Manchmal verhalten sich meine Töchter – sie heißen Hedda und Siri und sind neun Jahre alt – so, als seien sie Frankreich und die USA oder China und die Malediven: Sie streiten sich. Bei den beiden geht es meistens darum, wer jetzt die rote Jeans anziehen darf, wer mehr und wer weniger aufgeräumt hat, wer sich beim abendlichen Vorlesen auf der Couch ins große gelbe Kissen kuscheln darf und wer mit dem kleinen Kissen vorliebnehmen muss – und ob es nun "Hedda und Siri" oder "Siri und Hedda" heißt. Zwillinge halt.

Frankreich und die USA, China und die Malediven und viele andere Länder streiten sich bei einer großen Konferenz in Paris gerade um etwas, was noch wichtiger ist als rote Jeans und gelbe Kissen: das Weltklima. Genauer gesagt, streiten sie darum, was jedes Land wie schnell tun muss, um zu verhindern, dass die Temperatur auf der Erde um mehr als zwei Grad steigt.

Geschähe dies, hätte das schlimme Folgen: Große Eismassen an den Polen würden schmelzen, die Meeresspiegel ansteigen, ganze Inseln und viele Küstenregionen unter Wasser verschwinden. Die größere Hitze würde dazu führen, dass es mehr trockene, unfruchtbare Regionen auf der Erde gäbe – und weniger Äcker und Felder, auf denen Bauern Obst, Gemüse und Getreide ernten könnten. Viele Menschen müssten ihre Heimat verlassen, die Zahl der Flüchtlinge würde noch einmal steigen. Doch egal, ob nun Länder über das weltweite Klima oder Mädchen über ihre Hosen streiten: Am Ende müssen alle – Frankreich und die USA genauso wie Hedda und Siri – das Gleiche finden: einen Kompromiss.

Unter einem Kompromiss versteht man eine Lösung, bei der keiner seine Meinung ganz durchsetzen kann und jeder Zugeständnisse machen muss. In der Politik gehören Kompromisse genauso zum Alltag wie die Treffen von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit anderen Regierungschefs oder die Reden von Politikern im Bundestag. Das hängt damit zusammen, dass bei Bundestagswahlen in den vergangenen knapp 70 Jahren nie eine Partei so viele Stimmen erhielt, dass sie allein regieren konnte. Stets mussten mindestens zwei Partner zusammenfinden. Das Problem dabei: Die eine Partei hatte ihren Wählern das eine versprochen und die andere das genaue Gegenteil. Was also tun?

Bevor eine Regierung mit dem Regieren anfangen kann, setzen sich daher erst mal Vertreter der Parteien zusammen und suchen Kompromisse. Das kann Tage, manchmal sogar Wochen dauern. Ein Beispiel hierfür aus dem Jahr 2013, als die aktuelle Regierung ins Amt kam. Vor der Wahl hatte die SPD angekündigt, sie wolle die Steuern für die Reichen erhöhen und für einfache Arbeiter einen Betrag bestimmen, der ihnen mindestens bezahlt werden sollte, den sogenannten Mindestlohn. CDU und CSU wollten beides nicht. Bei ihren Verhandlungen einigten sich die Parteien darauf, den Mindestlohn einzuführen und die Steuererhöhung sein zu lassen. Keiner hat sich ganz durchgesetzt, jeder irgendwo nachgegeben.

Kompromisse sind aber nicht immer vernünftig. Wenn man wie vor Kurzem zum Beispiel eine ungerechte und unsinnige Autobahngebühr für Ausländer einführt, weil die kleine Partei CSU gedroht hat, sonst aus der Regierung auszusteigen, dann hat man einen "faulen Kompromiss" geschlossen.

Die Lösung im Rote-Jeans-Streit zwischen Hedda und Siri überzeugt schon eher. In aller Regel schlägt eine der beiden nach reichlich gekreischten Halbsätzen wie "Du hast das letzte Mal ..." und "... ich aber noch nie" vor: "Okay, du darfst die Hose jetzt anziehen, ich ziehe sie dann aber morgen und übermorgen an." Und die andere sagt dann: "Abgemacht."

Ganz so schnell geht es beim Klimastreit nicht – es geht sogar viel, viel langsamer. Schon vor 18 Jahren, 1997, haben sich zahlreiche Länder darauf geeinigt, weniger von dem Schadstoff aus den Auspuffen ihrer Autos oder den Schornsteinen ihrer Unternehmen in die Luft zu pusten, der für die Erwärmung der Erde hauptverantwortlich ist: das Kohlendioxid. Nur schafften sie es auf bisher elf großen Treffen seit 1997 nicht, festzulegen, wer wie viel weniger produzieren soll – und ab wann.

Damit endlich sinnvolle Kompromisse erreicht werden können, haben lange vor Beginn der Pariser Klimakonferenz Vertreter der einzelnen Länder Beratungen aufgenommen. Seit vergangenem Februar legten bei zahlreichen Treffen Wissenschaftler neue Studien über die Erderwärmung vor, stimmten sich umweltbewusste Politiker miteinander ab, wie sie die weniger umweltbewussten überzeugen könnten. Mit einigem Erfolg. Länder, die bisher wenig bereit schienen, weniger Schadstoffe zu produzieren, wie etwa China oder Indien, denken allmählich um.

Damit dieses schnell genug erfolgt, empfehle ich der Pariser Klimakonferenz genau jenen Kompromiss, mit dem Siri und Hedda stets ihren Aufräum-Streit beenden: Wir packen alle an.