Hitler sells. Dass der "Führer" auf dem Umschlag zu höheren Auflagen verhilft, zeigt nicht nur ein Blick auf die Spiegel- Titel der letzten Jahrzehnte. Der Markt wird geradezu überschwemmt von Büchern und Filmen zu Hitler, von allem Möglichen, wenn es sich nur irgendwie mit Hitler in Verbindung bringen lässt. Nur ein paar Beispiele der letzten vier Jahre: Hitler und die Aufklärung; Hitler – Der Künstler als Politiker und Feldherr; Hitlers Helferinnen; Hitler privat; Selling Hitler; Hitler’s Philosophers; Hipster Hitler; Gedichte für Hitler; Krankenakte Hitler; Hitler: A Short Biography; Adolf Hitler begegnet Karl May; Hitler: Die Anatomie einer destruktiven Seele; Hitler und die Frauen; Hitler und das Geld; Hitler in Paris; Adolf Hitler, Schüler der "Weisen von Zion"; Eva Braun: Leben mit Hitler.

Und mehr wird folgen. Das Institut für Zeitgeschichte hat für Anfang 2016 die kritische Edition von Hitlers Mein Kampf angekündigt, der Historiker Volker Ullrich wird den zweiten Band seiner Hitler-Biografie vorlegen, und die BBC wird uns mit einer weiteren, selbstverständlich mehrteiligen Hitler-Serie erfreuen.

Ist irgendwas passiert? Gibt es irgendwas Neues zu Hitler? Neue Quellen, Dokumente (von Tagebüchern nicht zu reden)? Keineswegs. Aber es scheint so, dass Adolf Hitler, je länger er tot und sein Reich untergegangen ist, an Faszination gewinnt. Bei aller Furchtbarkeit der von ihm in Gang gesetzten Massenverbrechen, die ja anders als früher in aller Regel nicht bestritten werden, scheint er doch so etwas wie historische Größe zu verkörpern. Unheilvolle, schreckliche Größe, gewiss, aber doch Größe. In Zeiten der Koalitionen, Kommissionen und Kompromisse moderner Demokratien ist solches nicht ohne Reiz. Vor allem aber ist das Bild, das die historische Forschung heute vom "Dritten Reich" zeichnet, so kompliziert und voraussetzungsvoll, dass die Reduktion auf Hitler nachgerade befreiend wirkt, weil es die Sache einfach macht.

So erinnern auch die seriösen Hitler-Biografen an Theater-Regisseure, die ein weiteres Mal die Dreigroschenoper oder den Faust inszenieren, wobei sich die Aufmerksamkeit des Publikums auf die großen, meist aber kleinen Variationen dieser unzählige Male gespielten Stücke konzentriert, die es längst kennt. Das volle Haus gibt den Regisseuren recht.

Nun hat auch Peter Longerich eine umfängliche Hitler-Biografie vorgelegt. Longerich ist mit zahlreichen wichtigen Arbeiten zur Geschichte des NS-Regimes hervorgetreten, darunter eine profunde Gesamtdarstellung des Holocaust. Seit mehr als zehn Jahren schreibt er nur noch Biografien über Nazi-Größen: erst Goebbels, dann Himmler, jetzt Hitler, und er gibt durchaus zu, dass er mit diesen Büchern ungleich höhere Auflagen erzielt als mit seinen thematisch und methodisch innovativeren Arbeiten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 10.12.2015.

Dabei, das sei bei aller Skepsis vorausgeschickt, ist vor allem die Himmler-Biografie sehr gut recherchiert und flüssig geschrieben. Das gilt auch für sein neuestes Buch. Allerdings hat er hier mit Joachim Fest, Ian Kershaw und auch mit Volker Ullrich mindestens drei eindrucksvolle Vorgänger, mit denen er verglichen und an denen er gemessen wird – eben wie bei Klassiker-Aufführungen: Wie legt er das Stück an? Wie ist das Bühnenbild? Was stellt er heraus, was lässt er weg? Dass er die vielmals erzählte Geschichte vom Aufstieg Hitlers aus kleinen Verhältnissen in Wien und Linz bis zum Beherrscher Europas hier vollständig und auf breiter Materialgrundlage darlegt, ist dabei wenig überraschend.

Von Hitlers Erlebnissen im Ersten Weltkrieg über seine Tätigkeit erst als Trommler, dann als Führer der NSDAP, die "Machtergreifung", die Errichtung der Diktatur, die innen- und außenpolitischen Erfolge und den Kriegsbeginn bis zu der Unterjochung Europas, dem Genozid an den Juden und der Mordpolitik in Polen und der Sowjetunion, schließlich dem Untergang und Selbstmord – Longerichs Buch ist eine Geschichte des "Dritten Reiches" aus der Perspektive des "Führers".