Andy Warhol war nicht der Einzige, der ihn bewunderte. Aber er muss eine besondere Nähe zu diesem Koloss von Mann gespürt haben, der, wenn auch körperlich sein Gegenteil, ihm in schöpferischer Hinsicht glich. Wie Warhol hatte auch Arnold Schwarzenegger die Gabe, aus Alltäglichem einen Kult zu kreieren. Der eine machte Suppendosen zu Pop. Schwarzenegger nahm seinen Körper und formte ihn um zu einem Design- und Willensprodukt. Aus dem Körper, den jeder hat, wurde der Body, ein begehrtes Sehnsuchts- und Luxusgut.

Der Fotoabzug von 1977, auf dem sich Warhol und Schwarzenegger in der New Yorker Factory gegenüberstehen, bildet den programmatischen Auftakt einer ebenso ambitionierten wie erhellenden Ausstellung über die Kunst und das Bodybuilding. In der Mitte des Saals steht eine professionelle Pump-Station mit Gewichten, Stahlseilen und Streckbank. Drum herum gruppieren sich Fotografien und Filmschnipsel, weniger zu einer Kunstausstellung als zu einem kulturgeschichtlichen Work-out arrangiert. Das Trainingsziel: den Kraftmann zum Kunstmann aufzupumpen.

"Formfleisch" nennt der Kurator und Kunstwissenschaftler Jörg Scheller das Material des Bodybuilders und vergleicht es mit einem Marmorblock. So wie ein guter Bildhauer aus diesem einen Apoll meißeln könne, einen rundlichen Satyrn oder einen klapprigen Kirchenvater, so liege es auch in der künstlerischen Hand des Bodybuilders, sein Fleisch zu formen. Gleich einem Künstler schaffe der Muskelmann sein Werk nicht auf einen Zweck hin, und das unterscheide ihn vom Ringer, Gewichtheber oder Kugelstoßer. Bodybuildern gehe es nicht um die Kraft als solche, sondern nur um das Bild der Kraft, um eine artifizielle, mühevoll gestaltete Körperlandschaft aus Bizeps, Trizeps, Quadrizeps, Delta-, Brust- und Abdomenmuskel.

Weil der Bodybuilder nicht auf die Anwendung seiner Kraft abzielt, sondern auf ihr ästhetisches Resultat; weil er den Muskel um seiner selbst willen formt, darum handele es sich beim Bodybuilding nicht um einen Sport, sondern um eine Kunstform. Das ist eine starke These. Doch Scheller, selbst dem Kraftsport zugetan, hat keine Angst, sich an ihr zu überheben.

Eine Fotowand erzählt die Entwicklung der Körperformung: Man begegnet Turnvater Friedrich Ludwig Jahn, der dem deutschen Leib mit Reck und Barren nicht nur neues Trainingsgerät, sondern auch ein Ziel gab, nämlich den Erzfeind Frankreich möglichst übel zu verdreschen. Der muskulöse Körper stand auch zu Zeiten der Lebensreform in politischen Diensten, als es den glühendsten Verfechtern der Freikörperkultur weniger um den Einzelnen als um den Volkskörper als Ganzen ging. Die Fotos von bronzenen Nakedeis beschworen vor allem das Bild eines urständig reinen, wehrhaft-arischen Germanias.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 10.12.2015.

Der Abschied des Körpers von der Politik kam mit Eugen Sandow (1867 bis 1925). Wie Schwarzenegger ein Emigrant aus deutschsprachigen Landen, machte er seinen Weg im Ausland, war Fitnesstrainer des englischen Königs, Entertainer, Autor und Unternehmer. Sandow stellte als strong man auf Jahrmärkten seine Körperkraft unter Beweis und stemmte Gewichte, bis er begann, nicht mehr zu zeigen, was er mit seiner Kraft vermochte, sondern diese selbst zu präsentieren: Nur bekleidet mit Oberlippenbärtchen und Feigenblatt, posierte er als Tableau vivant antiker Statuen, als Herkules oder sterbender Gallier. Aus dem Kraftmeier wurde ein moderner Poser.

Der Grundstein zum Bodybuilding war gelegt. Doch das Ideal, das Sandow verkörperte, gab es bereits, seine Pose war Mimikri. Erst nach dem Krieg löst sich das Idealbild der trainierenden Männer – noch waren es nur Männer – von den historischen Vorbildern. Ästhetisch strebt der Bodybuilder heute einen Körper an, so voluminös und muskulös, wie er überhaupt nur sein kann. Assistiert von immer raffinierteren Geräten und Trainingsmethoden, legalen wie illegalen Mitteln und Medikamenten, bildet er sich einen Körper, der nicht einfach nur kräftig, fit oder athletisch ist. Er formt sich sein eigenes Bild, das der IFBB, der 1946 gegründete Dachverband der Bodybuilder, auf Posing-Schaukämpfen nach rein ästhetischen Kriterien bewertet. Seither schwellen die Oberschenkel zu ovalen Paketen an, aus den Oberarmkeulen wuchern feinst definierte Buckel, und die Taille schrumpft zu einem schmalen Nichts, auf dem der V-förmige Rumpf balanciert, überwölbt von kopfgroßen Brustmuskeln, dem stählernen Männerbusen.

Kerle mit Brüsten und Wespentaille, Bodybuilderinnen, die sich zu Muskelprotzen aufpumpen, sie seien Underdogs, Außenseiter, und damit die künstlerische Avantgarde im Mainstream der normierten Fitnessamateure, so legt es uns die Ausstellung nahe. Erst recht muss das für die Frauen gelten, die seit den siebziger Jahren ebenfalls bei Wettkämpfen mitmachen. In der Ausstellung sind sie optisch deutlich in der Überzahl und auch der größere Hingucker. Denn sie weichen ja nicht nur vom Normkörper ab wie ihre männlichen Pendants, sondern auch von den traditionellen Rollenbildern. Denen zufolge darf die trainierte Frau zwar flachbäuchig und schmalhüftig, keineswegs aber muskulös sein wie die Bodybuilderinnen, an denen man in hochauflösenden Farbfotografien jede Pore ihrer mit Bräunungscreme, Nagellack und Lippenstift notdürftig als weiblich markierten Kraftkörper studieren kann. Sind sie aber, als Schöpfer ihrer selbst, als Unangepasste wirklich schon Künstler? Eher doch, scheint es, eine originelle Subgesellschaft, von der kaum ein Außenstehender versteht, was sie da eigentlich macht. Das wiederum rückt das Bodybuilding immerhin recht nahe an gewisse Ausprägungen der zeitgenössischen Kunst.

Bis zum 7. Februar in der Kunsthalle Zürich, www.kunsthallezurich.ch