Der Fußballtrainer Ralf Rangnick, 57, trägt ein Bild mit sich herum, das sich nicht aufhängen lässt, ein Bild, das sich nicht ausstellen lässt – man kann es nicht einmal anschauen. Es existiert nur in seinem, in Rangnicks Kopf. Auf diesem Bild sind glückliche Menschen zu sehen, Augen feucht von Freudentränen, ekstatische Massen in Rot und Weiß, in den Farben des Vereins RB Leipzig.

Das Bild zeigt die jubelnden Bürger der Stadt am Tage des Aufstiegs in die Erste Liga. Es zeigt Rangnicks Traum. "Dieses Bild", sagt er, "das, was hier in Leipzig passieren wird am Tag, an dem wir den Sprung geschafft haben: Das sehe ich die ganze Zeit vor mir. Ich weiß, was der Aufstieg für die Stadt bedeuten würde. Das treibt mich jeden Tag aufs Neue an."

RB Leipzig – jener Verein, der vom österreichischen Red-Bull-Konzern finanziert und kontrolliert wird, den man in Sportkneipen von Kiel bis Kaiserslautern als schlimmste Sünde der Fußballgeschichte verteufelt – in Leipzig selbst löst dieser Verein schon heute einen Boom aus. 10.000 verkaufte Dauerkarten, den höchsten Zuschauerschnitt der Zweiten Bundesliga. Mit Rangnick als Sportdirektor und Trainer soll die Mannschaft in dieser Saison in die Erste Bundesliga aufsteigen. Soll? Muss. Alles andere wäre die große Enttäuschung; für die Stadt, für Ralf Rangnick und für Red Bull, den Konzern, der den höchsten Etat der Liga finanziert, 18 Millionen Euro.

Der Verein ist auf ihn maßgeschneidert

Für den Erfolg war RB nicht nur bereit, viel Geld zu investieren – sondern auch, sich Ralf Rangnick völlig auszuliefern. Er ist nicht bloß Manager, er ist mehr. Der Verein ist auf ihn maßgeschneidert: Rangnick ist der Mann, der wichtige Entscheidungen trifft, und es gibt Leute, die sagen, ohne sein Placet werde bei RB nicht einmal entschieden, was es zum Abendessen gibt. Schlüsselpositionen des Clubs sind mit seinen Vertrauten besetzt, zum Vorstandsvorsitzenden von RB wurde ein Rangnick-Mann bestimmt – der frühere Leichtathlet und Puma-Manager Oliver Mintzlaff, der Berater von Rangnick, aber auch von Schlagerstar Andrea Berg war.

Rangnick entscheidet über Transfers und Übungspläne, er entscheidet, nach welchen Regeln die U17 trainiert. Er ist Hirn und Herz zugleich bei Rasenballsport: Herz, weil an ihm alle Hoffnungen hängen. Seit Anfang dieser Saison ist er auch noch der Trainer. Er ist praktisch unersetzlich. Im Gegenzug, das gehört zur Wahrheit, hat sich auch Ralf Rangnick RB ausgeliefert, mit Haut und Haar. Er opfert viel für den Club – Zeit, Kraft, sogar Familienleben, denn er ist nach Leipzig gezogen, hat sich eine Wohnung weit weg von seiner Frau genommen, die daheim in Backnang, Baden-Württemberg, geblieben ist. Das Projekt Leipzig ist für ihn eine Chance: wieder Anschluss an den Profifußball zu finden, nachdem er 2011 als Trainer von Schalke 04 erschöpft zurückgetreten war. In Leipzig verfügt er seit seinem Amtsantritt vor drei Jahren über schier unerschöpfliche Geldreserven und ein schier unerschöpfliches Fan-Reservoir. Es muss sich für ihn anfühlen wie für einen Architekten, dem man einen riesigen Berg mit den besten Baustoffen ankarrt und dem man dann sagt: Mach mal ein Hochhaus draus, aber bitte das schönste weit und breit!

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 49 vom 03.12.2015.

Darüber würde man gerne sprechen mit Rangnick. Aber es ist gar nicht leicht, einen Termin zu verabreden. Nicht, weil er keine Lust hätte. Eher, weil er derzeit im Leben alles hat, aber eines nicht: Zeit.

Man trifft Rangnick irgendwann doch, im riesigen VIP-Bereich der Leipziger Red-Bull-Arena, des WM-Stadions von 2006, das einmal Zentralstadion hieß. Es knistert gleich im Raum. Denn auf dem Tisch steht ein großer Kübel Eis, das Eis kühlt Wasserflaschen, und es knistert beim Schmelzen. Der Wasserkübel ist natürlich nicht irgendein Kübel, es ist ein besonders schicker Kübel, ein Hochglanzkübel. Jeder Barhocker in diesem Loungebereich zeugt vom Reichtum des Clubs. Alles in der Arena ist inzwischen prunkvoll, in Bistrotischen kann man kleine Öffnungen ausheben, in die sich wiederum Eiskübelchen einsetzen lassen. Es gibt gläserne Red-Bull-Kühlschränke, auf deren Glastüren ein Monitor angebracht ist, auf dem zu sehen ist, was im Kühlschrank steht: Dosen. Die Leute einfach durch die Glastüren gucken zu lassen wäre möglich gewesen, aber vielleicht auch zu einfach. Das Eis, manchmal knistert es lauter, als Rangnick redet, denn er ist ein Mann, der leise spricht. Keiner, der aufbrausend wäre oder polternd. Er gilt manchen als blasser Typ, aber er entwickelt aus seiner Zurückhaltung sein Charisma. Er sei ruhiger, entspannter geworden, sagt Innenverteidiger Marvin Compper, der schon in Hoffenheim unter Rangnick spielte und von ihm nach Leipzig geholt wurde.