Was ist Rassismus? Eine nüchterne Definition: Der Rassismus ist eine Ideologie, welche die ungleiche Verteilung von Menschenrechten legitimiert, und zwar zwischen ethnischen Gruppen, die als minder- oder überwertig etikettiert werden – von den Sklavenhaltern der Antike bis zu den Nazis.

Ein Sprung ins Heute, ein Zitat von Josef Schuster, dem Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland: "Viele der Flüchtlinge entfliehen dem Terror ... und wollen in Frieden und Freiheit leben; gleichzeitig entstammen sie aber Kulturen, in denen der Hass auf Juden und die Intoleranz ein fester Bestandteil sind." Das ist ein empirischer Satz, der sich tausendfach belegen lässt. Wer sich das "Vergnügen" antun will, möge Memri.org aufrufen, eine Institution, die tagtäglich das Grauen protokolliert – in Medien, Schulbüchern, Predigten und Reden. In Islamisch-Mittelost ist der Judenhass praktisch Staatsreligion. Was der Westen heiligspricht – Religionsfreiheit, Frauenrechte, Liberalismus – ist bei Memri auch zu finden, aber als krasse Außenseiterposition.

Doch brach im Netz die Tobsucht aus. Anna Prizkau ist der Sache in der FAZ nachgegangen: "Rassist, Rassist, Rassist!", brüllte es, und Schuster sei voll Pegida! Das ist die Verfemung als Beweisersatz. Bei Maischberger geriet CDU-MdB Jens Spahn in die Rassismus-Falle – mit einem Zitat aus seinem Buch. Da schrieb er von den "zumeist jungen Männern", die "in Gesellschaften groß geworden sind, in denen der Mann mehr zählt als die Frau", wo es "hohe Affinität zu Gewalt als Konfliktlösung gibt", wo "der Islam und die Ehre der Familie über allem anderen stehen". Deutschland könne "machohafter, antisemitischer und religiös intoleranter" werden.

Solche Bewertungen sind schon etwas aufgeladener, aber immer noch zu argumentieren statt zu diskreditieren. Nur: Warum sachlich, wenn’s auch persönlich geht? Spiegel-Kolumnist Jakob Augstein: Das könne doch "AfD-Originalton sein. Es klingt dramatisch rassistisch, kulturchauvinistisch, echt schlimm, was Sie sagen." Mit anderen Worten: Das darf man nicht sagen und schon gar nicht aus "herausgehobener Position".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 49 vom 03.12.2015.

Allgemeiner gefasst: Wir dürfen einer Kultur nichts Negatives zuschreiben; es sei denn, der eigenen, die sich abweisend, intolerant, rassistisch verhalte. Schlimmer noch: Der postmoderne Diskurs, der sich von Berlin bis nach Berkeley zieht, verleiht Pegida, AfD und Neonazis unwillentlich ein Vetorecht über die Unterhaltung, etwa: Wer so rede wie Schuster und Spahn, gebe dem "rechten Affen Zucker" (Augstein), dürfe also nichts sagen, was die Ultras sich ans Panier heften könnten. So wird die Bandbreite der Debatte durch eine neue Art der Sippenhaft beschnitten; das "Pfui!" verdrängt Argument und Analyse – zum Beispiel, dass die Immigrations- nicht die Integrationsrate überwältigen möge.

Oder die Ideologie die Ideenvielfalt, die den Kern der westlichen Kultur ausmacht – nach Jahrhunderten des echten Rassismus. Wer bei Maischberger bis zum Schluss dabeiblieb, konnte aber Wundersames erleben: wie das Nachdenkliche die Empörungslust, die Fakten die Verdächtigung zu überwölben begannen. Eben das Beste im Westen.