Viele Autofahrer vermuten überhöhte Preise an der Tankstelle: weil sich Tankstellen oder Mineralölkonzerne untereinander abstimmten oder weil sie den Markt beherrschten und dadurch die Preise bestimmen könnten. Die Mineralölindustrie argumentiert dagegen: An den Tankstellen herrsche erheblicher Wettbewerb, stark schwankende Preise würden dies belegen. Auch die Wissenschaft und Wettbewerbsaufsicht (Bundeskartellamt, Monopolkommission) sehen keine Beweise für abgestimmtes Verhalten. Doch von uns ausgewertete Daten zeigen, dass der Verdacht vieler Autofahrer nicht ganz unbegründet ist. Dafür müssen Mineralölunternehmen ihre Preise nicht unbedingt miteinander absprechen. Es genügt, dass sie aufeinander reagieren. Denn sie haben im Laufe der Zeit "gelernt": Im Alleingang die Preise lenken zu wollen schadet allen Anbietern. Gemeinsame Preisbewegungen jedoch kommen ihnen zugute.

Ökonomen und Juristen bezeichnen dies als (oligopolistisches) Parallelverhalten. Ein echter Wettbewerb zugunsten der Autofahrer findet dadurch nicht statt. Die Wettbewerbsbehörde untersagt zwar Unternehmenszusammenschlüsse, falls dadurch Parallelverhalten begünstigt wird. Verbieten kann sie dieses aber nicht.

Das Bundeskartellamt hatte schon in den Jahren 2007 bis 2010 das Preissetzungsverhalten der Tankstellen in Hamburg, Köln, Leipzig und München analysiert. Damals zeigte sich, dass die Preise an bestimmten Tagen und zu bestimmten Uhrzeiten relativ niedrig waren (zum Beispiel sonntagabends) und zu anderen auffällig hoch (zum Beispiel freitags). Preiserhöhungen wurden entweder von Aral oder Shell eingeleitet, der jeweils andere erhöhte drei Stunden später. Jet, Total und Esso zogen meist mit. Zusammen bilden sie das Oligopol der Mineralölanbieter.

Seit Dezember 2013 müssen deutsche Tankstellen Preisänderungen binnen fünf Minuten der Markttransparenzstelle Kraftstoffe mitteilen, angesiedelt beim Bundeskartellamt. Für die vorgenannten Regionen plus Berlin, Frankfurt am Main, Stuttgart und Dresden kam die Behörde in einer einmaligen Sonderauswertung 2014 zu etwas anderen Ergebnissen als vier Jahre zuvor: Für die Monate Februar bis Mai 2014 und den Ottokraftstoff E 5 waren keine billigen oder teuren Wochentage mehr erkennbar. Die Parallelbewegungen waren allerdings nicht verschwunden, sie hatten sich nur verschoben: Preissenkungen gab es meist am Spätnachmittag und am Abend, Preiserhöhungen fanden zwischen Tagesschau und Mitternacht statt.

Mit Daten des Internetdienstes clever-tanken.de, die auf Preisdaten der Markttransparenzstelle beruhen, haben auch wir für insgesamt 120 Tage von März bis Mai sowie für September 2014 das Preissetzungsverhalten untersucht. Im Vergleich der durchschnittlichen Tagespreise zeigen sich relativ hohe Preise bei Shell und Aral, mittlere Preise bei Esso und Total sowie niedrige Preise bei Jet und den übrigen Wettbewerbern.

Darüber hinaus werden auch in Bezug auf bestimmte Uhrzeiten und Wochentage Muster erkennbar. Alle Anbieter starten mit hohen Preisen, die sie im Laufe des Tages sukzessive senken. Abends steigen die Preise wieder an, um spätestens zu Mitternacht in etwa das alte Niveau zu erreichen. Shell und Aral starten dabei auf höchstem Niveau. Die Nicht-Oligopolisten und Jet beginnen damit niedrigeren Preisen und senken am weitesten ab. Esso und Total liegen dazwischen.

Am meisten zahlen Autofahrer zwischen 18 bis 24 Uhr. 90 Prozent der Anbieter setzen in diesem Zeitraum ihre höchsten Preise. Preissenkungen finden bei mehr als der Hälfte in den Vormittagsstunden (6 bis 12 Uhr) statt, bei Diesel aber auch zu etwa einem Fünftel zwischen Mitternacht und 6 Uhr morgens.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 10.12.2015.

Unter den Oligopolisten zieht besonders Aral die Preise am Abend an: Das Unternehmen startet knapp die Hälfte aller flächendeckenden Preiserhöhungen nach 18 Uhr. Sie liegen zwischen acht und elf Cent, sinken aber bis Mitternacht im Durchschnitt wieder um etwa ein bis zwei Cent. Die Konkurrenz folgt dem Aufruf gestaffelt: Shell reagiert erstmals etwa eine halbe Stunde später und steigt bis Mitternacht im Durchschnitt um zwei Cent über das Niveau von Aral hinaus. Esso zieht spätestens eine halbe Stunde später nach und erhöht insgesamt um sieben bis acht Cent. Total wartet gegenüber Aral eine bis eineinhalb Stunden und reagiert mit einem Preisanstieg um neun bis zehn Cent. Die Nicht-Oligopolisten folgen meist nach einer Stunde, oft im gleichen Ausmaß wie Esso. Als letzter Anbieter und am geringsten hebt Jet die Preise an: Das Unternehmen wartet 2,5 bis 3 Stunden und erhöht nur um sechs bis sieben Cent.

Nach Aral startet Shell die meisten Preiserhöhungen, ebenfalls knapp die Hälfte. Auch hier ziehen die Preise meist kurz nach 18 Uhr an, liegen bei etwa zehn Cent und sinken bis Mitternacht kaum. Aral reagiert (frühestens) binnen fünf Minuten und erhöht bis Mitternacht um etwa acht bis neun Cent. Esso, Total, Jet und die Nicht-Oligopolisten verhalten sich gegenüber Shell im Großen und Ganzen wie auch gegenüber Aral. Nur an etwa zwei bis drei Tagen beginnt Esso die Preiserhöhungsrunde.

Rechnet man den Einfluss anderer Faktoren wie unterschiedliche Startpreise, verschiedene Kraftstoffarten oder Ferientermine heraus, ergibt sich folgendes Preismuster: Für jeden Cent, den Aral erhöht, reagiert Shell mit 1 bis 1,2 Cent Aufschlag. Jet und die Nicht-Oligopolisten erhöhen ihre Preise in der Folge nur um etwa 0,3 bis 0,4 Cent. Für jeden Cent, den Shell erhöht, reagieren Aral und Jet deutlich zurückhaltender und erhöhen um 0,2 und 0,03 Cent.

Was sagen uns diese Daten nun über den Wettbewerb zwischen Tankstellen und Marken? Festhalten lässt sich zunächst: Jet verhält sich relativ preisaggressiv und damit ähnlich zu den Nicht-Oligopolisten. Insofern darf man Jet wohl nicht dem marktbeherrschenden Oligopol zuordnen, das somit aus Aral, Shell, Esso und Total besteht. Für Parallelverhalten spricht: das gleichförmige Abschmelzen der Preise über den Tag, das Auftreten von flächendeckenden Preiserhöhungsrunden, wechselseitig nur von Aral und Shell (selten Esso) begonnen, sowie das wiederkehrende Antwortverhalten der übrigen Marken. Zwar haben sich diese Muster im Zeitablauf etwas verändert, aber im Kern wissen alle Anbieter, wie ihre Konkurrenten reagieren werden. Insofern "spielen" sie ein bisschen Wettbewerb, ohne den Sandkasten mit den wohlbekannten Spielkameraden zu verlassen. Ein echter Preiskampf sieht anders aus.