Achille Mbembe: Er ist viele

Es gibt zwei Kants, die wir in der Gegenwart dringend brauchen. Da ist erstens der Kant, der den Menschen als Wesen mit einer souveränen Vernunft erkennt, auf der das moralische Urteil beruht. Auf diesen Kant sind wir angewiesen, weil die Leidenschaften und Affekte gegenwärtig überhandnehmen wollen und weil in den Krisen der globalisierten Welt zumeist unbegründete Ängste als Alibi für Gewaltexzesse dienen. Aber ebenso sehr brauchen wir den Kant des Ewigen Friedens, weil er der Menschheit als Weltgesellschaft einen Horizont öffnet, auf den wir gemeinsam zugehen müssen, wenn wir nicht in der planetarischen Katastrophe, in Krieg und Terror enden wollen.

Die Idee des ewigen Friedens bedeutet, dass wir uns als Gattung anstrengen können, die Erde unter all ihren Bewohnern, die ihre gemeinsamen Eigentümer sind, gerecht zu teilen. Aus afrikanischer Perspektive heißt ewiger Friede universelles Gemeingut. Dieser Kant ist zwar Europäer, aber darauf kommt es nicht an, er könnte ebenso Afrikaner, Chinese oder Inder sein, denn in allen Kulturen wird sein Gedanke der Weltgesellschaft als Eigentümergemeinschaft in Variationen gedacht. Aber dann gibt es leider noch einen dritten Kant, und der bleibt seinen europäischen und deutschen Vorurteilen verhaftet, wie man in seiner Schrift über das Schöne und das Erhabene von 1764 nachlesen kann. Kants Gedanken über die Franzosen zum Beispiel wären durchaus geeignet, die alte deutsch-französische Feindschaft wieder aufflammen zu lassen. Auch das ist Kant: Der ehrwürdige Anspruch des Universalismus scheitert, sobald es konkret wird und man das Gesicht eines Menschen vor sich hat, der so gar nicht ist wie man selbst.

Pankaj Mishra: Er sah alles voraus

Es ist ein Leichtes, Kants Eintreten für den Kosmopolitismus und die individuelle Freiheit ironisch zu belächeln. Der Philosoph kam kaum einmal aus Königsberg heraus, einer Stadt, die selbst in der deutschsprachigen Welt eine Randexistenz führte. Er starb, bevor sich die Konsequenzen der Französischen Revolution deutlicher abzeichneten. In Kants Todesjahr 1804 war der moderne, hoch militarisierte und bürokratische Staat mit seiner Zwangs-, Kontroll- und Überwachungsmacht noch im Werden. Auch gab es im frühen 19. Jahrhundert allenfalls Vorboten der modernen Konsumwirtschaft mit ihrem Klima endloser Bedürfnisse und Fantasien, die die Menschen dazu verführen, dass alle sich nach den gleichen Dingen sehnen. Auch hätte sich Kant, der optimistisch über die Befreiung des Menschen aus "selbst verschuldeter Unmündigkeit" dachte, die Herrschaft der Technologie als eines automatischen, selbststeuernden Systems, in dem individuelle Entscheidungen keine Rolle mehr spielen, nicht träumen lassen.

Gewiss, viele Philosophien erscheinen heute überholt. Der Hegelianismus, der sich erst in den Fantasien einer kommunistischen Revolution und dann in den angloamerikanischen Illusionen eines allgemeinen Triumphs der liberalen Demokratie verkörperte, steht heute in schauriger Nacktheit da. Wer könnte angesichts der Morde und Vergewaltigungen des "Islamischen Staats" noch zuversichtlich verkünden, das Wirkliche sei das Vernünftige?

Die Vision eines Wirtschaftswachstums, das Hunderte Millionen Menschen aus der Armut befreit und in konsumgeprägte Utopien emporhebt, hat nie mit ökologischen Grenzen oder der unheilvollen Macht des Ressentiments gerechnet. Überhaupt wirken die Philosophen der Aufklärung mit ihrem Glauben an einen Fortschritt und eine Vernunft, die den Menschen sozial- und polittechnisch übergestülpt werden könnten, so beschränkt wie arrogant. Die Selbstzweifel ihres Kritikers – Rousseau – sind es, die uns noch immer fesseln. Und es ist der unwahrscheinlichste und ideenreichste seiner Schüler, Kant, der uns noch immer zu belehren vermag. Kant nämlich wandte sich wie Rousseau vom blinden Vertrauen in die theoretische Vernunft und die abstrakte Wissenschaft ab und widmete sich stattdessen der komplexen Funktionsweise des moralischen Gewissens. Wie er in seinem kleinen Traktat Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht schreibt: "Wir sind im hohen Grade durch Kunst und Wissenschaft kultiviert. Wir sind zivilisiert bis zum Überlästigen zu allerlei gesellschaftlicher Artigkeit und Anständigkeit. Aber uns schon für moralisiert zu halten, daran fehlt noch sehr viel."

Zwar lebte Kant nicht in einer Welt, in der die Individuen verschiedener Nationalstaaten miteinander im Konkurrenzkampf stehen um privates Glück durch Wirtschaftswachstum nach amerikanischem Vorbild. Die Gefahren einer ethischen Unterentwicklung aber sah er sehr deutlich, solange "Staaten alle ihre Kräfte auf ihre gewaltsamen Erweiterungsabsichten verwenden und so die langsame Bemühung der inneren Bildung der Denkungsart ihrer Bürger unaufhörlich hemmen". Kant war sich sicher: "Alles Gute aber, das nicht auf moralisch gute Gesinnung gepfropft ist, ist nichts als lauter Schein und schimmerndes Elend." Heute wird von den Bürgern sogar in der relativ freien Welt wenig mehr erwartet, als dass sie in flotter Effizienz produzieren und konsumieren: Ein roboterhafter Arbeitsrhythmus und zum Ausgleich die Gier nach Gütern und Dienstleistungen sollen nicht nur persönliches Glück, sondern auch bürgerliche Tugenden hervorbringen. In einer Parodie auf das alte Ideal moralischer Autonomie ist das individuelle Selbst souverän nur in seinem Vermögen, in materiellem Erwerb und Wohlstand Genuss zu finden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 49 vom 03.12.2015.

In der weltweiten Kakofonie des Eigennutzes, die in Wirklichkeit nur einigen wenigen Privilegierten dient, droht die alte Sprache von Gemeinschaft, Bescheidenheit, Besonnenheit und Kompromiss unterzugehen. Der Liberalismus scheint das Feld der auszukämpfenden Interessenkonflikte nur immer weiter vergrößert zu haben; diese Kämpfe nehmen zunehmend verzweifelte und barbarische Formen an, die lediglich die Macht des Leviathans Staat stärken.

Kant hat diese düsteren Konsequenzen von Gesellschaften, die auf individueller Selbstverherrlichung gründen, vorhergesehen. In seiner Kritik der praktischen Vernunft schrieb er: "Das gerade Widerspiel des Prinzips der Sittlichkeit ist, wenn das der eigenen Glückseligkeit zum Bestimmungsgrunde des Willens gemacht wird." Seine Betonung des menschlichen Gewissens und des ethischen Handelns klingt in unserer globalen und vernetzten Welt viel stärker nach als im isolierten Königsberg des 18. Jahrhunderts.

Aus dem Englischen von Michael Adrian

Er war kein Träumer

Donatella Di Cesare: Er war kein Träumer

Der Krieg in Syrien, die Terroranschläge von Paris: Der Krieg ist niemals aus unserem Universum verschwunden. Für viele scheint der Krieg gar ein bitteres Medikament zu sein, das einer periodisch kranken Menschheit verabreicht wird. Und nun scheint sich der Krieg auch noch zu verselbstständigen. Die endlose Aufrüstung der Menschheit scheint das einzige Mittel zu sein, um der Apokalypse vorzubeugen.

Müssen wir nicht auf Kants Ewigen Frieden resigniert, ja geradezu mit Zynismus zurückblicken? Oder behält seine berühmte Schrift die brisante Kraft des Klassikers? Es wäre ein Fehler, Kant für einen Utopisten zu halten. Im Gegenteil, sein Projekt entstand aus einer unnachgiebigen Kritik der Vernunft, einer tiefen Betrachtung der Geschichte und einem intensiven Nachdenken über die Zukunft. Bereits in seiner Theorie des Himmels schrieb er, dass der Mensch das verachtungswürdigste unter allen Geschöpfen wäre, "wenn die Hoffnung des Künftigen ihn nicht erhübe". Gerade weil Kant die Vernunft als eine endliche versteht, sieht er die Notwendigkeit des Friedens. Das heißt: Der Frieden hat nur dort Sinn, wo die endliche Vernunft ihre moralische Bestimmung erkennt und ihre kosmopolitische Berufung entdeckt. Deshalb ist das Projekt des "ewigen Friedens" auch das Herzstück von Kants Unternehmen.

Kant machte sich keine Illusionen darüber, dass Konflikte unser Leben prägen. Nicht zufällig sprach er von der "ungeselligen Geselligkeit", und sie war für ihn der geheime Stachel des Fortschritts. Kants Haltung gegenüber dem Krieg ist daher ambivalent. Einerseits ist der Krieg die Erscheinung des "radikalen Bösen". Andererseits ist er ein, wenn auch illegitimer, Konflikt, der als solcher unvermeidbar ist. Kants Schrift Zum ewigen Frieden gibt eine Warnung aus: Wird die "Gesellschaft der Nationen" den Frieden nicht erlangen, dann herrscht der Frieden der Toten. Und der Planet wird zum Friedhof der Menschheit.

Kant unterbricht die jahrhundertelange Allianz zwischen Krieg und Philosophie, indem er konsequent den Frieden denkt. Doch der Frieden ist kein Finalzustand, sondern ein endlos zu verfolgendes Ziel. Als temporäre Niederlage des Krieges und als Revanche der Ethik an der Politik wird der Frieden zu einer Grenzidee, ja mehr noch: Er wird beinahe zu einem Unvorstellbaren. So akzeptiert Kant, dass der Krieg dem Frieden vorangeht. Der Krieg ist die Arché, der vitale Anfang, während es der Frieden riskieren muss, mit dem Ende, mit dem Tod verbunden zu werden.

Ist es möglich, aus diesem Teufelskreis auszusteigen? Man sucht nach Frieden, indem der nächste Krieg vorbereitet wird. Ist ein anderer, ein an-archischer Frieden möglich? Ein Frieden, der dem Krieg das Kommando entzieht? Nach der Schoah, nach den Massengenoziden und Präventivkriegen ist die Philosophie aufgerufen, den Frieden anders zu denken. Und zwar im Anschluss an Kant. Dabei kann der Frieden weder auf den Krieg gegründet noch ans totale Ende geschoben werden. Es gilt, einen Frieden zu denken, der die Kriege und ihre Ordnung unterbricht – einen Frieden, der ohne Befehl in die Beziehung zum Anderen (zum Feind, zum Fremden) einbricht und wo der Andere als jenes Jenseits anerkannt wird, das uns allein über den Krieg hinausbringen kann.

Er ist unbrauchbar

Raymond Geuss: Er ist unbrauchbar

Kant hat dem Problem des "ewigen Friedens" einen bedenkenswerten Aufsatz gewidmet, doch seine Ausführungen setzen einen Vernunftbegriff voraus, der unhaltbar ist. Kant glaubte nämlich, es gebe eine von allen menschlichen Gruppen geteilte Vernunft, die inhaltlich bestimmte, normativ verbindliche Vorschriften hervorbringen könnte. Doch so eine Vernunft gibt es nicht. Die Konflikte in Afghanistan und im Nahen Osten haben uns drastisch vor Augen geführt, dass die praktische Vernunft niemals absolut ist, sondern – anders als Kant glaubte – immer nur in kulturellen Kontexten auftritt. Dass man den Terrorismus nicht durch Argumente allein beseitigt, ist klar; schwerwiegender ist, dass wir ihn nicht einmal als "unvernünftig" widerlegen können. Terroristen kann man als grausam, unmenschlich, fanatisch und so weiter anprangern, wer kann aber zeigen, dass ihr Verhalten "unvernünftig" ist?

"Die Vernunft", wie sie von Kant verstanden wird, ist gerade kein "Faktum", sondern ein Irrlicht, das uns ständig zu falschem Handeln verführt: Denn wer "die Vernunft" absolut setzt, verabsolutiert den eigenen Standpunkt. Angesichts der Frage, wie die Erde für kompliziertere Lebensformen überhaupt bewohnbar bleiben kann, gleicht Kants obsessive Beschäftigung mit der menschlichen Freiheit einer philosophischen Macke. Sein Freiheitsbegriff kleidet einen äußerst ärmlichen Inhalt in ein schillerndes, üppig barockes Gewand, wobei er seine minimale Plausibilität eher der Feinheit seines Gewebes als seiner Stichhaltigkeit verdankt. Dass Freiheit nicht als transzendentaler Rahmen des menschlichen Lebens auftreten kann, heißt natürlich nicht, dass wir automatisch auf alle unsere kleinen "Freiheiten" verzichten müssen. "Freiheit" ist schließlich der Schlachtruf der Neoliberalen geworden, und diese Tatsache als ein bloßes Missverständnis abzutun greift entschieden zu kurz.

Dass Kants Überlegungen zum "ewigen Frieden" unbrauchbar sind, ist kein Argument gegen die Dringlichkeit einer neuen Friedenspolitik. Wir brauchen eine sinnvolle und langfristige Zielsetzung für die Politik der EU. Sie muss sowohl eine internationale Friedenspolitik als auch eine ökologisch begründete Überlebensstrategie im planetarischen Maßstab enthalten. Mit oder (besser) ohne Kant.

Mohamed Turki: Er ist unverzichtbar

Immer wieder haben die Verfechter von Strukturalismus und Postmoderne den "Tod des Menschen" ausgerufen, wahlweise auch das "Ende des Humanismus" oder das "Ende der Geschichte". Doch tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. In den Ländern des Arabischen Frühlings haben sich die Völker gegen patriarchalische Herrschaftsregime aufgelehnt und für die Verwirklichung eines menschenwürdigen Lebens gekämpft. Individuen und Gruppen können also sehr wohl in den Lauf der Geschichte eingreifen und jene Ideale mit Leben erfüllen, welche von Kants Lehre und vom Geist der Aufklärung inspiriert wurden.

Deshalb hat Ernst Bloch recht: Kants Idee von der Autonomie des Subjekts ist "nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Das ist conditio sine qua non." Ebenso gültig ist Kants kategorischer Imperativ, der angesichts der Flüchtlinge derzeit auf die Probe gestellt wird. Und doch hat die Solidaritätswelle der deutschen Zivilgesellschaft bewiesen, wie ernst diese Kantschen Prinzipien genommen und wie konsequent sie in die Tat umgesetzt werden. Dasselbe gilt für die mühsamen politischen Verhandlungen, die – zum Beispiel im Nahen Osten – endlich den Frieden bringen sollen. Dass die Kontrahenten zu der Einsicht gekommen sind, nach Friedenslösungen zu suchen, anstatt die Waffen sprechen zu lassen, wäre undenkbar ohne den Bezug auf Kants Projekt des "ewigen Friedens". Gerade jetzt, wo der Terror vor keiner Grenze haltmacht und Europa erreicht hat, ist es dringender denn je, an die Kraft der Vernunft zu glauben, um Kants Projekt nicht aus dem Auge zu verlieren.

Kurzum, bei allem Verständnis für die postmoderne Kritik an den Auswüchsen der westlichen Rationalität darf man das Kind nicht mit dem Bade ausschütten und eine Aufhebung dieses "noch unvollendeten Projekts" der Moderne fordern. Eine Rückbesinnung auf Kants Kritikprogramm kann bei der Korrektur unserer modernistischen Lebenswelt behilflich sein und uns unsere moralische Verantwortung vor Augen führen.

Er steht für das Recht

Kenichi Mishima: Er steht für das Recht

Menschenrechte können notfalls auf dem Rechtsweg verteidigt werden. Das ist in unseren Breitengraden Voraussetzung für ein zivilisiertes Zusammenleben. Ob sich aber alle Bürger, etwa in Japan oder Deutschland, in ihrer Menschenwürde anerkannt fühlen, das steht auf einem anderen Blatt. Viele arbeiten unter prekären Bedingungen.

Das Missverhältnis zwischen Arm und Reich, zwischen Unten und Oben wird noch viel größer, sobald wir unsere zivilisierte Komfortzone verlassen – der Unterschied zwischen unserem Leben "drinnen" und dem Leben "draußen" schreit zum Himmel. Denken wir an die Katastrophen auf dem Mittelmeer oder die vor der Küste Malaysias. Oder denken wir an die Opfer der endlosen Kette von Bürgerkriegen auf fernen Kontinenten. Es scheint so, als brauche der zivilisierte Teil der Welt an seinen Rändern unzivilisierte Gewaltverhältnisse – Gewaltverhältnisse, die, wie in Paris, inzwischen auch in unserer unmittelbaren Nähe explodieren können. Ein Blick auf die Güter-, Geld- und Machtzirkulation zwischen unserem Innen und dem Außen, vor allem den Handel mit Waffen, zeigt jedenfalls, dass die Zivilisation in ihrem Keller viele Leichen versteckt.

Klar, wir können unser Gewissen beruhigen. Wir können sagen, dass das Netz von Rechtsgarantien weltweit wächst und internationale Organisationen durchaus einen gewissen Schutz bieten. Aber sollen wir wirklich glauben, dass unser Reichtum irgendwann allen gleichmäßig zugutekommt? Ist dieses neoliberale Versprechen nicht längst widerlegt?

Kant beharrt auf dem Universalismus der Rechte. Menschenrechte und Menschenwürde sollten irgendwann überall gelten, auf der ganzen Welt. Es gibt leider genug Grund zum Verzweifeln. Offensichtlich denken wir nicht abstrakt genug, jedenfalls nicht so abstrakt wie Kant; wir denken noch immer viel zu konkret und selektiv. Anders als Kant fühlen wir uns von Rechtsverletzungen in einer fernen Weltregion weniger betroffen als von denen in unserer geografischen Nähe. Uns fehlt die Kraft der Fantasie: Wir können uns noch nicht klar genug vorstellen, was Rechtsgleichheit und gleiche Würde für "jedweden" Menschen bedeuten. Wenn wir diese Fantasie besäßen, dann müssten wir auf alle Rechtsverletzungen mit der gleichen Empörung reagieren, ob fern oder nah. Wir müssten die Einhaltung der Rechte einklagen, überall auf der Welt, in einem nüchternen Appell ohne erhobenen Zeigefinger. Übrigens: Kant sah in der Fähigkeit, zu fernem Unrecht "uneigennützig" Stellung zu nehmen oder für seine Bekämpfung eigene Nachteile in Kauf zu nehmen, einen Beweis für das "Fortschreiten zum Besseren".

Ágnes Heller: Er lässt uns die Wahl

So wie die Ethik des Aristoteles in allen vormodernen Gesellschaften richtungsweisend war, so behält die Kantsche Ethik in allen modernen Gesellschaften ihre Gültigkeit – unabhängig von Zeiten und Kulturen. Diese Feststellung provoziert sofort einen Einwand: Wie sollen wir heutzutage noch zwischen Guten und Bösen unterscheiden?

Es gibt in der modernen Welt viele unterschiedliche Kulturen und Begriffe des Guten. Aus diesem Grund ist es für uns unmöglich geworden, die Moralität auf einen einheitlichen Begriff des Guten zu gründen. Auch die Berufung auf moralische Gefühle hilft uns nicht weiter. Zum einen sind diese Gefühle immer subjektiver geworden; andererseits sind auch Gefühle von unterschiedlichen Begriffen des Guten geprägt. Wie kann man trotzdem ein normatives Zentrum finden, das uns erlaubt, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden? Ich denke, dass Kants berühmter kategorischer Imperativ dieses Zentrum bilden kann. Kant sagt: "Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person als auch in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst."

Ohne Schwierigkeiten können wir mithilfe dieses Imperativs beurteilen, wie weit sich ein Mensch vom moralischen Zentrum entfernt hat. In rein funktionalen Verhältnissen, etwa beim Kauf eines Fahrscheins, geht es nicht um eine Wahl zwischen Gut und Böse – solche Situationen sind moralisch gleichgültig. Doch wenn es um das Leben, die Wohlfahrt und die Würde anderer Menschen geht, sind die Verhältnisse nie vollständig funktional. Genau das zwingt uns, zu prüfen, inwieweit unsere Entscheidungen das Leben, die Wohlfahrt und die Würde anderer Menschen betreffen.

Auch dabei können wir uns umstandslos auf Kant berufen. Wir müssen nur seinen drei Normen des gesunden Menschenverstandes folgen: Wir müssen mit dem eigenen Kopf denken, wir müssen vom Standpunkt der anderen aus denken, und wir müssen konsistent denken. Diese Normen sind die Normen der Aufklärung. Gewiss ist es schwer, sie heute zu befolgen, aber nicht schwerer als in Kants Zeiten. Dasselbe gilt auch für die moralische Autonomie. Die Bedingungen haben sich geändert, aber die Aufgabe bleibt. Kant hatte auf eine aufgeklärte Menschheit gehofft. Doch die universale Aufklärung und der ewige Frieden waren Utopien, und sie werden auch Utopien bleiben. Ebendeswegen bleibt Kants Ethik gültig.

Er ruht in Frieden

Bruno Latour: Er ruht in Frieden

Es ist immer sympathisch, einen großen Philosophen zu feiern. Aber ich kann mir nicht helfen: Ich finde es bedauerlich, dass man nicht längst mit großem Pomp die Beerdigung der Kantschen Philosophie nach zwei Jahrhunderten einer allzu langen Herrschaft gefeiert hat. Denn mit der Herrschaft dieser Philosophie über die europäischen Geister ist es wie mit der Herrschaft des Kaisers Franz Joseph über den kaiserlich-königlichen Vielvölkerstaat, der einst das von Musil beschriebene Kakanien bildete: beständig und mächtig genug, um den Eindruck eines unveränderlichen und ewig währenden Gebäudes zu erwecken, aber nicht innovativ genug, um den eigenen Zusammenbruch zu verhindern.

Kants Genie bestand darin, dass er einen Weg fand, sämtliche europäischen Innovationen der vorausgegangenen zwei Jahrhunderte zu einem System zusammenzufassen, wobei er es aber für immer unmöglich machte, zu den Postulaten zurückzukehren, auf denen diese Innovationen basierten. Das sollte sich als verheerend erweisen. Vor allem gilt dies für die Trennung zwischen dem Reich der Notwendigkeit und dem Reich der Freiheit. Diese Trennung konnte fortan nicht mehr der Kritik unterzogen werden. Moral, objektives Wissen und Kunst gingen getrennte Wege, und die Nachfolger mussten ihre ganze Kraft darauf verwenden, aus dieser so teuflisch gestellten Falle wieder herauszukommen.

Ausgerechnet das Instrument der Kritik machte die Kritik des europäischen Projekts unmöglich. Kant sorgte dafür, dass die Aufspaltung der Natur in Subjekt und Objekt, in Sollen und Sein genau in dem Augenblick unsichtbar wurde, da es den Europäern, die gerade in industrielle, ökologische und politische Revolutionen verstrickt waren, eigentlich hätte möglich sein müssen, auf ihre eigenen Voraussetzungen zurückzukommen. Von nun an verstellte Kants Definition der Aufklärung alle wesentlichen Fragen, die sich aus der weltweiten europäischen Expansion ergaben. Zwei Jahrhunderte danach geben uns die massiven ökologischen Veränderungen glücklicherweise die Chance, die verlorene Zeit aufzuholen, die Kritik wiederzubeleben und endlich die aufgeschobenen, von der Aufklärung gestellten Fragen wieder aufzugreifen. Dem frommen Andenken an diese große Philosophie wollen wir das Einzige wünschen, was hier der Anstand gebietet: dass sie in Frieden ruhen möge. Requiescat in pace.

Aus dem Französischen von Michael Bischoff

Vladimir Kantor: Er ist lebenswichtig

Ich denke, dass die Epoche der Aufklärung längst zu einer Tatsache unseres Bewusstseins geworden ist. Sie ist für uns eine große Epoche, wie andere auch, etwa wie die Antike und die Renaissance. All diese Epochen gehören zur spirituellen Erfahrung der Menschheit.

In Was ist Aufklärung? formuliert Immanuel Kant Ideen, die die Zeit ihrer Entstehung überdauert haben. Im Mittelpunkt steht dabei die Vorstellung, die künftige Menschheit werde sich nach dem Vorbild der europäischen Zivilisation entwickeln. Doch von Anfang an muss Kant klar gewesen sein, welche Schwierigkeiten er sich mit dieser Position einhandelt. Er wusste, dass nur wenige Menschen in der Lage sein würden, wie ein Erwachsener zu handeln. Der Adressat seines Textes war das öffentliche Publikum, wobei es Kant durchaus bewusst war, dass sogar im gebildeten Teil der Gesellschaft viele Leute "gerne zeitlebens unmündig bleiben" würden. Mit anderen Worten: In der Realität neigte sich die Waage eher auf die Seite der Unmündigkeit. Deshalb konnte Kant nur hoffen, die Gesellschaft möge sich insgesamt so entwickeln, dass sie erwachsen wird. Nicht nur eine Minderheit, sondern alle Menschen sollten irgendwann fähig sein, in Freiheit ihren eigenen Verstand zu gebrauchen.

Doch das 20. Jahrhundert brachte den Aufstand der Massen, und eine Masse wird immer durch die Meinungen anderer Menschen beeinflusst. Je größer die Masse, desto weniger Menschen bedienen sich ihres eigenen Verstandes. Wie Elias Canetti in seiner Abhandlung Masse und Macht gezeigt hat, sucht die Masse den Führer. Oder wie große russische Dichter Fjodor Dostojewski schrieb: Der Mensch sucht den Führer aus Angst vor der Freiheit, denn Freiheit bedeutet für ihn Verantwortung. Dostojewski wollte nicht das Ideal der Mündigkeit kritisieren; er zweifelte daran, dass die Menschen in ihrer großen Mehrheit in der Lage sind, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.

Der Großinquisitor in Dostojewskis Roman Die Brüder Karamasow hat Christus vorgeworfen, seine große Idee könne nur von wenigen gelebt werden. Keine zehntausend könnten ihm nachfolgen und ihr Leben für ihn opfern. Christus habe schließlich gesagt: "Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt." Das ist die berühmte biblische Formel – und sie zeigt in der Tat, dass höhere Ideen für die Mehrheit unzugänglich sind.

Die totalitären Regime des 20. Jahrhunderts, der Bolschewismus und der Faschismus, wollten die Menschen zurückstoßen in den schrecklichen Zustand permanenter Kindheit. Gerade im Nationalsozialismus, so der Soziologe Karl Mannheim, verhielten sie sich wie Kinder, die einen geliebten Menschen verloren haben oder sich auf der Straße unsicher fühlen: Sie waren bereit, sich von dem Erstbesten führen zu lassen. Mit einem Wort: Kants Ideen bleiben lebenswichtig für uns. Allerdings glaube ich, dass Europa im 21. Jahrhundert Kants Ideen erst noch verwirklichen muss, sofern es überhaupt Europa bleiben will.

Er ist Chinese

Wang Hui: Er ist Chinese

Immer wieder ist in China der Versuch gemacht worden, Immanuel Kant aus der Tradition des Konfuzianismus beziehungsweise des Buddhismus heraus zu verstehen und seine Theorie auf Reformen und revolutionäre Politik anzuwenden. Liang Qichao, einer der Wortführer der Reformbewegung nach 1898, rühmte Kant als den "größten Philosophen" und forderte, die Anwendung der Ratio müsse den Zwecken der Ethik unterworfen sein. Dabei zitierte er den konfuzianischen Gelehrten Lu Xiangshan: "Um den östlichen wie um den westlichen Ozean leben Heilige, deren Herzen sich einander gleichen wie deren Vernunft." Auch Mao Zedong hatte Kant gelesen und meinte, dessen Ethik stimme im Kern mit Konfuzius’ "Lehre der Menschlichkeit" überein. Auch gebe es eine große Ähnlichkeit zwischen Kants Vernunftbegriff und dem Konzept einer "Vernunft des Himmels" (tianli).

Bis heute hat Kant in China nichts von seiner Bedeutung verloren, im Gegenteil: Je mehr die Menschen die Moderne auf deren Grenzen hinterfragen, desto mehr kommen sie – zuweilen vermittelt über die Machtkritik von Foucault – auf Kants Philosophie der Aufklärung zurück. Auch seine Schrift Zum ewigen Frieden wird immer noch viel diskutiert. Dabei scheint selbst die Kritik an Kant von kantischem Geist geprägt zu sein. Als der französische Philosoph Jacques Derrida 2001 Peking besuchte, wurde er auf das Verhältnis von Dekonstruktivismus und Kants Aufklärungsphilosophie angesprochen. Derridas Antwort war klar und stieß auf große Zustimmung: Die Philosophie der Dekonstruktion sei zwar eine Kritik an der Aufklärung, nicht jedoch deren Negation. Sie setze das Erbe fort – den Geist des "bedingungslosen Hinterfragens".

Aus dem Chinesischen von Shi Ming

Robert B. Brandom: Er denkt die Freiheit

Kant verstand uns als Lebewesen, die sich in einem normativen Raum der Gründe bewegen. Dieser normativen Konzeption von Subjektivität zufolge unterscheiden sich unsere Urteile und Handlungen von den Reaktionen bloß natürlicher Wesen dadurch, dass wir einen normativen Status einnehmen, wenn wir urteilen und handeln: Wir legen uns fest und verpflichten uns damit selbst – wir machen uns verantwortlich. Unter anderem sind wir essenziell dafür verantwortlich und dazu verpflichtet, dass wir Gründe für das haben, was wir glauben und was wir tun.

Wir sind durch eine entsprechende normative Beurteilung unserer Gründe angreifbar – und genau das zeichnet uns aus, denn es ist Ausdruck unserer Autorität, uns selbst verantwortlich zu machen. Kant analysiert dieses Vermögen zur Verpflichtung als das Vermögen, uns selbst durch Regeln zu binden, worunter er Begriffe versteht. Es ist meine Sache, ob ich mich darauf festlege – und das heißt, ob ich mich darauf verpflichte –, dass eine bestimmte Münze aus Silber ist. Wenn ich es aber tue, ist es nicht mehr meine Sache, worauf ich mich damit sonst noch verpflichtet habe – zum Beispiel darauf, dass die Münze bei 962 Grad Celsius schmelzen würde. Hatte sich die gesamte Tradition seit Descartes um unseren Zugriff auf Begriffe gesorgt ("Ist der Begriff klar? Ist er deutlich?"), so bestand für Kant die Frage in ihrem Zugriff auf uns: Was heißt es, dass wir fähig sind, uns selbst durch Begriffe zu binden, wenn wir unter Begriffen Regeln verstehen, die bestimmen, welche Verpflichtungen ("Dieser Ring ist aus Silber") Gründe für welche anderen Verpflichtungen ("Also schmilzt er bei 962 Grad") darstellen?

Ein wesentlicher Bestandteil von Kants normativer Wende ist seine radikal originelle Auffassung von Freiheit. Das Ungewöhnliche an seiner Theorie ist, dass er mit einer positiven statt mit einer negativen Konzeption von Freiheit aufwartet. Es handelt sich mithin nicht um die Freiheit von irgendwelchen Beschränkungen, sondern um eine Konzeption der Freiheit, etwas zu tun. Kant versteht auch die Freiheit als normative (und nicht als kausale) Größe: als eine Form von Autorität. Genauer handelt es sich um die Autorität, uns selbst normativ verantwortlich für das zu machen, was wir denken und tun. Freiheit ist das Vermögen, uns selbst durch Normen zu binden.

Das klingt nur scheinbar paradox. Normative Beschränkungen unterscheiden sich nämlich von kausalen Zwängen (wie sie etwa durch Naturgesetze gegeben sind) darin, dass wir nur durch Normen gebunden sind, an die wir uns selbst gebunden haben, durch Verpflichtungen und Verantwortungen, die wir selbst übernommen haben, indem wir von unserer Autorität Gebrauch machten. Positive Freiheit als Autonomie heißt, dass man über die Autorität verfügt, sich zu verpflichten, sich verantwortlich zu machen. Freiheit als diese Art von normativer Autorität ist rationale Freiheit. Denn sich durch Normen zu binden heißt, dass man sich selbst angreifbar macht für eine normative Bewertung der Güte der eigenen Gründe für die Verpflichtungen, die man eingegangen ist. Diese Konstellation von Ideen über die wechselseitigen Beziehungen zwischen Normativität, Subjektivität, Vernunft und Freiheit bildet das Herzstück des Kantschen Denkens – das, was Heidegger im Sinn hatte, als er von der "Würde und geistigen Größe des Deutschen Idealismus" sprach. Es sind Ideen, die heute noch wichtiger sind als zu Zeiten Kants.

Aus dem Englischen von Michael Adrian