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Das Wort Krieg hat sie eigentlich immer gern vermieden. Wenn es um die deutsche Beteiligung an Missionen in Afghanistan, Irak oder Mali ging. Wenn es um Russlands Vormarsch auf die Ukraine ging und die Frage, ob sich daraus womöglich Folgen für das Baltikum ergeben könnten. Nun schickt Merkel das erste Mal in ihrer Amtszeit deutsche Soldaten in einen laufenden Kampfeinsatz.

Es ist nicht der erste deutsche Einsatz, aber es ist Merkels erster Krieg.

Sie setzt damit erneut eine Zäsur, für ihre Kanzlerschaft, aber auch für das Land. Denn dieser Krieg ist besonders gefährlich und unberechenbar: Es ist ein Einsatz, bei dem nicht nur das Ziel unklar ist, sondern auch der Weg. Nicht eigener Antrieb oder Überzeugung haben ihn bewirkt, keine überstarke Weltmacht erzwingt ihn, sondern tiefe Ohnmacht: Der Nahe Osten löst sich auf, der Terror kommt nach Europa, und die EU wirkt wie gelähmt. Und auf den Schurken von gestern ruhen die Hoffnungen für die Zukunft.

Die Entscheidung, Frankreich im Kampf gegen den IS zu unterstützen, durch den verstärkten Einsatz der Bundeswehr in Mali und die Beteiligung an der Aufklärung für Luftangriffe in Syrien, stelle eine "neue Qualität" dar, heißt es in Merkels Umgebung. Dennoch hätten sich die grundsätzlichen Bedenken der Kanzlerin gegenüber militärischen Einsätzen keineswegs in Luft aufgelöst.

Das Militärische gehörte bislang nicht zum Arsenal von Merkels Politik

Warum also hat sie sich dazu entschieden?

In den vergangenen zehn Jahren hat Merkel im Einklang mit der pazifistischen Tiefenströmung der Deutschen regiert. Offen hat sie diese Haltung nie begründet. Nur im kleinen Kreis machte Merkel ihre Skepsis deutlich. Man müsse sich nur mal anschauen, was bei den Eingriffen des Westens in der arabischen Welt – Irak, Afghanistan, Libyen – herausgekommen sei: viele Tote, viel Wut, wenig Frieden und noch weniger Stabilität. Wenn Merkel über die Probleme der Welt spricht, zieht sie manchmal eine Landkarte hervor. Sie zeigt dann, wie nahe sich die Türkei und Syrien sind oder Europa und Afrika. Sie spricht über Geopolitik und vor allem über Diplomatie, über das Reden und die europäische Einheit als Wert an sich. Guck doch mal, wie lange ihr braucht, um eure Verbündeten in Genf an einen Tisch zu bekommen, hat Putin mal zu ihr gesagt, und wie lange ich brauche. Die Einigkeit Europas ist fragil, sie ist schwer herzustellen, aber sie ist auch die stärkste Waffe gegen autokratische Systeme und deren Scheineffizienz.

Lesen Sie weitere Artikel über den Eintritt der Deutschen in den Krieg und Merkels Rolle dabei im Politik-Teil der aktuellen Ausgabe.

Über U-Boote, Fregatten und Luftschläge spricht Merkel selten. Das Militärische spielte in ihrem Denken keine vorrangige Rolle, und es gehörte bislang nicht zum Arsenal ihrer Politik.

So ist der strikte Antiinterventionismus im Lauf ihrer Amtszeit zur unausgesprochenen Doktrin geworden. Aus Merkels tief sitzenden Zweifeln und der instinktiven Abneigung der Deutschen gegenüber Militäreinsätzen entwickelte sich in den vergangenen Jahren eine "Kultur der Zurückhaltung". Nicht neue, riskante Missionen, sondern der Rückzug aus Afghanistan und die Nichtbeteiligung an der Libyen-Intervention blieben die markantesten sicherheitspolitischen Entscheidungen der Kanzlerin, auch wenn sich die Bundeswehr 2013 an der Stabilisierungsmission in Mali beteiligte. Mit der Beteiligung am militärischen Kampf gegen den IS endet die pazifistische Phase von Merkels Kanzlerschaft.

Weil der Antiinterventionismus unter Merkel so selbstverständlich geworden war, ist die Erinnerung an die kurze interventionistische Phase der bundesdeutschen Politik – eine Art Abweichung vom "deutschen Weg" – fast in Vergessenheit geraten. Zu Beginn des neuen Jahrhunderts sah es nämlich ganz danach aus, als habe sich die Bundesrepublik zehn Jahre nach der Wiedervereinigung dazu entschlossen, internationale Verantwortung notfalls auch mit militärischen Mitteln wahrzunehmen.