Seine Kunden kommen aus Nashville, Los Angeles oder Tokio, die Büroarbeiten lässt er im belgischen Antwerpen erledigen, das Holz kauft er im amerikanischen Seattle – aber seine Werkstatt hat der Instrumentenbauer Jens Ritter in Deidesheim, einem idyllischen Kleinstädtchen an der Pfälzer Weinstraße. Hier entstehen jedes Jahr einige Dutzend seiner handgefertigten Elektro- und Bassgitarren, die weltweit begehrt (und entsprechend teuer) sind. Bei Jens Ritter haben Prince und George Benson gekauft, auch Musiker von Madonna oder Christina Aguilera waren schon da. "Ohne Internet hätte ich überhaupt keine Chance gehabt", sagt Ritter, "niemand hätte ein Flugticket gekauft, um zu mir aufs Dorf zu kommen." Doch dank der entsprechenden Links der Musiker erfährt die Welt von seiner Webseite; dort ist jedes Instrument mit Fotos und Sound verewigt.

Jens Ritters Erfolg ist ein idealtypisches Beispiel für das "Landleben 2.0", das einer Reihe von IT-Experten heute vorschwebt. "Informationstechnologie ist der entscheidende Faktor, wenn es darum geht, dem ländlichen Leben eine Zukunftsperspektive zu geben", sagt etwa Mario Trapp vom Fraunhofer Institut für experimentelles Software-Engineering in Kaiserslautern. Seine Vision ist es, schrumpfende Regionen durch moderne Technik wiederzubeleben, aus perspektivlosen Dörfern sollen künftig smart rural areas werden – so heißt jedenfalls der millionenschwere Forschungsverbund, den die Fraunhofer-Informatiker in den kommenden Jahren verfolgen: In Laborexperimenten und zwei Testregionen wollen sie die Chancen ausloten, die der IT-Einsatz für Infrastruktur, Mobilität und neue Arbeitsmodelle im ländlichen Raum hat.

Ist das die Patentlösung? Lässt sich das Dörfersterben tatsächlich mithilfe moderner Technik verhindern? Oder sind eher andere, soziale Impulse gefragt, um das Landleben attraktiver zu machen?

Klar ist: Das Fraunhofer-Projekt ist weit über Kaiserslautern hinaus interessant. Schließlich leben zwei Drittel aller Deutschen in ländlichen Gebieten, über die Hälfte in Orten mit weniger als 20.000 Einwohnern. Und von diesen Kleinstädten schrumpfen viele unaufhaltsam: Zuerst schließt der letzte Laden, dann die letzte Arztpraxis und am Ende auch die letzte Kneipe. Frei werdende Immobilien finden keine Käufer mehr, Leerstand breitet sich aus – was potenzielle Zuzügler erst recht verschreckt. So entsteht eine Abwärtsspirale des Bevölkerungsschwundes, die dazu führt, dass die Dörfer irgendwann kaum noch lebensfähig sind.

Nehmen wir etwa Merzalben, ein 1.000-Einwohner-Dorf im Landkreis Südwestpfalz. Früher lebte die Region von der Schuhindustrie rund um Pirmasens. Davon ist nichts mehr übrig, Arbeit gibt es jetzt im Daimler-Werk in Wörth, 70 Kilometer Landstraße entfernt. Ein Neubaugebiet in schöner Südwestlage oberhalb des Dorfes sollte junge Familien anlocken, doch das stundenlange Pendeln schreckte viele ab. 21 voll erschlossene Grundstücke stehen leer und belasten die Gemeindekasse. "Die Bevölkerung ist überaltert", klagt Ortsbürgermeister Benno Schwarz, 65. Vormittags bietet eine Bäckerfiliale noch Brot und Brötchen, Gemüse und Obst gibt es mittwochs bei einem fliegenden Händler, für den Rest sorgt Lidl in einem Gewerbegebiet der Nachbargemeinde. Das ist zehn Kilometer entfernt – zu weit, um es ohne Auto zu erreichen, aber zu nah, um Einzelhändlern im Dorf eine Chance zu lassen. Auch ein mobiler Verkaufsladen zog wieder ab. Überlebt hat nur der Bestatter. "Wir haben vieles probiert", sagt der Bürgermeister ratlos.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 10.12.2015.

Ein paar Mal am Tag fährt ein Rufsammeltaxi in die Kreishauptstadt, für einen Euro Zuschlag bringt es Fahrgäste sogar bis an die Haustür. Genutzt wird der Service kaum, am ehesten noch von den wenigen jungen Leuten, die abends in eine Kneipe wollen, ohne ihren Führerschein zu riskieren. "Die Senioren nehmen das Angebot nicht an", sagt Schwarz, "es ist halt etwas kompliziert und nichts, was sie von früher kennen."

Mit Internet und Mobilfunk ist Merzalben dagegen recht gut versorgt. Für IT-Unternehmen mit großem Datenverkehr würde es zwar nicht reichen, doch freie Architekten oder Softwaredesigner könnten damit durchaus arbeiten. Solche Selbstständigen sucht man in Merzalben allerdings vergeblich. Nur ein Schuhimporteur hat sein Büro am Ortsrand. Ein verlorenes Dorf?

Mitnichten, sagen die Fraunhofer-Forscher. Auch diese rural area könne dank Informationstechnik smart werden und zu neuer Blüte kommen. Eine Idee wäre zum Beispiel ein Linienfrachtbus. "Das ist das alte System Postkutsche", sagt Peter Liggesmeyer, der Chef des Kaiserslauterer Instituts. Denn in solch dünn besiedelten Regionen würden sich Paketzustellung oder Busverkehr alleine nicht rechnen. Anders sähe es aus, wenn Güter und Menschen zusammen transportiert würden – wie in der Postkutsche. Im Kopf der IT-Experten bekommt die alte Idee allerdings eine neue Gestalt: Eine Smartphone-App soll Angebot und Nachfrage bündeln. So könnten Busse auch Pakete mitnehmen oder Lieferdienste auch Menschen transportieren. Und regional erzeugte Lebensmittel könnten auf diese Weise vom Erzeuger ohne Umweg über Logistikzentren einen direkten Weg zu Endkunden in der Region finden. Um auch die letzten Kilometer ins entlegene Dorf zu organisieren, so die Vision, sollen Privatleute mit ihren Autos auf dem Rückweg vom Einkauf oder von der Arbeit einspringen – gegen Bezahlung.