zu haben; diese Kämpfe nehmen zunehmend verzweifelte und barbarische Formen an, die lediglich die Macht des Leviathans Staat stärken.

Kant hat diese düsteren Konsequenzen von Gesellschaften, die auf individueller Selbstverherrlichung gründen, vorhergesehen. In seiner Kritik der praktischen Vernunft schrieb er: "Das gerade Widerspiel des Prinzips der Sittlichkeit ist, wenn das der eigenen Glückseligkeit zum Bestimmungsgrunde des Willens gemacht wird." Seine Betonung des menschlichen Gewissens und des ethischen Handelns klingt in unserer globalen und vernetzten Welt viel stärker nach als im isolierten Königsberg des 18. Jahrhunderts.

Aus dem Englischen von Michael Adrian