Dieser Krieg ist verloren, bevor er beginnt. Der Westen schickt Kampfflugzeuge, die Bunker und Fahrzeugkolonnen pulverisieren. Er schickt Waffen, die den Stahl von Panzern durchbrennen. Aufklärungs-Tornados mögen scharfe Bilder machen von den Bewegungen des "Islamischen Staates" (IS). Der Beweggrund der Gewalt aber ist durch keine Spähtechnik der Welt zu sehen: Es ist die Wut der Sunniten. Der Zorn von Millionen. Er ist die größte Stärke des "Islamischen Staates" – und seine größte Schwäche.

Wieso konnte der IS so mächtig werden? Scheinbar aus dem Nichts brach er aus der Landkarte des Nahen Ostens. Er radierte Grenzen aus und beherrscht nun ein Territorium von der Fläche Großbritanniens. Hinter dieser Macht stehen nicht ein paar Tausend Fanatiker aus Duisburg und Toulouse. Durchgeknallte Dschihadisten beherrschen zwar die Schlagzeilen. Aber diese Fratze des IS ist nicht seine bedrohlichste Seite.

Der IS hat die Landkarte verändert, weil es die Sunniten so wollten. Nicht alle, aber sehr viele von ihnen. Im Irak haben sich die wichtigsten sunnitischen Stämme mit dem IS verbündet. Im Osten von Syrien schlugen sich ebenfalls die meisten Sunniten auf seine Seite. Ihnen dient der IS nicht als Pfad zur Erlösung, als Weg ins Märtyrerparadies. Für sie ist der IS das einzige Bollwerk, das sie vor der Unterjochung durch die Schiiten bewahrt. Die Sunniten fühlen sich von allen verraten. Von den USA, die ihnen 2003 im Irak die Macht raubten. Von Europa, das in Syrien seit fünf Jahren tatenlos zuschaut, wie das schiitische Regime von Baschar al-Assad sie aus der Luft massakriert. Die Sunniten sehen sich im Überlebenskampf gegen die Schiiten. Im Kampf gegen den Rest der Welt. Für viele gibt es zum IS keine Alternative. Schon Al-Kaida zehrte aus dieser schier unerschöpflich großen Kraftquelle, dem Hass zwischen Sunniten und Schiiten.

Der Westen also will die Sunniten aufseiten des IS niederkämpfen und sie hinterher wieder in die Staatsverbände von Syrien und dem Irak zwingen. Selbst wenn der erste Teil dieses Plans funktioniert, die militärische Zerschlagung des IS – der zweite Teil wird scheitern. Statt unverändert auf die Zombiestaaten Syrien und Irak zu setzen, sollte die Weltgemeinschaft deren Ableben akzeptieren. Je früher dies passiert, desto besser. Syrien und der Irak sind Frankenstein-Kreationen des europäischen Kolonialismus. Nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches schufen Großbritannien und Frankreich Staaten, die es zuvor nicht gab, mit Bevölkerungsgruppen, die einander nicht vertrauten. Dieser historische Fehler wird jede künftige Friedensinitiative kollabieren lassen. Die Landkarte muss neu gezeichnet werden – um den Hass von Generationen zu beenden.

"Sunnistan" nennen manche die Vision eines sunnitisch dominierten Staates, der den Osten Syriens und den Westen des Iraks umfasst. Im Kampf gegen den IS muss der Westen seine Kräfte darauf konzentrieren, die moderate Mehrheit der Sunniten von der radikalen Minderheit zu trennen. Das geht nur mit massiven Sicherheitsversprechen. Die Förderung eines eigenen Staates könnte so ein Versprechen sein. Dieser Staat wäre mit seinen Ölquellen lebensfähig, ohne Restsyrien und den Restirak wirtschaftlich zu strangulieren.

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Der Weg zu einem solchen Staat wird lang und steinig sein. Die Türkei wird ihn verhindern wollen, weil eine solche Sortierung auch ein unabhängiges Kurdistan schaffen würde. Der Iran und Assad träumen immer noch davon, ganz Syrien zu kontrollieren. Sie werden darum etliche Jahre kämpfen. Doch die Rückkehr zu einem Syrien, das in Frieden mit sich lebt, und zu einem Irak, der seine inneren Gegensätze überwindet, ist eine Phantasterei. Zu lange hat sich auch der Westen solchen Träumereien hingegeben.

Der IS ist nicht die Ursache des Problems, er ist das Symptom. Deswegen wird er, nach welchen Militärschlägen auch immer, in neuer Gestalt wiedererstehen. Nur Sunniten können auf Dauer sunnitische Extremisten besiegen. Die Niederlage des "Islamischen Staates" darf auf keinen Fall einen Sieg der Schiiten bedeuten. Die Rache der Sieger wäre furchtbar, und der Hass der Verlierer entsetzlich. Schon jetzt brennen schiitische Milizen eroberte sunnitische Dörfer im Irak ab. Tag für Tag gibt es ethnische Säuberungen, Kurden vertreiben Araber, Sunniten vertreiben Schiiten.

Der Kriegseintritt Russlands aufseiten Assads wird das Töten in die Länge ziehen. Aber auch Putin wird die alte Staatlichkeit nicht retten können. Die alte Ordnung, die der Erste Weltkrieg im Nahen Osten hinterließ und an die sich die Diplomatie immer noch klammert, ist endgültig zerfallen. Die Region braucht eine neue.

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