Chen Zhisheng ist kein reicher Mann. Ein Treppenhaus aus rohem Beton führt in seine Etagenwohnung in der Stadt Dongyang. Einfache Holzmöbel stehen auf dem gefliesten Boden. An der Wand hängt ein Mao-Bild. Immer wieder wiegelt er ab.

"Ich habe doch nur der Immobilienfirma eines Freundes ein paar Yuan geliehen. Nicht viel", sagt er. "700.000 oder 800.000 Yuan." Das sind hunderttausend Euro – und dürfte ein großer Teil seiner Ersparnisse sein. Ob er sich Sorgen mache? "Ach was", sagt er. "Ich wüsste ja gar nicht, was ich mit dem Geld machen soll. Solange sie es brauchen, können sie es behalten. Mir reicht es, wenn sie mir jedes Jahr meine Zinsen auszahlen."

Tun sie das?

"Na ja, im letzten Jahr haben sie nicht gezahlt. In diesem werden wir sehen."

China im Jahr 2015. Nach Jahrzehnten fast ungebrochenen Wirtschaftswachstums macht sich Unsicherheit breit im Land. Immobilienpreise und Aktienkurse sinken, der Wohlstand wächst nicht mehr so schnell wie früher. Die Folgen sind allerorten zu sehen: Fabriken schließen, Neubauten stehen leer. Woran das liegt, wissen die Chinesen nicht. Sie rätseln über die Gründe. Dass die Presse nur eingeschränkt über die Probleme berichten darf, macht es nicht besser.

In Chens Umfeld ist die Unsicherheit über die Entwicklungen zu greifen. "Neulich saßen wir zusammen, sieben oder acht Freunde. Jeder hatte Geld verloren", erzählt Chen, der in Wirklichkeit anders heißt und nicht mit seinem richtigen Namen in der Zeitung stehen will.

Chens Wohnort Dongyang liegt rund dreihundert Kilometer südlich von Shanghai im Jangtse-Delta, einer der reichsten Regionen Chinas. Die Stadt lebt vor allem von zwei Branchen: von ihrer Möbel- und ihrer Bauindustrie. Firmen aus Dongyang bauen im ganzen Land. Während der Boomjahre brachten sie der Stadt und den Bürgern Wohlstand. Als es bergab ging, kosteten sie viele, die ihnen Geld geliehen hatten, ihre Ersparnisse. Im Juni verlangten Hunderte wütende Anleger bei Protesten vor der Stadtverwaltung ihre Einlagen zurück. Die Polizei versuchte, sie auseinanderzutreiben. Es gab eine Rangelei und Verhaftungen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 10.12.2015.

Shen Meiliang erinnert sich nur ungern an die Proteste. "Wir konnten damals nur noch unter Polizeischutz zur Arbeit gehen", sagt sie. Shen arbeitet in einer der Firmen, die den Skandal verursachten. Nun gehört sie zu den letzten Mitarbeitern, die noch da sind. Sie wickeln die Firma ab, von deren einst hochfliegenden Plänen das Modell eines Wolkenkratzers in der Eingangshalle kündet. Die Büroetagen sind größtenteils dunkel. Ihr Gehalt hat Frau Shen schon seit Monaten nicht mehr bekommen. Und doch ist sie äußerst unzufrieden damit, dass ihre Firma ständig in Zusammenhang mit dem Skandal genannt wird. "Warum sind Sie zu uns gekommen? Sie hätten genauso gut zu jeder anderen Baufirma hier im Ort gehen können", sagt sie. Im ganzen Land hätten doch alle die gleichen Probleme.

Als nach der globalen Finanzkrise 2008 die Exporte einbrachen, weil der Rest der Welt weniger Waren aus Fernost kaufen wollte als zuvor, reagierte die chinesische Regierung mit einem großen Investitionsprogramm. Sie ließ Autobahnen in den entlegensten Regionen bauen. Sie spannte ein Netz von Hochgeschwindigkeitstrassen für Züge, inklusive neuer Bahnhöfe in fast jeder Kreisstadt. Und Provinzstädte bekamen Flughäfen. Viele dieser Projekte waren schon lange in Planung. Im Kampf gegen die Weltwirtschaftskrise floss nun schnell Geld dafür.

Mithilfe von Staatsausgaben versuchte Peking, gegen die Krise anzusteuern. Die öffentlichen und privaten Investitionen waren in den vergangenen Jahren etwa halb so groß wie die gesamte chinesische Wirtschaftsleistung. Das ist selbst für Schwellenländer ein hoher Wert. In entwickelten Ländern wie Deutschland liegt er bei 17 Prozent.