Die Schriftstellerin Jackie Thomae © Urban Zintel

Diesen Effekt hinzukriegen ist hohe Kunst – dass der Leser bei jeder Figur, bei jeder Szene, bei jeder Redewendung, bei jeder Sehnsucht und bei jeder Bosheit denkt: Genau so ist es! Aber keines dieser Evidenzerlebnisse verdankt sich einem Klischee. Nichts ist hier wohlfeil. Wie kriegt man das hin? Allein durch erzählerische Klugheit. Man muss genauer hinschauen, man braucht die feineren Ohren, man muss das Gras wachsen hören. Man muss das Typologische einer Geste schon durchschauen, während der, der sie ausführt, sich noch für einen erlesenen Individualisten hält.

Zusätzliche Erschwernis: Das Berliner Kreativ-Milieu mit Wochenend-Bungalow in Brandenburg, dem Jackie Thomae hier ein hinreißend fieses Denkmal errichtet, begreift sich selbst als trendaffin, als very edgy, als extrem ausgeschlafen und überwach, was die Transformation von Neuigkeiten in kalten Kaffee betrifft. Wenn man also über ein Milieu der kompetitiven Geistesgegenwart schreibt und nicht in billiges Kabarett abrutschen will (das sich immer nur über das lustig macht, was längst zum Klischee geronnen ist), dann müssen alle soziologischen Beobachtungen so scharf sein, dass sie dem Leser zwar sofort einleuchten, sie ihm aber so vorher noch nicht selbst aufgefallen sind. Jackie Thomae, Jahrgang 1972, Journalistin und Fernsehautorin, gelingt das souverän und lustvoll: Wie sie die Berliner Midlife-Crisis-Kohorte ihrem Röntgenblick unterwirft, hat Yasmina-Reza-Qualitäten.

Wir müssen noch sehr vieles rühmen, aber vorher erst mal ein Wort zur Handlung. Momente der Klarheit ist ein Episodenroman. Alle Geschichten kreisen um jene biografische Sollbruchstelle, wo sich der Mensch die Augen reibt und plötzlich nicht mehr begreift, was ihn mit seinem Partner verbindet. Momente der Klarheit sind Momente der Wahrheit. Was passiert in solchen Momenten genau? Erster Versuch einer Antwort: Der Normalzustand, wonach ein anderer Mensch im eigenen Dunstkreis als Zumutung empfunden wird – für die Dauer des verliebten Überschwangs suspendiert –, stellt sich wieder ein. Der oder die andere ist plötzlich immer im Weg. Beispiel: Filmregisseur Engelhardt. Als sich seine aktuelle Freundin ungeschickt neben ihn auf das enge Eiermann-Sofa quetscht, reagiert er gereizt: "Er weiß, dass sie ihm nichts mehr recht machen kann. Er kennt diesen Zustand von sich und Isabel [Engelhardts Ex-Freundin], die irgendwann keine bequeme Stellung mehr neben ihm fand. Sein Körper war ihr immer im Weg, egal wie klein er sich machte, wie weit er sich zurückzog, er gehörte einfach nicht mehr neben sie."

Und wenn man sich dann trennt, dann sagt man: Es ging einfach nicht mehr. Und vielleicht schiebt man noch etwas Böses über den anderen nach, "pathologisch hysterisch" oder so. Aber das ist falsch. Es liegt nicht am anderen. Es liegt nur daran, dass die Zeit vergeht.

Als Bender, Musikproduzent, um die 40, auf einer Party seine Freundin Doro, ein "Bewegungsgenie", beobachtet, wie sie auf dem Bartresen tanzt und dazu große Augen zum Schmollmund macht, hört er, wie ein junges Mädel neben ihm mit einer Bemerkung die alte Tänzerin auf dem Tresen, die es wohl noch einmal wissen will, verhöhnt. Plötzlich ist da ein Riss, plötzlich stimmt nichts mehr, plötzlich geht Doro Bender nur noch auf die Nerven. Nach zehn Jahren verlässt er sie, abschiedslos, denn er wüsste gar nicht, was er ihr als Erklärung sagen könnte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 10.12.2015.

Die Dialektik aus Selbsttäuschung und Selbsterkenntnis, aus Wahn und Wahrheit ist dem Leben inhärent. Deshalb kann man auch nicht sagen, der eine Strang dieser Doppelhelix sei besser als der andere. Man braucht den Traum und die Illusion so sehr wie die Klarheit und die Desillusionierung. Das eine ist nicht wahrer als das andere. Die Desillusionierung widerlegt den Traum nicht, den sie platzen lässt.

Ariane, die mit ihrem ersten und ihrem dritten Mann in die Ferien fährt (der Kinder wegen), denkt die ganze Zeit nur an den mittleren Mann, mit dem sie allerdings kein Kind hat und der längst aus ihrem Leben verschwunden ist. Ihren Unmut über diese Lage lässt sie am dritten Mann aus, den sie für seine aufopferungsvolle Hingabe verachtet und den sie gerne "wie einen zwanghaften Spießer" dastehen lässt, "der einen Freigeist beschneiden will".

Clemens begreift nicht, warum Iris ihn verlassen hat: "Was sie hinterließ, war ihre Aussage, er sei Mittelmaß. Clemens fragte sich zwar, was das bedeutete und was daran so verachtenswert sein sollte. Er war Volljurist. Er hatte eine Steuerkanzlei und gute Klienten, sogar ein paar Prominente, auch wenn Iris sie als neureichen Supertrash abkanzelte, was ja an sich schon Mittelmaß ausschloss." Clemens hat dann zur Schmerzverarbeitung recht viele Dates: "Durchschnittliche Frauen, die Iris als Mittelmaß beschimpft hätte, wollten mit ihm Fantasien ausleben, vor denen er sich teils sogar fürchtete. Kein Abgrund war ihnen zu tief, kein Experiment zu dunkel. Anschließend setzten sie sich in einen Ford Ka, in dem ein Plüschtier am Rückspiegel hing, und fuhren zurück nach Pankow oder Rudow."

Videolesung - Jackie Thomae liest aus "Momente der Klarheit"

Jackie Thomae ist die Chronistin unserer Reizbarkeiten, die mit zunehmendem Alter außer Kontrolle geraten. Reizbarkeit angesichts der Dummheit der anderen und narzisstische Nachsicht mit unseren eigenen Wiederholungszwängen, die wir für Charakter halten. Thomaes Misanthropie ist dabei nie ungerecht und deshalb von zoologisch neugieriger Menschenliebe kaum zu unterscheiden. Man kann es sowieso nur mit Menschenliebe erklären, wie freigiebig hier die Pointen verfeuert werden. Aber wie kann es sein, dass dieses Buch bis jetzt kaum wahrgenommen worden ist? Ist es wirklich so, dass der deutsche Literaturbetrieb die Schotten dicht macht, wo er Gefahr wittert, sich womöglich zu gut unterhalten zu fühlen?

Jackie Thomae: Momente der Klarheit. Hanser Verlag, Berlin 2015; 288 S., 19,90 €, als E-Book 15,99 €