Wenn wir Menschen leiden sehen, empfinden wir Mitleid. © Antoine Antoniol/Getty Images

DIE ZEIT: Professor Bloom, Sie erforschen den Unterschied zwischen Empathie und Mitgefühl. Was war Ihre erste Reaktion, als Sie von den Anschlägen in Paris hörten – Empathie oder Mitgefühl?

Paul Bloom: Ich glaube, mir ging es ähnlich wie vielen Menschen: Man wird automatisch von allen möglichen Gefühlen überschwemmt, Schrecken, Angst, Wut, Besorgnis und Mitgefühl mit den Opfern. Wir Amerikaner wissen ja, wie man sich in einer solchen Situation fühlt. Aber weil ich mich als Psychologe auch berufsmäßig mit diesen Gefühlen befasse, bin ich zugleich innerlich einen Schritt zurückgetreten und habe mir überlegt, welche Gefühle wirklich hilfreich sind in dieser Situation.

ZEIT: Viele würden sagen: Wir brauchen jetzt vor allem Empathie! Vordenker wie Jeremy Rifkin fordern gar ganz allgemein eine "empathische Zivilisation". Sie halten das für falsch. Warum?

Bloom: Weil Empathie auch ihre Schattenseiten hat. Der empathische Reflex verführt leicht dazu, auf falsche Weise zu reagieren. Wir führen dazu gerade eine Studie durch. Die ersten Ergebnisse deuten darauf hin, dass Empathie rachsüchtiger macht. Wenn Menschen von Straftaten wie sexuellen Übergriffen hören, versetzen sich einige von ihnen besonders stark in das Opfer hinein. In unserem Experiment zeigt sich, dass diese besonders empathischen Probanden wollen, dass der Schuldige zu einer längeren Gefängnisstrafe verurteilt wird – und dass er leidet. Solche Rachegefühle, die aus Empathie für die Opfer entstehen, können zu Vergeltungsschlägen verleiten, die niemandem helfen.

ZEIT: Empathie hat also in der Politik nichts zu suchen?

Bloom: Ich bin kein Experte für Sicherheitspolitik oder Terrorbekämpfung. Aber ich weise darauf hin, dass wir aufpassen müssen, uns nicht von empathischen Reflexen gefangen nehmen zu lassen. Wenn Politiker einen Krieg beginnen, appellieren sie ja häufig an unsere Empathie. Sie erzählen uns vom Leid der Einwohner des Landes, in das sie einmarschieren wollen. Wir sehen die Bilder einzelner Opfer. Und wir tendieren dazu, die wichtigen Fragen zu ignorieren: Wie viele Menschen werden sterben müssen, wenn wir tatsächlich gewaltsam in die Geschicke dieses anderen Landes eingreifen? Empathie blendet uns.

ZEIT: Gilt das auch in der Flüchtlingsfrage? Sollten wir denn keine Empathie mit Flüchtlingen empfinden?

Bloom: Meine persönliche Überzeugung ist, dass die Staatengemeinschaft eine starke Verpflichtung hat, flüchtenden Menschen zu helfen. Aber wenn man sich dabei nur von Empathie leiten lässt, wird das nicht sehr hilfreich sein. Die empathische Einfühlung motiviert uns nämlich dazu, eher den Menschen zu helfen, die uns ähneln, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Menschen, die anders sind als wir, die eine andere Hautfarbe haben oder aus einer anderen Kultur stammen, ignorieren wir eher. Das heißt: Empathie kann uns parteiisch, ja sogar fanatisch machen. Deshalb warne ich vor zu viel Empathie und plädiere für mehr compassion, also Mitgefühl.

ZEIT: Worin besteht der Unterschied?

Bloom: Empathie heißt: Ich fühle das, was ein anderer Mensch fühlt. Mitgefühl bedeutet: Ich kümmere mich um den anderen, ich sorge für ihn.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 49 vom 03.12.2015.

ZEIT: Das hängt doch zusammen. Lassen sich Empathie und Mitleid tatsächlich voneinander trennen?

Bloom: Zugegeben, außerhalb des Labors vermischt sich das oft. Trotzdem halte ich die beiden Emotionen für unterschiedlich und unabhängig voneinander. Mit Fragebögen und bildgebenden Verfahren ist es auch durchaus möglich, zwischen den beiden Gefühlen zu unterscheiden.

ZEIT: Wie zum Beispiel?

Bloom: Wir zeigen Probanden etwa Bilder, auf denen zu sehen ist, wie jemand mit einem scharfen Gegenstand in den Finger gestochen wird. Während sie dieses Bild betrachten, leuchtet das Schmerzzentrum in ihrem Gehirn auf. Sie empfinden den Schmerz des anderen buchstäblich im eigenen Nervensystem nach. Dieses Einfühlen bezeichnen wir als Empathie. Und die wird eben nicht nur bei körperlichen Verletzungen aktiviert. Jemand, der wegen einer Scheidung sehr gelitten hat, kann den Kummer eines anderen Geschiedenen nachfühlen. Mitleid dagegen basiert weniger auf eigenen Erfahrungen. Vielmehr sehen wir eine Person in Not und haben das Bedürfnis, zu helfen. So hegen wir etwa Mitleid für misshandelte Tiere – auch ohne ihren Schmerz wirklich nachempfinden zu können.

ZEIT: Das heißt: Bei der Empathie leide ich selbst mit, beim Mitgefühl bin ich innerlich freier, kann klarer sehen?

Bloom: Exakt. Deshalb trifft man moralische Entscheidungen besser mit Mitleid als mit Empathie.