Sechs ZEIT-Redakteure berichten von ihren denkwürdigen Erfahrungen als Doktoranden.

1. Singsang der Engel

Meine Doktorarbeit war wie drei Jahre Weihnachten. Nicht wegen der 200.000 Mark, die wir vom Steuerzahler für unsere Quantenoptik-Experimente geschenkt bekamen. Sondern wegen des Lichts. Rot, gelb, grün funkelten die Laser im abgedunkelten Labor. Im Surren der Vakuumpumpen konnte man mit Fantasie den Singsang der Engel hören.

Allerdings waren die wenigsten von uns Physikern religiös, und so bleibt vor allem die Erinnerung an viel Arbeit bei wenig Sonnenlicht. Ich aß damals kistenweise Kieler Sprotten, um den eingebildeten Vitamin-D-Mangel auszugleichen. Und türkische Pizza vom Imbiss, weil die Supermärkte längst geschlossen waren, wenn wir das Institut verließen. Ich will nicht jammern, es war eine freie Entscheidung. Aber die Lasermediziner im Labor nebenan hatten irgendwie mehr Spaß. Sie experimentierten mit Schweineaugen vom Schlachter und konnten auf Partys stundenlang über das Augenlasern erzählen. Die machten was Nützliches. Ich promovierte über das Polarisationsgradientenkühlen eines langsamen Atomstrahls. Mein Fachartikel dazu (bit.ly/RAUPHYS) wurde bis heute fünfmal zitiert.

Manchmal war ich auch auf einer Party. Und was machst du so? Ich murmelte etwas von Schrödingers Katze und wechselte das Thema. Trotzdem, ich bereue nichts, denn so konnte ich meinen ersten Artikel für die FAZ schreiben und Journalist werden. Es ging um Schrödingers Katze.

Dr. Max Rauner

2. Schiffbruch

Ein Goethe, dem etwas nicht glückt, dem etwas entgleitet: interessant! Promotionsthema! Als junger Mann wollte er einen Roman über das Weltall schreiben, das war 1781, aber aus diesem Kosmos-Plan ist nichts geworden. Er hat es als 50-Jähriger noch mal anders versucht, als poetische Naturlehre, aus der wurde auch nichts. Und als sich der fast 60-jährige Goethe an die Wahlverwandtschaften setzte, wuchs sich die geplante kleine Novelle bis 1809 plötzlich zu einem Roman aus, zu dem der Autor, ganz untypisch, alle Unterlagen vernichtete. Man möge ihm einen schiffbrüchigen Goethe zeigen, hat der Philosoph Ortega y Gasset dann 1932 gefordert, guter Plan: Dem Goethe, über den die beschleunigte Moderne so rasant hereinbricht, dass er sie fast nicht mehr zu gestalten vermag, dem wollte ich nachgehen, in aller Ruhe. Mich in die Quellen versenken, Stützpunkt Staatsbibliothek Berlin, hatte ja zwei Jahre Zeit, mit Stipendium.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 49 vom 03.12.2015.

Das war kurz vor 1989. Dann allerdings schüttelte sich die Welt, es war plötzlich Herbst, die Mauer ging auf. Mich in die Quellen vergraben? Wie denn? Meine Funde versanken im tanzenden Chaos des neuen Berlins. Bis mich die Verzweiflung packte, das Geld war zu Ende, und nichts war geschrieben. In Goethes Tagebüchern der Napoleonischen Jahre steht einiges über das Chaos einer Epochenwende, und wie schwer es sein kann, morgens aufzustehen, überhaupt irgendetwas geschrieben zu kriegen, immer ist das Geschehen stärker als der Gedanke. In diesen Notizen las ich mich fest. Las dann vorwärts und rückwärts ins Werk, die Erschütterung wurde zum roten Faden. Dieser Goethe, der wirkliche, der ratlose, erschütterte, unausgeschlafene, war der Mann der Stunde. Sein Werk stand offen. Das Schreiben ging plötzlich leicht.

Ich fasse zusammen: Eine Doktorarbeit gibt Halt.

Dr. Elisabeth von Thadden

3. Der gute alte Doktor

Eigentlich war schon alles vorbei. Die Doktorarbeit in Ökonomie angenommen, die mündlichen Prüfungen bestanden, die Publikation vorbereitet. Was noch fehlte, war die feierliche Ernennung.

Ich hatte große Erwartungen, schließlich hatte ich ein gutes Jahr zuvor eine Graduierung an einer amerikanischen Universität erlebt – in einer knöchellangen schwarzen Akademikerrobe, mit verzierter Graduierungskappe auf dem Kopf. Um mich herum Hunderte Mitstudenten auf weißen Stühlen. Da gab es große Reden, viel Applaus, eine ganze Serie von Feiern. Ein akademischer Rausch.

In Köln Anfang der Neunziger war es, vorsichtig gesagt, nicht ganz so. Der Saal sah aus wie ein deutscher Gerichtssaal aus der Wirtschaftswunderzeit. Und die Zeremonie bestand vornehmlich darin, dass der wunderbare Dekan Karl-Heinrich Hansmeyer eine Ansprache hielt. Hansmeyer erklärte seinen Zuhörern, dass die neuen Damen und Herren Doktoren einen wichtigen Schritt in ihrem akademischen Leben bewältigt hätten. "Der Prof", wie er selbstironisch erklärte, der Professorentitel also, sei zwar ganz schön ramponiert. Zu viele HCs, zu viele Skandale. Aber der Doktor, der sei noch ganz intakt, untadelig, einwandfrei. Ein Ausweis großer Leistung. Dann erhielten wir unsere amtlich-schlichte Urkunde. Das war’s.

Auch wenn das Ambiente düster war und der Saal halb leer, auch wenn keiner einen Hut schmiss, Hansmeyer gab uns das Gefühl, etwas Besonderes vollbracht zu haben. Und heute? Ist "der Doc" der ramponiertere von den beiden Titeln. Und um diesen Nachteil auszugleichen, brauchte man schon eine große, pompöse Doktorfeier.

Dr. Uwe Jean Heuser